So waren Neneh Cherry und The Thing im Berliner Radialsystem


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Als Mats Gustafsson letztes Jahr an der Seite von Peter Brötzmann Berlin besuchte, standen die Zeichen auf sonische Überwältigung. Full Blast nannte sich diese Formation passend, reine Hot House-Interaktion war ihr Begehr. Ein energetischer Brocken ohne Retardation und Pausen, dessen Gewalt man gerade noch bemessen konnte in mählich ausbrechendem Magma oder flutartig alles einebnenden Lavaströmen. An den weiteren drei Abenden des diesjährigen A L’Arme-Festivals sollten noch sämtliche Beteiligten dieses denkwürdigen Angriffs in anderen Besetzungen auftreten. Zum Auftakt musste Gustafsson selbst zunächst einmal unter veränderten Vorzeichen operieren.

Gemeinsam mit dem manisch am Bass tiefe Vibrationen erzeugenden Ingebrigt Håker Flaten und Paal Nilssen-Love an den Drums bildet er seit einem Jahrzehnt The Thing, deren Repertoire auf bislang einem halben Dutzend fabelhafter LPs von Frank Lowes Tennessee-Avantgarde-Jazz bis zu PJ Harveys „To Bring You My Love“ reicht. Nicht diese unorthodoxe Auswahl ist es jedoch, die das Radialsystem über alle Erwartungen der Veranstalter hinaus füllt und schließlich zur Räumung der belegten Notausgänge führen muss: The Thing sind auf der Bühne zu viert mit der schwedischen Sängerin Neneh Cherry, der Ziehtochter jenes Musikers, dem sie ihren eigenen Bandnamen verdanken. Zur Arbeit an ihrem umwerfenden Debütalbum „The Cherry Thing“ trafen sich die Musiker noch ohne jegliche Vorbereitung, spielten inspiriert in the moment. Bei der waghalsigen Aneignung von Stücken so unterschiedlicher Quellen wie Suicide oder Don Cherry blieb das Sicherheitsnetz zusammengefaltet in einer Ecke des Studios liegen. In seinen formativen Jahren hatte Mats in einer Punkband gespielt, Neneh begann als Siebzehnjährige bei den nie um wüste Jazz-Inklinationen verlegenen Rip, Rig + Panic. Eine Garantie dafür, über einen gemeinsamen musikalischen Wortschatz zu verfügen, konnte dies aber nicht geben. Das Ergebnis der Sessions zeigte, dass das Quartett gleich eine neue, bislang unerhörte Sprache erschuf.

Die Musiker formieren sich in einem spärlich beleuchteten Kreis, der Rest der Bühne bleibt im undurchdringlichen Dunkel, das den Klängen die nötige Resonanz gibt. Aus jener betörenden Schattenseite scheinen auch die ersten Töne sich ihren Weg nur widerwillig ins Licht bahnen zu wollen. Während einer umstandslosen, überbordend dynamischen Trio-Improvisation schleicht Neneh noch über die Bühne: Schwarze Trainingsjacke, ein unübersichtlich fransiger Rock, um den Hals gehängt sind mehrere Schlüssel (auch zu deinem Herzen, Baby). Die ersten Silben am Mikrofon verklingen plötzlich überraschend ungehört. Die Technik ist nicht optimiert, die Lautstärke nicht den die Luft zerreißenden The Thing angepasst. Neneh weicht mit bösen Blicken zurück, balanciert auf ihren Zehenspitzen, stürmt wieder nach vorne und prononciert ihre Worte fiebrig lauter. Gewinnt an Halt. Verschafft sich verzückt Gehör. Ein willensstarker, emotionaler Bemächtigungsakt, wie man ihn selten erleben kann. Das Konzert beginnt mit dem Stück „Too Tough To Die“.

Und behält im Weiteren diese Mischung aus Improv, Songstrukturen und aus dem Moment geborenen, impulsiven Reaktionen als Bezugspunkte bei. Später erzählt Mats, dass die momentane Tour in erster Linie eine musikalische Reise sei, bei der man sich auf der Bühne näher kennen lernen wolle, besser die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der Mitspieler studieren könne. Was auf der LP somit in wenigen Momenten noch etwas steril und vorformuliert geklungen haben mag, wird an diesem Abend lustvoll moduliert und unerschrocken verformt, oftmals untereinander nur durch Augenaufschlag oder kurzes Grinsen kommuniziert. Eines der Kernstücke des Konzertes, „Dirt“, erfährt textlich eine subtile Abwandlung des Originals. Da fragte Iggy Pop noch in masochistischer Zerstörungswut seine Geliebte, ob sie es fühle, wenn sie in ihn steche. Neneh akzentuiert mit flüsternder Höllenkunst das Verlangen nach bloßer Berührung, wiederholt immer wieder die Worte „Do you feel it, when you touch me?“ nicht im sehnsüchtigen Barmen, sondern als selbstsichere Verführung. Eine Jazz nicht selten zugrunde liegende Spiritualität, oftmaliges Ausschlusskriterium nicht nur für die unverständigeren Kritiker, wenden The Thing und Cherry ins Diesseitige. Irdische Wonnen, lohnendere sexuelle Ekstase, so flüstern die Töne, deuten die Gesten und Bewegungen im feurigen Kreis an, sind Herkunft und Bestimmung der Musik. Scott Ashtons Drumbeat wird noch reproduziert, auf sein treibendes Sax Riff verzichtet Mats live bereits, beschränkt sich lieber auf klanglich nicht näher identifizierbare, elektronische Signale aus dem Äther. MF Dooms „Accordion“, der unvergleichliche, das gesamte musikalische Jahr überstrahlende Höhepunkt von „The Cherry Thing“, verliert seinen robust groovenden Backbeat, gerät abstrakter, scheinbar weniger zugänglich. Eigenen rhythmisch verwinkelten Pfaden folgend greift Neneh, nun im rückenfreien Sweatshirt, die Rockschöße und verwandelt sich in eine moderne Salomé, in jede umwerfende Tänzerin, die mehr Vertrauen in die eigene Imagination setzt, als das Nachzeichnen von vorgeprägten Schritten. Es ist eine Schande, dass ihr sitzen müsst, spöttelt sie in Richtung des Publikums. „Dancing is great.

Das Reizvolle, stets von neuem Betörende des Albums verdankt sich nicht zuletzt der Bezugnahme des divergierenden Materials aufeinander, den unterirdischen Linien, die noch von den abschüssigsten Punkten aus zueinander führen. Das Konzert präsentiert noch andere, zukünftige Koordinaten. Angefacht von saftigen Memphis-Licks, die selbst dem großen Nick Waterhouse zur Ehre gereichen würden, misst „Call The Police“ entschlossen die Entfernung vom inhärenten Free Jazz-Idiom zu den unmittelbaren Freuden von Juke Joints aus. Zum flirrenden Gesang des con arco gestrichenen Basses und in die Stille eintauchendem Besenspiel erweitert Neneh Archie Shepps Emanzipations-Hymnus „Blasé“ um eigene, beredete Worte, lässt jede Silbe einzeln wirken und nachklingen. Und es passiert der schönste kleine Moment des Abends: Mats, dieser Riese in Halbmasthosen und gebundenen Boots, beginnt im Hintergrund selbst zu tanzen. Aufgestützt auf seinem Bariton. „Wrap Your Troubles In Dreams“ ist der Arbeitstitel dieser Umdichtung, ein gewaltiges, erschütternd inniges Stück, dessen Magie von The Thing hoffentlich auch im Studio gebannt werden wird.

Das Quartett kommt für zwei weitere Explorationen in unerschlossene Gefilde auf die Bühne zurück. „Viking“, ein von Nilssen-Love verfasstes neues Stück, erläutert Gustafsson als den Versuch, zu den Ursprüngen skandinavischer Musik zurückzufinden, ja den Ursprüngen allen Sounds überhaupt. Durch den Wechsel zum elegisch brüchigen Tenorspiel erinnert es zu Beginn aber vor allem an Albert Ayler (dessen Plattenkarriere gleichwohl in Kopenhagen begann!). Ornette Colemans geniales „What Reason Could I Give?“ wird im Anschluss noch mehr seiner ursprünglichen Bebop-Rasanz entledigt, ein behaglicher Ausklang für ein Konzert, das auf hell lodernden Feuern tanzte. Vor dem Gebäude tobt in Berlin der bislang stärkste Regen des Sommers, ein Stoß zerreißt meinen Regenschirm und ich bin innerhalb von wenigen Sekunden durchweicht. Es ist dennoch die weitaus schwächere Naturgewalt des Abends.