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Unfrieds Urteil: Blatter, Beckenbauer & Co – der Verlierer des Jahres ist der Fußball

Es gibt keine weltliche Instanz, die einem Fifa-Präsidenten Sepp Blatter etwas vorzuschreiben hätte. Einen Blatter suspendieren? „Das geht nicht“. Es geht eben doch. Aber Blatters Diktum zeigt, wie er tickt und vermutlich viele andere Fußballfunktionäre auch. Fußball ist eine eigene Welt, das ist die Logik. Sie gehört den Verbänden und deren Finanziers. Ein Blatter kann daher tun und lassen, geben und nehmen, was ihm angemessen erscheint.

Die Geisteshaltung, die der Schweizer im aktuellen „Spiegel“ offenbart, erinnert an gestürzte Diktatoren oder Clanchefs. Unfassbar. Einerseits. Aber man hat sich halt auch daran gewöhnt, dass der Fußball so gemanagt wird. Nun ist die Frage, ob man sich über die US-Justizministerin Loretta E. Lynch hinaus die Kultur der Gleichgültigkeit nach diesem Jahr wieder abgewöhnt, in dem der Fußball ein „Verlierer des Jahres“ ist, wie das „Handelsblatt“ völlig zurecht findet.

Kein Blatter (suspendierter Fifa-Präsident), kein Platini (suspendierter Uefa-Präsident), kein Niersbach (zurückgetretener DFB-Präsident), kein Beckenbauer (amtierender sky-Fußballjournalist) war bei der Auslosung der EM 2016 am vergangenen Wochenende zugegen. Die beiden erstgenannten hatten Lokalverbot, die letzteren blieben wohlweislich zuhause.

Lynchs Anklage gegen die Fifa gründet auf einer US-Gesetzgebung, nach der auch Verbrechen im Ausland verfolgt werden können, wenn sie – wie in diesem Fall – US-Banken für Geldtransfers nutzten. Die Anklage ist umfassend und lautet: Korruption in der Frage, wer die Fifa führt, wer die WM abhalten darf, wer die Übertragungsrechte bekommt. Korruption – und zwar: „Immer wieder aufs Neue, Jahr für Jahr, Turnier für Turnier.“ Noch ist keiner verurteilt, aber alle sind beschädigt, die Verbände Fifa, Uefa, DFB, viele Funktionäre, auch der Fernsehrechtehändler Günter Netzer und vor allem Franz Beckenbauer, die Verkörperung der Glorie des deutschen Nachkriegsfußballs.

Es ist noch nicht geklärt, wofür Blatter Platini die zwei Millionen Franken rübergeschoben hat, die der 2011 in Rechnung stellte. Es ist nicht geklärt, ob der DFB die WM 2006 gekauft oder nicht gekauft hat. Viele Fäden hängen in der Luft. Es fehlt die zusammenhängende Geschichte, und das ist schlechter, als wenn es eine gäbe. So hängt alles in der Luft, und Der Franz redet bei sky weiter, scheinbar wie immer und wie früher. Aber es ist nicht mehr wie zuvor. Das betrifft speziell den Deutschen Fußball-Bund, der in das Jahr mit dem Image des Vorbildverbandes ging. Wovon am Jahresende nichts mehr übrig ist.

„Der Franz“ redet weiter als wenn nichts wäre

Sogar die Wahrheit wäre besser für den Fußball als dieses Fegefeuer, in dem er sich befindet. Es gibt so viele halbgare Geschichten, man denke nur an die NSU-Morde, und das macht Leute vollends kirre, die eh schon Schwierigkeiten haben, die komplizierte Gegenwart zu verkraften. Und die deshalb davon ausgehen wollen, dass der Fußball die letzte einfache, klare und letztlich okaye Welt zu sein hat. Und nun weiß man gar nichts mehr.



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