Ron Sexsmith Special: Der Songwriter kommentiert seine komplette Diskografie


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Soundcheck im Studio des Berliner Admiralspalast. Ron Sexsmith hat Pause und sitzt mit einem Becher Kaffee in der Garderobe. Man hört die Band auf der Bühne spielen – all diese wundervollen Melodien, die Sexsmith in den letzten 16 Jahren für seine Alben aufnahm. Da kann man schon ein bisschen sentimental werden. Sein Freund und größter Fan Elvis Costello hat mal gesagt, Sexsmith sei der größte Melodiker seit Paul McCartney und hätte in den Sechzigern und Siebzigern vermutlich wesentlich mehr Erfolg gehabt als heute. „Vielleicht hat er Recht, aber tauschen möchte ich nicht“, kommentiert der 47-Jährige Kanadier die Ungnade der späten Geburt und kratzt sich an seinem Wuschelkopf. „Ich habe das große Glück gehabt, in einer Zeit aufzuwachsen, in der immer, wenn man das Radio anschaltete, ein großartiger Song lief. Selbst die One-Hit-Wonder waren brillant. Heutzutage ist das klassische Songwriting wie ich es betreibe, nicht mehr besonders gefragt. Ich komme mir oft vor wie jemand, der stabile altmodische Tische und Stühle baut. Ich bin unzeitgemäß, weil ich noch immer klare Strukturen und starke Melodien mag und viel Wert auf den Text lege. Wenn Cole Porter einen Song schrieb, war das auch auf dem Papier ein großer Song. Heute dagegen kommt es eher auf einen bestimmten Sound an als auf eine gute Komposition. David Grays ,Babylon’ würde man ja beispielsweise nicht einfach zu Klavierbegleitung singen wie etwa ,Stardust’.“

Für sein neues Album „Long Player, Late Bloomer“hat Sexsmith einen zeitgenössischen Mainstream-Produzenten verpflichtet – Bob Rock, Fachmann für zupackendes Handwerk von Metallica bis Michael Bublé. „Ich hatte einfach das Gefühl, dass meine letzten beiden Alben ziemlich untergegangen sind“, erklärt er. „Ich war kurz davor, den ganzen Krempel hinzuwerfen. Aber dann lernte ich Bob kennen und dachte, er könnte mir helfen, ein Album zu machen, das die Leute verstehen.“ Soviel Medienaufmerksamkeit wie für diese ungewöhnliche Kollaboration hat er jedenfalls lange nicht mehr bekommen – und auch die Verkäufe sprechen dafür, dass er alles richtig gemacht hat. Ein guter Zeitpunkt also, all die anderen wundervollen Alben des Kanadiers noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, und zu hören was der Songwriter dazu zu sagen hat. Er ist nicht unbedingt der beste Verkäufer seiner selbst, daher am Ende ein paar Songempfehlungen und kleines Ranking seiner Alben. Es sei noch bemerkt: Ein schlechtes Album hat Ron Sexsmith bisher nicht gemacht.

„Ron Sexsmith“ (1995)
1991 habe ich ein Album mit meiner Band The Uncool gemacht, „Grand Opera Lane“. Das haben wir bei Konzerten verkauft. War aber kein Erfolg. Ich arbeitete weiter als Kurier in Toronto und schrieb neue Songs. An die 200 insgesamt. Als es darum ging, mein erstes Soloalbum aufzunehmen, hat mich mein Verlag mit einigen Produzenten zusammengebracht. Darunter T Bone Burnett, Hugh Padham, Daniel Lanois – und Mitchell Froom. Mitchell gab mir gleich ein gutes Gefühl und half mir bei der Auswahl der Songs. Er hatte „Grand Opera Lane“ gehört und liebte „Speaking With The Angel“, deswegen haben wir das noch mal aufgenommen. Auch die meisten der anderen Lieder waren schon ein paar Jahre alt, und ich hatte sie schon oft in Bars gespielt. Mitchell spielte die Stücke dann auch gleich Elvis Costello vor, und der hat sehr geholfen, vor allem die Leute in England auf das Album aufmerksam zu machen.

Höhepunkte: „Lebanon, Tennesee“, „Secret Heart“, „Wastin’ Time“

„Other Songs“ (1997)
Die meisten der Songs habe ich auf Tour geschrieben. Für „Strawberry Blonde“ habe ich zwei Jahre gebraucht, bis ich endlich mit dem Text zufrieden war. Mein erster richtiger Story-Song. Die Arrangements sind ein bisschen offener auf diesem Album. Meine Stimme ist zu laut, und ich singe nicht besonders gut. Mitchell Froom ist ein großartiger Produzent, aber nicht notwendigerweise jemand, der viel Wert auf den Gesang legt. Zu der Zeit arbeitete er mit Tchad Blake als Toningenieur, und der sorgte für diese lässige Unschärfe. Auf meinen ersten drei Alben hört man viele seltsame Sounds – auch das war Tchad. Wenn irgendwer eine Tür zuknallte oder so, wollte er das immer gleich in den Track hineinmischen. Oder er wollte, dass man die Gitarre nur im linken Lautsprecher hört und solche Sachen. Das war alles irgendwie cool und arty, hat aber meiner Karriere wohl nicht so richtig geholfen. Oder nur insofern, dass die Leute, die mich mochten, mich ganz besonders mochten. Aber ich wollte eigentlich nie ein Kultkünstler werden. Ich wollte sein wie Elton John. Aber ich machte diese seltsamen kleinen Platten.

Höhepunkte: „Thinking Out Loud“, „Strawberry Blonde“, „At Different Times“

„Whereabouts“ (1999)
Neulich traf ich bei einem Konzert in Los Angeles John C. Reilly – einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler. Der erzählte mir, „Whereabouts“ sei sein liebstes Sexsmith-Album. Und das habe ich schon von vielen Leuten gehört. Für mich war das Album ein einziges Desaster. Die Plattenfirma erwartete nach zwei von Kritikern gelobten Alben endlich den kommerziellen Durchbruch und wollte nicht, dass ich wieder mit Mitchell Froom arbeite. Aber ich wollte das Album unbedingt wieder mit ihm machen. Es lastete ein ungeheurer Druck auf uns. Zudem gingen Mitchell und ich beide gerade durch eine Scheidung. Es war eine seltsame Stimmung, und wir waren mit dem Kopf woanders, als wir Blech- und Holzbläser und Streicher auf die Tracks schaufelten und versuchten, dieses wunderschöne Album zu machen. Dann fusionierte mein Label Interscope mit Geffen und A&M, und auf einmal waren andere Künstler wichtiger als ich, und man sagte mir: „Okay, wir bringen das Album raus, aber ein Video oder Radio-Promotion usw. können wir nicht machen.“ So ging „Whereabouts“ ziemlich unter.

Höhepunkte: „Right About Now“, „Feel For You“, „The Idiot Boy“, „Seem To Recall“

„Blue Boy“ (2001)
Wider erwarten gab Interscope mir die Möglichkeit, noch ein viertes Album zu machen. Unter zwei Bedingungen: Erstens sollte ich mir einen anderen Produzenten suchen, und zweitens musste das Budget um die Hälfte gekürzt werden. Die ersten drei Alben entstanden ja zu einer Zeit, als die Plattenfirmen noch Geld hatten, da hat jede Produktion 250.000 Dollar gekostet. Man riet mir, mit Steve Earle zu arbeiten, der gerade Lucinda Williams’ „Car Wheels On A Gravel Road“ produziert hatte. Ich kannte ihn schon seit 1988. Damals wollte er mir bereits helfen, einen Plattenvertrag zu bekommen. Aber er hatte ein ernstes Drogenproblem, und da waren seine Bemühungen nicht besonders effektiv. Für die Aufnahmen zu „Blue Boy“ hatten wir nur fünf Tage Zeit. Wir hatten 25 Songs, Arrangements gab es nicht. Es war einfach „Eins, zwei, drei – los geht’s!“

Höhepunkte: „Cheap Hotel“, „My Heart Talking“

„Cobblestone Runway“ (2002)
Alle sagten damals, meine ersten Alben wären ziemlich Retro gewesen, deswegen wollte ich etwas Moderneres machen. So eine Art Update eines Folk-Albums. Zu der Zeit war David Gray gerade sehr erfolgreich, der diese seltsamen Geräusche auf seinem Album hatte. Ich mochte das Album nicht, aber ich mochte die Produktion. Als wir „Cobblestone Runway“ machten, war ich gerade auf Tour. Deshalb habe ich nur die Songs mit akustischer Gitarre aufgenommen und den Rest dem Produzenten Martin Terefe überlassen. Ich habe ihm gesagt: „Spiel verrückt. Mach, was du willst.“ Er hat mir dann die Sachen immer ins Hotel geschickt, in dem ich gerade war, und ich habe ihm Rückmeldung gegeben, was mir gefiel und was nicht. Ich mag das Album immer noch sehr –nur mein Gesang ist fürchterlich. Ich klinge wie Kermit der Frosch. Ich hatte immer Probleme mit meiner Stimme, die war zu nasal und hatte zu viel Vibrato. Schon auf „Blue Boy“ habe ich versucht, runder zu singen, auf „Cobblestone Runway“ habe ich es dann etwas übertrieben.

Höhepunkte: „These Days“, „Disappearing Act“, „Gold In Them Hills“

„Retriever“ (2004)
Ich wurde gezwungen, diese Platte zu machen. Ich war ziemlich schlecht drauf nach einer sehr langen Tour. Die letzten Konzerte waren irgendwo in Australien, und ich wollte nur noch nach Hause. Da rief mich mein Manager an und sagte: „Martin Terefe hat ein paar freie Tage in London und würde gerne deine neuen Songs aufnehmen.“ Und ich dachte: „Warum die Eile? Warum jetzt?“ Aber ich habe dann zum Glück doch zugesagt. Unter der Bedingung, dass Martin die Songs aussucht, die wir aufnehmen würden. Ich schickte ihm 30 Demos, und als ich in London eintraf, fingen wir sofort an. Martins Song-Auswahl war eher auf der Pop-Seite, das hatte ich auch so erwartet. „Retriever“ ist vermutlich immer noch mein Lieblingsalbum. Das war die erste Platte, die so klang, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Ich erinnere mich, wie ich „Not About To Lose“, „Whatever It Takes“ und „How On Earth“ zum ersten Mal durch die Studiolautsprecher hörte und dachte: „Ich habe ein Hit-Album gemacht.“ Für meine Verhältnisse war es das auch. In Kanada schaffte es „Retriever“ in die Charts – und in Deutschland auch! Da habe ich 11.000 Stück verkauft. Wenn man bedenkt, dass vorher zu meinen Solokonzerten bei euch immer so zehn bis 15 Leute kamen, war das schon beachtlich. Früher wollte ich nie nach Deutschland. In Irland und Schweden lief’s ganz gut, aber immer, wenn ich auf dem Tourplan sah, dass ich nach Deutschland musste, dachte ich: „Oh, Mann, wollt ihr mich fertig machen? Ich bin gerade echt guter Dinge, aber nach diesen Shows werde ich wider unheimlich deprimiert sein.“ Mit „Retriever“ ging es dann bergauf.

Höhepunkte: „Hard Bargain“, „Whatever It Takes“, „How On Earth“

Sexsmith & Kerr „Destination Unknown“ (2005)
Die eher countryesken Stücke, die Martin Terefe vor den „Retriever“-Sessions aussortiert hatte, landeten dann auf dem Album „Destination Unknown“. Einer der Songs, „Only Me“, erinnerte mich irgendwie an die Everly Brothers. Also fragte ich meinen alten Freund Don Kerr, mit dem ich schon seit den Achtzigern zusammenarbeitete und der lange in meiner Tourband Schlagzeug spielte, ob er nicht Harmonie dazu beisteuern wollte. Ich nahm also alle Stücke auf und gab sie ihm, damit er seine Gesangsparts üben konnte. Don hat die Demos dann gleich als Grundlage für seine Produktion genommen. Ein schönes kleines Album.

Höhepunkte: „Reacquainted“, „Counting On Time“, „Raindrops In My Coffee“

„Time Being“ (2006)
Es war vielleicht keine gute Idee, nach dem kleinen kommerziellen Durchbruch mit dem vergleichsweise gut gelaunten „Retriever“ ein Album zu machen, auf dem es fast ausschließlich um den Tod geht. Ich kam von einer langen Tour nach Hause, und ein Freund war gestorben. Da schrieb ich diese Songs, auf die ich immer noch sehr stolz bin. Alle paar Wochen telefoniere ich mit meinem Freund Mitchell Froom, und irgendwann erzählte ich ihm von diesen Liedern. Er meinte: „Schick mir die doch mal.“ Das habe ich getan, und er war begeistert. Da dachte ich, es könnte die richtige Zeit sein, mal wieder mit ihm zu arbeiten. Und von allen Alben, die ich mit ihm machte, ist das mein liebstes – es ist so direkt und kompakt, weil er nicht mehr mit Tchad Blake arbeitete. Die Aufnahmen haben einen Riesenspaß gemacht – allein all die Leute, die er mit ins Studio brachte: Pete Thomas, David Farragher – quasi Elvis Costellos Band. „All In Good Time“ und „Never Give Up“ klangen für mich wie Hits. Naja, da war ich wohl der einzige. Ich bin sehr stolz auf diese Platte, aber sie hatte nur ein sehr kurzes Leben.

Höhepunkte: „Hands Of Time“, „All In Good Time“, „Cold-Hearted Wind“

„Exit Strategy Of The Soul“ (2008)
Noch ein Album, an dem ich hart gearbeitet habe und das keiner hören wollte. Ich versuche immer, neue Wege zu gehen, um mich nicht zu wiederholen. Hier ist mir das auch textlich gelungen. Der erste Song, den ich schrieb, war „This Is How I Know“, und der hatte für mich so eine Gospel-Anmutung. Als ich weiterschrieb, merkte ich, dass auch die anderen Texte eine spirituelle Seite hatten. Die Musik habe ich größtenteils auf dem Klavier geschrieben. Wenn ich mit Mitchell Froom aufnehme, traue ich mich nie, in seiner Gegenwart Klavier zu spielen. Aber mit Martin Terefe macht mir es mir nichts aus, ein bisschen auf den Tasten zu dilettieren. Die Idee für das Album war: Ich spiele meine unperfekten, ungeschliffenen Klavierparts und die Musiker spielen drumherum. Normalerweise nehme ich erst die Musik auf und singe nur zur Orientierung der Musiker auch den Text dazu. Der eigentliche Gesang wird dann später aufgenommen. Aber dieses Mal haben wir den ursprünglichen Gesang draufgelassen, weil er einfach persönlicher und spontaner klang als die technisch besseren Takes, die wir später aufnahmen. Martin hat dann noch diese kubanischen Bläser eingefügt – ehrlich gesagt hat meine Musik sonst überhaupt nichts Kubanisches. Aber als ich das zum ersten Mal hörte, war ich begeistert. Das gab der Musik eine ganz andere Stimmung als auf allen anderen Platten, die ich bis dahin gemacht hatte.

Höhepunkte: „This Is How I Now“, „One Last Round“, „Chased By Love“

„Long Player, Late Bloomer“ (2011)
Endlich wieder eine Platte, die wahrgenommen wird, ein Momentum hat. Vielleicht weil ich drei Jahre lang keine Platte mehr gemacht hatte, vielleicht weil einige Leute neugierig geworden sind, wie ich mit Bob Rock gearbeitet habe, vielleicht weil wir das Jahr des Hasen haben – das ist mein chinesisches Horoskopzeichen. Die Songs sind sehr zugänglich, die Produktion ist sehr poliert. Die Texte sind in der ersten Hälfte ziemlich desillusioniert und deprimierend, weil ich mich in einem Karrieretief befand. Aber sie sind ja auch ein bisschen lustig, oder? Da ist viel Selbstironie drin. Das gab es bisher bei mir in der Form nicht. Ich bin wirklich stolz auf „Long Player, Late Bloomer“ – aber mein Enthusiasmus bekam schnell einen Dämpfer, als wir aus dem Studio kamen und für das Album ein Label suchten. Niemand wollte es haben – die Leute, die früher sagten, ich sei nicht kommerziell genug, sagten jetzt: „Das klingt zu sehr nach Mainstream.“ Ich konnte es nicht glauben! In der Zeit habe ich das nächste Album geschrieben – wird also vermutlich keine Gute-Laune-Platte werden. Eher ein bisschen skeptisch. Eher Guitar-picking-Folksongs. Ich überlege schon, mit wem ich die aufnehmen könnte: T Bone Burnett vielleicht – oder Phil Ramone, ich mag das neue Paul-Simon-Album, das er produziert hat. Das Problem ist natürlich: Selbst wenn ich mich für einen Produzenten entschieden habe und der Interesse hat, heißt das ja noch lange nicht, dass ich mir das auch finanziell leisten kann.

Höhepunkte: „Believe It When I See It“, „Everytime I Follow“, „Love Shines“

Die Ron-Sexsmith-Alben im Redaktions-Ranking:

1. „Whereabouts“

2. „Retriever“

3. „Other Songs“

4. „Cobblestone Runway“

5. „Ron Sexsmith“

6. „Long Player, Late Bloomer“

7. „Destination Unknown“

8. „Time Being“

9. „Exit Strategy Of The Soul“

10. „Blue Boy“

(Das Ranking finden Sie ebenso in unserer Bildergalerie.)