Bundestagswahl 2021



Wolfgang Niedecken: „Wir können das Ruder nicht zum Nulltarif rumreissen“


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Eigentlich sollte ja wohl jedem Wahlberechtigten spätestens nach der jüngsten Flutkatastrophe klar sein, dass wir uns halbherziges Handeln in Sachen Umweltpolitik nicht mehr leisten können, wenn wir unseren Kindern und Enkeln noch in die Augen schauen wollen. Jeder von uns hat die Möglichkeit, sich darüber zu informieren, wie es um die Erderwärmung steht und in welchem Maße die Klimakatastrophen in den letzten Jahren zugenommen haben. Von verheerenden Dürreperioden über Waldbrände, Überschwemmungen, Starkregen und Tropenstürme bis hin zu den schmelzenden Polkappen, was zum Anstieg des Meeresspiegels führt, und dem Auftauen des Permafrosts in Sibirien, Alaska und Kanada sowie den damit verbundenen Konsequenzen.

Auf all das will ich jetzt nicht näher eingehen, denn wie gesagt, die entsprechenden Infos sind frei zugänglich. Fest steht, dass viel zu lange erschreckende Fakten ignoriert, verdrängt und dringende Entscheidungen auf die lange Bank geschoben wurden. Das Klima auf unserem Planeten ist erkennbar aus dem Gleichgewicht geraten, und eigentlich sollte jedem klar sein, dass man das Ruder nicht mehr zum Nulltarif rumreißen kann. Politiker, die einem weismachen wollen, man könne der Erderwärmung ausschließlich mit technischen Innovationen beikommen, handeln im höchsten Maße unverantwortlich, und eigentlich wissen sie das auch.

Klar ist es unangenehm, ausgerechnet im Wahlkampf als Überbringer der schlechten Nachricht auf Stimmenfang zu gehen, aber genau das erwarte ich von unseren Volksvertretern. Beschwichtigungspolitik ist billig, feige und macht darüber hinaus alles nur schlimmer. In meinem Bekanntenkreis kenne ich eine Menge Leute, die durchaus in der Lage sind, erwachsen mit bitteren Wahrheiten umzugehen. Den Klimawandel stoppen zu wollen bedeutet natürlich auch, sich selbst zu hinterfragen und auf manches zu verzichten, an das man sich gewöhnt hat. Ja – auch ich.

Die Frage, was sich in Deutschland ändern muss, ist eigentlich ganz einfach zu beantworten: Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel.

Wir brauchen Klartext

Als es im März 2020 mit Corona losging, habe ich an der parteiübergreifenden, ideologiefreien Ernsthaftigkeit der zuständigen Politiker bemerkt, dass es jetzt wohl um die Wurst geht. Eine Haltung die mir sehr imponiert hat, die aber leider, je näher die Wahl rückt, immer mehr aufweicht. Also auch was den Umgang mit Corona betrifft, kaum noch klare Kante.

Beispielsweise sind nur wenige Kandidaten bereit, Klartext in Sachen Impfpolitik zu sprechen, denn es könnte ja Wählerstimmen kosten, wenn man während der Hauptreisezeit allzu rigorose Maßnahmen befürwortet, indem man das Kind beim Namen nennt: Weil die Tests zu einem großen Teil ungenau sind, mache ich mich dafür stark, dass die Impfbereitschaft gefördert wird. Und zwar, indem man den Zutritt zu Kinos, Gastronomie, Theatern, Konzerthallen und Massenveranstaltungen aller Art davon abhängig macht, ob man vollständig geimpft oder nachweisbar genesen ist. – Nein, das wäre keine Impfpflicht durch die Hintertür, sondern ein Aufruf zur Solidarität mit all denen, die seit anderthalb Jahren ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

Einen Populisten erkennt man vor allem daran, dass er den Leuten nach dem Mund redet. Meine Wahlempfehlung: Solchen Kandidaten sollte man auf keinen Fall seine Stimme geben.