Simple Minds: Jim Kerr im Interview. „Simple Minds x5“-CD-Box gewinnen!



33 Jahre ist es her, dass Simple Minds ihr erstes Album veröffentlichten. „Life In A Day“ war der Startschuss für eine beeindruckende Karriere. Nun ist die Band aus Glasgow mit einer Show der besonderen Art zurück. „Simple Minds 5×5 Live“ ist eine Hommage an die ersten fünf Alben der Band. Jeweils fünf Songs von „Life In A Day“, „Real to Real  Cacophony“, „Empires And Dance“, „Sons And Fascination/Sister Feelings Calling“ und „New Gold Dream (81, 82, 83, 84)“ werden auf die Bühne gebracht. Wir präsentieren das Konzert am 19. Februar 2012 im Berliner Admiralspalast – ihr einziges in Deutschland im Rahmen dieser Tour.

Mr. Kerr, Sie spielen auf der kommenden Tour ausschließlich Material, das 30 Jahre oder älter ist. Ist es Zeit zurückzublicken?
Ja ist es wohl. Nächstes Jahr wird ohne Zweifel eine Tour über Nostalgie werden, aber trotzdem schreiben wir noch und nehmen gerade wieder neues Material auf. Nächste Woche geht’s zurück ins Studio. Ich glaube wenn man so lange im Geschäft ist, macht man immer beides gleichzeitig – zurückblicken und sich weiterentwickeln. Aber die kommende Tour legt vor allem den Fokus auf die frühe Zeit, auf Songs, die von uns live übersehen wurden und vor allem auch auf Songs, die von unserer Plattenfirma EMI übersehen wurden. Die haben sich entschieden alles wieder zu vermarkten, wieder zu veröffentlichen, wieder zu verpacken…wieder, wieder, wieder. Auf unserer letzten Tour haben wir schon Elemente dieser Periode gespielt und gemerkt, dass dies die Songs sind, die uns am meisten begeistern.

Ist es auch ein Geschenk an Ihre Fans?
Ich denke, es wird sich so anfühlen. Sehr viele Fans haben uns darum gebeten, so ein Set zu spielen. Insbesondere die Hardcore-Fans, die von Anfang an mit dabei waren; aber auch neue Fans, die damals noch zu jung waren und nun unser älteres Material entdecken.

Über die Jahre haben Sie viele unterschiedliche Phasen durchgemacht. Die Entwicklung ging von Post-Punk, Experimental, New Wave bis hin zu Stadium Rock.  Gibt es eine musikalische Essenz der Simple Minds?
Die Essenz liegt darin, dass wir all diese Veränderungen durchleben konnten und trotzdem keine Identitätskrise haben. Für andere Bands wäre das vielleicht zu viel gewesen. Ich bin dankbar, dass du fragst, denn ich merke gerade, dass genau in diesen Veränderungen die Essenz der Simple Minds liegt.

Die Entwicklung ist also noch nicht abgeschlossen?
Auf keinen Fall. Es ist toll solch eine lange Geschichte, einen solchen Katalog zu haben, aber niemand will sich wie ein Museumsstück fühlen. Um das zu vermeiden, muss man neue Kapitel schreiben. Das Forschen geht weiter!

Gibt es Dinge in Ihrer 33-jährigen Bandgeschichte, die Sie bereuen?
Wir bereuen natürlich. Aber es ist nicht so, dass wir diese Gedanken ständig mit uns herumschleppen. Man bereut Dinge, wie Material veröffentlicht zu haben, das vielleicht noch nicht ganz fertig war, oder vielleicht zu lange auf Tour gewesen zu sein. Es handelt sich eigentlich mehr um organisatorische Dinge. Fehler sind wichtig. Fehler sind sehr wichtig. Ich würde niemals Fehler bereuen, obwohl es da so einige gab. Fehler sind wichtig, wie willst du sonst was lernen? Rückblickend hätten wir sicherlich Dinge anders gemacht, aber zu der Zeit waren sie richtig.

Waren Sie jemals kurz davor sich zu trennen?
Ja, da gab es mehrere Momente, aber das ist ja auch Teil des Weges. Wenn man etwas so lange macht, gibt es Zeiten wo du keine Energie hast, dich selber langweilst, du denkst alles wurde bereits gesagt und getan. Es ist wie Ebbe und Flut.

Hätten Sie in den 90ern eine Pause einlegen sollen? Sie haben mal gesagt, Sie hätten sich für sich selbst geschämt.
Oh ja, wir hätten eine Pause machen sollen. Pausen können gut sein. Geschämt? Ich will jetzt nicht abstreiten, dass ich das gesagt habe, aber ich weiß nicht genau, wofür ich mich hätte schämen sollen. Man versucht sein Bestes, und es klappt oder es klappt nicht. Ich hätte mich geschämt, wenn ich nicht mein Bestes versucht hätte.

Sie und Charlie Burchill sind die einzigen Gründungsmitglieder, die noch dabei sind. Wissen Sie, was die ehemaligen Mitglieder heute machen?
Charlie und ich sind die Originalmitglieder, wir haben die Band damals in der Schule gegründet. Die Jungs, die bei den ersten Platten mitgespielt haben, sind in Glasgow. Ehrlich gesagt, höre ich nicht viel von denen, aber sie haben Ehen und Babys und solche Dinge.

Es scheint ein Trend zu sein, komplette Alben live nachzuspielen. Kollegen wie David Bowie, Pink Floyd, Brian Wilson oder Bruce Springsteen haben es getan. Wird das auch Ihr nächster Schritt sein?
Ich denke, die kommende Tour ist unsere Version davon. Das stimmt, viele Künstler haben ganze Alben nachgespielt – und sag niemals nie – aber ich mag unsere Version. Wir haben fünf Alben in der Zeit von 1979 bis 1982 gemacht, und ich habe absolut keine Ahnung, wie wir das geschafft haben  – wir waren ja parallel die ganze Zeit auf Tour. Da war eine unglaubliche Energie – physische Energie und kreative Energie – für uns war diese Zeit eine „Meilenstein-Zeit“.

Ihre Favoriten im Set?
Eigentlich unser erster Song „Life In A Day“, den mag ich sehr gerne. Ich mag „Chelsea Girl“. Songs auf „Real To Real…“ wie „Changeling“, „I Travel“ oder „Today I Died Again“.

Also eigentlich die Singles.
Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht, aber du hast Recht!

„Chelsea Girl“, vom Album „Life In A Day“,  wurde 1979 als Single veröffentlicht. Das Supermodel Jean Shrimpton ist auf dem Cover, handelt der Song von ihr?
Als wir unseren ersten Plattenvertrag in diesem großen, schicken Londoner Büro unterschrieben, kamen wir aus Glasgow. Es war unsere erste Erfahrung mit London, wir waren das erste Mal in einer richtig großen Stadt. In diesem Anwaltsbüro hing ein riesiges Porträt von Jean Shrimpton, das hat mich wirklich beeindruckt. In Glasgow hatte ich mich nie mit Klassenstruktur beschäftigt, denn in Glasgow sind alle aus der Arbeiterklasse. Aber in London, da wurde mir bewusst, dass es so etwas wie Klassenunterschiede gibt. All diese Mädchen die da so „rumhingen“ waren natürlich aus einer anderen Klasse. Interessanterweise läuft jetzt im britischen TV eine Reality Show über diese privilegierten Chelsea Kids. Genau das war es, was ich ausdrücken wollte. („Made In Chelsea“ läuft auf dem britischen TV-Sender E4. Anm. d. Red.)

Ihre Tochter ist 26, informiert sie Sie über neue, junge Bands oder nimmt Sie mit zu Konzerten?
Da sie gerade Zwillinge auf die Welt gebracht hat, bin ich leider derzeit der Einzige der zu Konzerten geht. Und natürlich mein 19-jähriger Sohn. Oh ja, ich bin interessiert an jungen Bands. Es gibt ein paar interessante Radiostationen, und einer meiner besten Freunde hat eine Radioshow in Glasgow. Er schickt mir alles was er gut findet.

Aktuelle Lieblinge?
Sie haben zwar schon einige Platten gemacht, aber für mich sind sie neu: Ich mag The Horrors, die sind von den frühen Simple Minds gar nicht so weit entfernt.

Was ich schon immer mal fragen wollte, Mr. Kerr: Hat Nelson Mandela „Mandela Day“ gehört?
Ja, er hat den Song gehört, aber er hat nichts dazu gesagt. Ob du es glaubst oder nicht: Viel mehr hat ihn interessiert, dass wir aus Schottland kommen. Nicht viele wissen das, aber Mandela liebt Fischen. Ich weiß überhaupt nichts übers Fischen, aber er hat die ganze Zeit gefragt, wie die schottischen Flüsse denn so zum Fischen sind und gesagt, dass er unbedingt Zeit in Schottland verbringen will. Er dachte wohl: Schotte zu sein, bedeutet Fischer zu sein.

Wir verlosen zur Feier des Tages eine 5-CD-Box „Simple Minds x5“ mit, logisch, den ersten fünf Alben auf CD. Wer eine haben möchte, der schreibe eine Mail mit dem Stichwort „Simple Minds x5“ an verlosung@www.rollingstone. Viel Glück!