Roskilde Festival, Tag 1: Der Tag der Schmerzensmänner


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Das mit der Sonnencreme muss man den Dänen noch beibringen – wie sie ein Festival von Weltrang auf die Beine stellen, wissen sie indes. Während man also wie schon in den Jahren zuvor vom freundlich-professionellen Vibe des Roskilde begrüßt wird, sieht man den meisten an, dass die vier Tage des sogenannten Warm-ups recht sonnige waren. Knusperrote Oberschenkel überstrahlen strahlend blaue Jeans-Hot-Pants, Nasen pellen im Abendlicht, V-Ausschnitte offenbaren, dass man an den Tag zuvor normale T-Shirts trug. Nun ja – bevor man hier ins Lästern gerät: Die Sache mit dem Sonnenbrand wird sich bald erledigt haben, denn während diese Zeile geschrieben werden, hat der Dauerregen Einzug gehalten.

Unter diesen Bedingungen ist es ein Leichtes den vorherigen, zwar meist grauen, aber trockenen und sommerlich warmen Tag und Abend zu verklären. Aber es war auch musikalisch ein toller Start. Das ging schon am frühen Abend los, als man kurz nach der Ankunft in die letzten Songs von Kraftklub stolperte, die in einem recht vollen Zelt spielten und selbst die anwesenden Dänen mitrissen. Es hat  ja auf dem Roskilde Tradition, dass man auch für die deutschen Besucher mitbucht. Deichkind holten hier schon mal des nächtens die Zitze raus, Bonaparte luden zum Maskenball, letztes Jahr hatten die Beatsteaks einen Mittags-Slot auf der zweitgrößten Bühne – und in diesem Jahr sind unter anderem Modeselektor (die Ohrenzeugenberichten zu Folge auf der Campingplatzbühne gestern für, man höre und staune, Moshpits sorgten – was sie wohl selbst nicht so ganz verstanden), Paule Kalkbrenner, Ter Haar und eben Kraftklub an Bord. Wurde im Vorfeld noch gewitzelt, dass vielleicht niemand merken wird, dass da NICHT die Hives spielen – machten die Herren um die Geschwister Kummer aka Brummer schnell deutlich, dass sie es nicht nötig haben, mit den langweiligen Schweden in einen Top geworfen zu werden. In herrlichem Schulenglisch erklärten sie sich und ein paar ihrer Songs. „The last song was about not wanting to go to Berlin by the way“ – und auch, wenn die Dänen das nicht verstehen, weil sie ja nur zu gerne kommen, wie man an der Warschauer Str. ja täglich merken kann, jubelte und grölten sie. Kein Wunder, so breit wie die Kraftklub-Herren von der Bühne grinsten und sich mit Verve in ihre Songs warfen – da konnte man schlecht ruhig bleiben. Die Shins spielten derweil wieder mal eine Mischung aus altem und neuem und empfehlen sich so langsam als netteste Festivalband der Saison. Schade, dass man bald wohl wieder eine Weile warten muss, um sie live zu sehen. Wir haben uns gerade an den Zwei-Wochen-Takt gewöhnt (sie spielten ja auch auf dem Hurricane.)

Nach diesem beschwingten Auftakt gehörte der Abend dann aber den Schmerzensmännern: Ein heutzutage schon fast legendäre Heulboje, eine sensibler androgyner Zweifler und ein testosteron schwitzender Dicke-Eier-Rapper machten den Abend unter sich aus. Namentlich hat man es hier mit Robert Smith und The Cure, Mike Hadreas alias Perfume Genius und den neuen „HipHop Shootingstar“ A$AP Rocky zu tun. The Cure füllten den größten Teil des Abends und spielten exakt drei Stunden lang. War man als relativer The Cure-Konzert-Frischling schon von seinem Set auf dem Hurricane angetan, gab es hier nun eine Show, die noch einiges mehr zu bieten hatte: Auf den Punkt drei Stunden lang spielte Smith dabei und eröffnete passgenau mit „Open“ und „High“ – zwei Songs, aus den man sich auf dem Roskilde nur zu gut ein paar Zeilen zu Herzen nehmen konnte.

i really don’t know what i’m doing here

i really think i should’ve gone to bed tonight but…

just one drink

and there’re some people to meet you

i think that you’ll like them

i have to say we do

and i promise in less than an hour we will honestly go

now why don’t i just get you another

while you just say hello…

yeah just say hello…

Das tat man nur zu gerne – und als Smith dann mit leicht nach oben zuckenden Mundwinkeln sang „Here I go again“ sah man, dass der Herr sowas von Bock hatte auf diesen Abend. Salopp gesprochen. „High“ war ähnlich treffsicher. Ein Blick auf die umstehenden, und dabei auf den jungen Mann mit dem 15cm-Joint und man grinste sich die Zeilen:

when i see you sky as a kite

as high as i might

i can’t get that high

the how you move

Dennoch kam natürlich das Leiden nicht zu kurz: „Pictures Of You“ wie immer eine Offenbarung, „In Between Days“ himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt zugleich und im „The Forest“ verliert man sich immer wieder zu gerne. Tja – und dann muss man nur auf die Setlist schauen, um zu sehen, was das für ein Abend war. Drei Zugaben, 36 Songs. Danke, Mr. Smith!

Wer sich kurz wegstahl von diesem Leidensfest, der konnte auf der wunderschönen Bühne des Glorias sehen, wie Perfume Genius mit dezent lackierten Fingern seine wunderschönen Balladen in die Nacht sang – eine künstliche Nacht, denn das Zelt war dunkel und wurde von einem künstlichen Sternenhimmel illuminiert. Was ja nur zu gut passte. Wer den totalen Gegensatz wollte, der ging dann noch zu A$AP Rocky – dem neuen Rap-Shootingstar, der, wie schon erwähnt, wohl unter zu dicken Eiern leidet. Seine Songs in allen Ehren, seine Skills meinetwegen auch, aber die ständigen Griffe an den Unterleib und das ständige raushauen von „Bitch!“ ging einem irgendwann einfach auf den Sack. Den um Gleichstellung bemühten Dänen ging es da wohl anders – sie nickten und johlten im Takt, während Rocky mit dünnem Stimmchen und leicht heiser seine Songs rausshaute.

Der Abschluss dann bunt und abgefahren wie eh und je mit den Herren von Apparatjik, die eine visuelles Feuerwerk starteten und jeden Song neu visuell gestalteten. Die Stars und den Kostümen sah man dabei nie – und leider geriet auch die eigentlich sehr gute Musik oft ins Hintertreffen bei den Licht und Schatten-Effekten dieses Allstar-Projekts. Dennoch: Ein furioser Ausklang eines tollen Abends. So darf es weitergehen – gerne ohne Regen.

Morgen mehr!