RS-Story

Warum die Foo Fighters stärker sind als je zuvor

E-Mail
RS-Story

Warum die Foo Fighters stärker sind als je zuvor

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Von Kory Grow

Nicht zu arbeiten ist für Dave Grohl einfach keine Option. Als sich die Band 2015 in eine längere Pause verabschiedete, ließen die Entzugserscheinungen nicht lange auf sich warten. „Monatelang stand ich an meinem gottverdammten Barbecue-Smoker und räucherte eine Rinderbrust nach der anderen“, erinnert sich der Sänger, Schlagzeuger, Gitarrist, Songschreiber, Produzent und Freund aller Stars. „Irgendwann schlug es mir dann doch aufs Gemüt.“

Nichtsdestotrotz, Grohl musste kürzertreten. Die Verletzungen, die er sich bei einem Sturz von einer Bühne in Schweden zugezogen ­hatte, ­waren schwerwiegender als zunächst angenommen. Da nicht nur das Wadenbein angeknackst war, sondern auch mehrere Bänder den Geist aufgegeben hatten, musste Grohl wohl oder übel unters Messer. „Noch heute habe ich Metall im Knochen“, sagt er. „Fast ein Jahr lang musste ich täglich zwei, drei Stunden Physio machen.“

Ein Jahr Ausstieg

Nachdem Grohl den Rest der „Sonic Highways“-Tour auf einem überdimensionalen Thron verbracht hatte, fasste er kurzerhand den Entschluss, für ein Jahr komplett auszusteigen. Er nahm sich sogar vor, in dieser Zeit kein In­strument anzufassen. „Nach dem Ende der Tournee dachte ich: Das Leben ist mehr als eine gottverdammte Rockshow. Wenn im Jahr 2033 der Pizzafahrer an meiner Haustür klingelt, möchte ich noch immer in der Lage sein, auf eigenen Beinen zu öffnen.“

Dave Grohl live mit den Foo Fighters.
Dave Grohl live mit den Foo Fighters.

Ganze sechs Monate sollte der gute Vorsatz halten. Mit „Run“ schrieb er dann einen hymnischen Rocksong, der offensichtlich die Zwangspause behandelt. Grohl stellt sich selbst die Frage, ob der Refrain (in dem er „Wake up, run for your life with me“ singt) „möglicherweise der Tatsache geschuldet ist, dass ich mich die ganze Zeit nicht bewegen und nichts unternehmen konnte. Ich hatte ständig Träume, in denen ich durch irgendwelche Felder laufe – nur um dann mit meinem blöden kaputten Bein aufzuwachen“.

„Run“ ist die erste Single aus „Con­crete And Gold“, dem neunten Foo-Fighters-Album, das am 15. September veröffentlicht wird. Die Band versucht sich darauf an stilistischen Klimmzügen, die bis vor Kurzem noch undenkbar gewesen wären: vollmundige Orchestrierungen, Harmoniegesang, rhyth­mische Experimente. „Run“ zum Beispiel überrascht mit einem puerto-ricanischen Dancehall-Beat. „Erst als mich (Produzent) Greg Kurstin darauf hinwies, bekam ich überhaupt mit, dass es sich dabei um Reggaeton handelt“, behauptet Dave Grohl. „Und als ich dann noch einen verfluchten Justin-­Bieber-Song hörte, der mit dem gleichen Beat arbeitet, dachte ich bloß: Oh Gott!“

Vereinfachung

Die großen Stileskapaden waren nicht einmal geplant. Im Gegenteil, nachdem er die letzten Foo-Fighters-Alben mit anspruchsvollen Konzepten angegangen war („Wasting Light“ von 2011 wurde ausnahmslos analog aufgenommen, „Sonic Highways“ von 2014 in acht legendären Studios eingespielt), wollte Grohl den Aufnahmeprozess diesmal gezielt vereinfachen. „Ich fragte mich: Was wäre die abgefahrenste Idee, die ich mir derzeit für die Band vorstellen kann? Und ich kam zu der atemberaubenden Erkenntnis, dass wir einfach ins Studio gehen und umstandslos das ganze Album einspielen sollten – so wie jede andere Band auch.“

Um zunächst in Ruhe neue Lieder schreiben zu können, verzog sich Grohl nach Ojai, einem malerischen Städtchen nördlich von L.A., wo er sich über Airbnb eine passende Bleibe suchte. „Ich hatte eine Kiste Wein dabei und ein Mikrofon. Ich hockte dort in meiner Unterhose, schrieb fünf Tage lang nonstop – und ließ mich von allem beeinflussen, was in dieser Zeit so in meinem Land vor sich ging und mich beschäftigte: Politisches wie Privates, manchmal aus der Sicht des Vaters geschrieben, manchmal als Amerikaner oder auch einfach als Musiker.“

Dave Grohl und Paul McCartney bei den Grammys
Dave Grohl und Paul McCartney bei den Grammys

Songs wie „The Sky Is A Neighborhood“, in dem er sich eine schlaflose Nacht lang um die Zukunft des Planeten sorgt, dokumentieren dabei ­eine recht desillusionierte Weltsicht. Auf „T-Shirt“ hingegen reimt er: „I just wanna sing a love song/ Pretend there’s nothing wrong.“ Mit dem Kracher „La Dee Da“ schließlich verneigt er sich vor Industrial-Rock-Legenden wie Whitehouse, Death In ­June und Psychic TV, die Grohl als Teenager verehrte. „Als ich ein Dutzend Song­ideen beisammen hatte, schickte ich den Jungs ein Demo und fragte: ,Bin ich verrückt, oder lässt sich daraus vielleicht ein Album machen?‘ – ‚Sowohl als auch‘, lautete ihre Antwort.“

Süffiges Radiogold

Auf der Suche nach dem passenden Produzenten klopfte er bei Kurstin an, der vor allem durch die Pop-Hits bekannt wurde, die er mit Adele („Hello“) und mit Kelly Clarkson („Stronger“) schrieb. Für Grohl war indes wichtiger, dass Multiinstrumentalist Kurstin beim Indiepop-Duo The Bird And The Bee zu Hause ist. „Ich konnte von ihrem Melodie- und Harmonieverständnis gar nicht genug kriegen“, so Grohl. „Ich wusste immer, dass sich hinter diesen Aufnahmen kein Möchtegern vom örtlichen Gitarrencenter versteckt.“

Er gab Kurstin die Koordinaten vor, in denen sich die Musik bewegen sollte: „Süffiges Radiogold, wie es in den Siebzigern von Leuten wie Gerry Rafferty geschürft wurde, kombiniert mit meiner Liebe für Motörhead.“ Kurstin erzählt, dass er den Eindruck gehabt habe, sich auf „eine Heavy-Metal-Sgt.-­Pepper-Odyssee“ zu begeben.

Die Aufnahmen fanden in den EastWest-Studios in Los Angeles statt, wo ihnen ständig Leute wie ­Lady Gaga und Shania Twain über den Weg liefen. Einige von ihnen singen nun sogar auf „Concrete And Gold“ mit, doch Grohl ziert sich, Namen zu nennen. Mit der beiläufigen Erwähnung, dass „auch der vermutlich größte Popstar der Welt“ auf dem Album vertreten sei, fachte er die Neugier natürlich nur weiter an. (Und nein, sagt er, weder ­Adele noch Taylor Swift seien damit gemeint. Aber vielleicht, dass Paul McCartney auf „Sunday Rain“ Schlagzeug spielt.) Zu den namentlich genannten Gästen zählen Alison Mosshart von The Kills und Shawn Stockman von der R’n’B-Formation Boyz II Men, den Grohl zufällig auf dem Parkplatz traf und gleich ins Studio schleppte. Für das Pink-Floydsche „Concrete And Gold“, das den Abschluss des Albums bildet, nahm Stockman über 30 Gesangsspuren auf, die dem Track die gewünschte Intensität verleihen. „Als er das ­Studio verließ“, so Grohl, „trommelte ich ­alle zusammen und sagte: Der Boyz-II-Men-Typ hat gerade die Messlatte mächtig nach oben geschraubt. Jeder Song muss nun so mächtig klingen wie dieser hier.“

Foo Fighters

Endlich wieder auf zwei Beinen

Im Sommer stellte die Band das neue Material bereits auf einigen Festivals vor, und am 9. und 10. September spielen die Foo Fighters beim Lollapalooza in Berlin, bevor es im Oktober auf eine US-Tournee geht, die auch beim Cal Jam Sta­tion macht, dem band­eigenen Festival in San Bernardino. (Der Name geht auf das legendäre Speedway-Spektakel von 1974 zurück, als dort Deep Purple Headliner waren.) Zum Programm zählen diesmal unter anderem Queens Of The Stone Age und Liam Gallagher – wobei Grohl der große Rahmen etwas su­spekt ist: „Eine Record-Release-Party vor circa 50.000 Zuschauern ist schon eigenartig.“

In jedem Fall, fügt er an, sei er dankbar, bei dem Auftritt wieder auf seinen zwei Beinen stehen zu können. „Ich hatte den Thron Axl Rose vermacht, weil er sich vor seiner Tournee ebenfalls den Fuß gebrochen hatte. Als ich dann eines der Konzerte von Guns N’ Roses besuchte, hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit zu erleben, wie jemand in diesem Ding aussieht. Und ich muss sagen: Das ist die größte Schnapsidee, die ich je gehabt habe!“

Ganz großer Rock im Schweinsgalopp: Foo Fighters beim Lollapalooza 2017

Mark Davis WireImage
Sony Music
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel