So war das Berlin Festival: Das Rollfeld, unendliche Weiten


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Eine Runde Auto-Scooter fahren, im Art Village noch einmal das Toastbild von Amy Winehouse fotografieren, kurz Casper anschauen, wie er vor johlender Meute von Kitaplätzen rappt, ein paar Tracks lang bei Boys Noize zum Bollerbeat rumspacken, hören ob der neue dEUS-Track „Ghosts“ live ebenso geil ist wie auf dem neuen Album, und dann natürlich noch einmal mit Blick auf die unendlichen Weiten des Rollfelds auf den Boden fläzen, mit den leutchtenden Buchstaben „BERLIN – TEMPELHOF“ im Rücken – nach einer Runde dieser Art spürte man ihn wieder, diesen entspannten Flow, den das Berlin Festival entwickeln kann, wenn alles leuchtet, alles tönt – und vor allem: alles mehr oder minder rund läuft.

Denn das war die größte Sorge an diesem Wochenende, nachdem man im letzten Jahr mit einem vorzeitigen Abbruch, schlechtem Sound, langen Wartezeiten am Einlass und unsinnigen Publikumsschleusen für Aggressionen und Unmut gesorgt hatte. So glaubte man am Freitag, als gerade mal rund 9.000 Menschen über das für 25.000 genehmigte Areal streiften, dass viele bewusst fortgeblieben waren, um das Berlin Festival für genau diese Dinge abzustrafen. Aber, und das wurde schon nach den ersten Stunden am Freitag deutlich: Es wird wieder!

So hatte man sich im Vergleich zum Vorjahr von der Idee verabschiedet, die Acts der Nebenbühnen in den geschlossenen Hangar-Hallen spielen zu lassen, was in Sachen Light-Show bessere Möglichkeit bietet, aber zur Folge hat, dass man bei den Headlinern auch mal das Pech haben kann, draußen bleiben zu müssen.  Nun waren die Stages in Hangar 4 und 5 an den langen Seitenwänden platziert, wo sie zwar ein wenig verloren wirkten, aber mit den offenen Rolltoren auf den Gegenseiten für ausreichend Platz sorgten. Dass man diesen riesigen, betonierten Platz auch mit Leben füllen kann, zeigten dann z.B. Casper, der sich leidenschaftlich, mit wehendem Seitenscheitel und tausend Dankesworten für seine Fans in die Songs warf. Oder die quirligen CSS mit ihrem trashigen Pop-Entwurf und der wunderbaren Bühnen-Aerobic von Sängerin Lovefoxxx. Oder die Bloody Beetrots Death Crew 77, die Rockerpathos mit stürmischen Electro verbinden und für ihren Remix des Refused-Klassikers „New Noise“ gar deren Ex-Sänger Dennis Lyxzén zu Gast hatten – sehr zur Freude des Hardcore-sozialisierten Casper übrigens.

Allerdings merkte man auch in diesem Jahr wieder, dass der Flughafen Tempelhof zwar eine imposante Kulisse bietet, für Soundmischer jedoch ein böses Biest bleibt. So schwankte der Sound zwischen breiig und brauchbar, beim Samstagsheadliner Beginner zum Beispiel oder bei den ersten Songs von Beirut, die mit gefühlt 23 verschiedenen Blasinstrumenten aller Größen außergewöhnliche Klänge über das Rollfeld schickten. Im Vergleich zu 2011 hat sich jedoch einiges getan – und wenn man sich nun endlich mal auf eine Bühnenplatzierungen festgelegt hat, sollte das Soundproblem doch wohl in den Griff zu bekommen seien.

Die wohl mächtigsten Bässe des Wochenendes eröffneten das Berlin Festival, als James Blake am Freitag bereits um 14 Uhr die Hauptbühne betrat. Das Kalkül, mit dem schwer gehypten Blake das Publikum früh auf das Gelände zu holen, ging jedoch nur bedingt auf, was auch an dem mal wieder langwierigen Einlassprozedere las. Wer es rechtzeitig hineinschaffte, weil er pünktlich genug war, Urlaub oder einen laxen Arbeitgeber hatte, oder die letzte Schulstunde schwänzte, der sah ein mal wieder statisches Blake-Set, bei dem man jedoch raushörte, wie gut der Bubi mit Bässen kann. „Limit To Your Love“ funktionierte so in der Bauchregion fast besser als im Gehörgang. Eher fürs Auge wiederum waren die ebenfalls heiß gehandelten Austra, die ihren überkühlen Pop wie ein buntes Hippiekollektiv inszenierten, bei dem Katie Stelmanis gleich mehrmals ihren Namen tanzte. Dann doch lieber Yelle und Oh Land, die für Auge und Ohr gleichermaßen funktionierten. Die Rückkehr von The Rapture ging derweil gut in die Füße, selbst wenn die Band auf ungeschmückter Bühne ein wenig unter Wert verkauft wirkte. Dafür hielten sich die neuen Stücke wie „How Deep Is Your Love“ und „Miss You“ wacker neben den Überhits „Get Myself Into It“ und „House Of Jealous Lovers“.  Erstaunlicherweise war der Gig von den Drums dann alles andere als der müde aufgekochte Hype des letzten Jahres: Zwar ist die Songqualität ihres Zweitlings „Portamento“ recht flatterig, viele dieser kleinen The Cure meets The Beach Boys-Bastarde gingen dennoch ans Herz. Während Hercules & Love Affair mit ihrem Geschlechter- und Ufer-übergreifenden Sex-Appeal den Hangar 5 wahlweise bezirzten und verwirrten, bewiesen die Battles, dass sie immer gewöhnlicher werden je mehr Gastsänger sie haben.

Den Abendausklang des Berlin Festival-Freitags besorgten dann die Helden von Vorgestern – allerdings Vertreter, die sich gut gehalten haben: Primal Scream spielten einen Großteil von „Screamadelica“ plus Mini-Greatest-Hits-Set und waren dabei überraschend agil. Allen voran Bobby Gillespie, den man gern fragen wollte, warum er nicht so verlebt aussieht, wie er eigentlich aussehen müsste. Der wuchtige Einstieg mit „Movin‘ On Up“ und das meditative „I’m Coming Down“, mit diesem wundervollen cheesy Saxophon, markierten die Höhepunkte des Sets, während „Loaded“ leider zu viele Rasselsounds und zu wenig Ravebumms hatte – was man aber auch dem Soundmann ankreiden könnte. Nostalgisch und ein wenig traurig, dass Brett Anderson sich mit seinem zweiten, extrem wimmerigen Soloalbum aufs Abstellgleis manövriert hat, schaute man dann auf Suede, die wie schon auf dem Hurricane eine Greatest Hits-Set des Suede-Schaffens mit viel Bühnensport inszenierten. Wer dann noch konnte, fuhr mit Sightseeing-Doppeldecker-Bussen zur Arena in Treptow, wo beim so genannten „Club XBerg“ noch bis zum Frühschoppen geschunkelt werden konnte. Wen es also die ganze Zeit schon gen Flugfeld drängte, der kam endlich auf seine Kosten, da sich drei Busse im Parkweggewirr verirrt hatten und mit johlendem Publikum an Bord ein paar Runden über das Areal drehten.

Am Samstag hatte es sich dann anscheinend rumgesprochen, dass man das Berlin Festival in diesem Jahr ganz gut am Kopf haben kann: Oder aber das Line-up mit Beirut, Boys Noize, Beginner, Mogwai und Casper war einfach überzeugender als das britische Nostalgie-Package vom Vortag. Die Zuschauerzahl hatte sich jedenfalls augenscheinlich verdoppelt – was sich erfreulicherweise nur vor den gut gefüllten Bühnen bemerkbar machte. Der Stressfaktor blieb auf dem eigentlichen Gelände weiterhin minimal, während das Spätsommerwetter sein übriges tat. Manch einer machte es da richtig, legte sich mit geschlossenen Augen auf den warmen Asphalt und ließ sich so von den atmosphärischen Sounds von Mount Kimbie umgarnen. Wer schöne Frauen schauen wollte, entdeckte derweil die Engländerin Florrie für sich, die neben diversen Modeljobs selbst Musik produziert und schon für die Pet Shop Boys und Girls Aloud live die Drumsticks schwang. Musikalisch klingt sie wie die exakte Kreuzung der beiden genannten. Wenn sie noch ein wenig öfter auf ihre charmante Stimme setzt und diesen Autotune-Scheiß sein lässt, kann und darf das gerne was werden. Überraschend toll geriet der Beweis, dass The Naked And Famous nicht das „Young Blood“-One-Hit-Wonder sind, das viele in ihnen sehen wollen. Der melancholiebetriebene Pop der Kiwis ist nämlich erstens tiefschürfender, als man glaubt und zweitens mit solch einem Charme und einer Energie in Szene gesetzt, dass der Jubel zurecht nicht nur beim Hit recht laut ausfiel. „Punching In A Dream“ an einem dunstigen Spätsommertag – ein perfect match. Balkan-schunkelig aber ergreifend wurde es dann bei Zach Condon und seiner aktuellen Beirut-Besetzung, die den größten Blasinstrumenten-Anteil des Wochenendes aufbrachten. Man hörte live wenig davon, dass sich Condon auf seinem dritten Album „The Rip Tide“ ein wenig mit dem Instrumentarium gezügelt hatte.

Der Gegensatz zum dickeierigen Electro von Boys Noize hätte nicht größer sein können. Doch auch hier grätschten Soundprobleme in den Auftritt, als für ein paar Minuten nur die Monitorboxen funktionierten und Alexander Ridha einen unfreiwillig komischen Stummtanz hinlegte – sah fast aus wie die tanzenden Menschen in der Silent Disco am anderen Ende des Geländes.  Aber kaum waren die Bässe wieder da und die Flammenwerfer an der Bühne in vollem Feuer – Rammstein lässt grüßen – gab‘ nix mehr zu Meckern. Der erste Auftritt seit sieben Jahren von Denyo und Jan Delay bzw. The Artist Formerly Known As Absolute Beginner bzw. Beginner fiel weniger nostalgisch aus, als befürchtet. Die Beginner hatten die Songs elektronisch aufgemotzt und dazu recht knallige Visuals am Start – und passten damit ganz gut in die Jetztzeit. Auf die Tierkostüme bei „Gustav Gans“ musste man aber dennoch nicht verzichten. Wer es zum Abschluss andächtiger wollte, der stellte sich in die Mogwai-Gemeinde, und schaute den Schotten zu, wie sie wie immer auf hohem Niveau musizieren und/oder stagnieren – je nach Sichtweise.

Als man dann am Samstag dem Flugfeld Goodbye sagte, noch einmal durch die ehemalige Abflughalle schlenderte und das Spät-Nacht-Programm in der Arena sausen ließ, da hatte sich so manch einer mit dieser Veranstaltung versöhnt, die es einen in den letzten Jahren manchmal ein wenig schwer gemacht hatte. Und das dürfte die wohl beste Nachricht für das Berlin Festival sein, selbst wenn das Publikum sicher zahlreicher hätte erscheinen können.