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Berlinale 2016: Literature meets Cinema (1)

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Berlinale 2016: Literature meets Cinema (1)

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Revolution zum Jubiläum

Während die europäische Gesellschaft in Sarajevo ein zweifelhaftes Jubiläum feiern möchte, werden im einstigen Vorzeigehotel der Stadt gesellschaftspolitische Fragen diskutiert.

Der vielfach ausgezeichnete bosnische Regisseur Danis Tanovic, der 2013 mit seinem Roma-Drama »An Episode of the Life of an Iron Picker« sowohl Kritiker als auch Publikum begeisterte, ist im Wettbewerb mit seinem neuen Film Death in Sarajevo vertreten. Darin lässt er die Zuschauer an einem Tag im maroden Hotel Europe teilhaben, das zu den Olympischen Winterspielen 1984 eröffnet wurde.

Dreißig Jahre später ist das Haus, das während der Jugoslawienkriege als Refugium für Journalisten diente, in die Jahre gekommen. Das Hotel steht kurz vor der Pleite, die Gedenkgala der Europäischen Union anlässlich des 100. Jahrestags des Anschlags von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand ist die letzte Hoffnung von Hotelmanager Omer (Izudin Bajrovic). Doch ausgerechnet an diesem Tag wollen seine Angestellten streiken, seit zwei Monaten haben sie keinen Lohn gesehen. Mit Hilfe des Zuhälters Enco (Aleksandar Seksan), an den er den Keller des Hauses vermietet hat, kann er sich des Anführers der streikenden Belegschaft entledigen.

Doch er hat die Rechnung ohne die Wäscherin Hatidza (Faketa Salihbegović-Avdagić) gemacht. Als einzige aller Angestellten arbeitet sie seit der Eröffnung in dem Haus, sie übernimmt Verantwortung und die Rolle der Streikführerin. Ihrer Tochter Lamija (Snezana Vidović) passt das gar nicht, als rechte Hand und Vertraute des Hoteldirektors versucht sie, ihre Mutter dazu zu bewegen, den Aufstand zu vertagen, damit das Dinner im Hotel stattfinden und für die dringend benötigten Einnahmen sorgen kann. Und während die Angestellten des Hotels in den unteren Etagen ihren Klassenkampf führen, werden bei einer TV-Aufzeichnung auf dem Dach die grundsätzlichen Fragen der multiethnischen jugoslawischen Identität verhandelt. Zwischen den sozialen und nationalistischen Grabenkämpfen übt der französische Theaterschauspieler Jacques Weber seinen Vortrag über die europäischen Werte, den er in Bernard-Henri Levys Bühnenstück »Hotel Europe« anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten halten soll.

Tanovic hat eine schwungvolle und kluge Reflektion darüber geschrieben, wie wir in Europa und wie die Menschen auf dem Balkan nach all der erlebten und gelebten Gewalt miteinander leben wollen. Er führt in den engen Fluren des Hotels die Balkangesellschaft zusammen und lässt die gewachsenen sowie die neuen Konflikte in Miniaturen aufleuchten. Eine bessere Bestandsaufnahme der Befindlichkeiten auf dem Balkan wird man derzeit nicht finden. Konzeptionell ist Death in Sarajevo als Kammerspiel in vier Kammern inszeniert. Wie in Alejandro Gonzalez Iñarritus Oscar-prämiertem Meisterwerk Birdman fliegt die Kamera durch die engen und dunklen Flure und Gänge. So weitet Kameramann Erol Zubzević den Raum und wahrt dessen beklemmende Dunkelheit. Europa ist nah und zugleich so weit entfernt, wie Jacques Weber in seinen Monologen deutlich macht. Nicht nur vom Balkan, sondern vor allem auch von sich selbst.

Die Geburt des Thomas Wolfe

Colin Firth setzt in Michael Grandages »Genius« dem Lektor von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe ein Denkmal.

»Ich mag keine Filme, ich mag Bücher«, sagt die Tochter des legendären Lektors William Maxwell Perkins zu Beginn von Michael Grandages Hommage an die amerikanische Literatur. Was wäre die amerikanische Literatur ohne Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald oder Thomas Wolfe? Hätte es einen Jack Kerouac, einen Alan Ginsberg oder einen William S. Burroughs ohne die wegweisenden Werke der erstgenannten gegeben? Man darf seine Zweifel haben. Dieser Zweifel macht die Bedeutung von William Maxwell Perkins deutlich, der diese Autoren als Lektor beim Verlag Charles Scribner’s Sons betreut hat.
Auf der Basis von A. Scott Bergs mit dem National Book Award ausgezeichneter Biografie Max Perkins: Editor of Genius erzählt Michael Grandage die Geschichte des Lektors und konzentriert sich dabei auf dessen Entdeckung von Schriftstellergenie Thomas Wolfe. Er zeigt, wie jener Perkins mit Wolfe aus unübersichtlichen, tausend Seiten zählenden Konvoluten gleichermaßen poetische wie wilde Romane machte.

Dafür galt es, nicht nur die Literatur, sondern vor allem den exaltierten Schriftsteller, verkörpert von Jude Law, zu zähmen. Entsprechend setzt Grandage diesen von Colin Firth gespielten Lektor als klugen und bedächtigen Dompteur in Szene, der den wilden Momenten seines Autors Raum gibt, aber auch weiß, wann er die Peitsche herausholen muss, um ihm Einhalt zu gebieten. Man sieht die beiden über die Seiten gebeugt, wie sie um Wörter, Zeilen, Absätze und ganze Seiten streiten, wie sie miteinander über die Bedeutung von Form und Inhalt streiten. Es gibt im Film eine schöne Szene in einem Jazz-Lokal, in dem sich Wolfe als derjenige Autor darstellt, der den Rhythmus, das Tempo und die Unmittelbarkeit der Musik in die Literatur gebracht hat, der Henry James mit seinem Namen ablösen werde.

Tatsächlich kann man das so lesen, so wie Kerouc Wolfe, Roth Kerouac und Franzen Roth abgelöst haben. Literatur ist wie ein Fluss, deshalb passt hier auch Wolfes »Legende vom Hunger des Menschen in seiner Jugend«, wie der Untertitel seines Romans Von Zeit und Fluss, so wunderbar. Das Thomas Wolfe in diesen Strom springen und mitschwimmen konnte, hat er Max Perkins und seiner freundschaftlichen Treue zu verdanken. Dem Lektor setzt nicht nur dieser Film, sondern vor allem Collin Firth ein Denkmal, indem er seine Figur mit großer Zurückhaltung und Bescheidenheit spielt und ihr dadurch eine starke Präsenz gibt. Darüber hinaus macht Genius Lust, noch einmal zu den amerikanischen Klassikern zu greifen und der Lust nachzuspüren, mit der diese Autoren ihr Land und seine Menschen erkundeten.

Fallada-Verfilmung ein Totalausfall

Das mit internationalen Stars wie Emma Thompson, Brendan Gleeson und Daniel Brühl besetze Nazi-Drama »Jeder stirbt für sich allein« floppt im Wettbewerb der Berlinale.

Anna und Otto Quangel, die Hauptfiguren in Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein, wollten sich selbst treu bleiben. Nach dem Tod ihres Sohnes an der Front beginnen sie Karten zu schreiben, auf denen sie die Lügen des Nazi-Regimes beschrieben, während um sie herum die Gesellschaft auseinanderfällt.
Falladas letzter Roman ist vor vier Jahren in einer neuen, ungekürzten Fassung in Deutschland erschien und zu einem veritablen Bestseller geworden. Vielmehr noch aber ist er in den vergangenen fünfzehn Jahren in den USA, Israel, Frankreich und Großbritannien entdeckt und bin übertraf auch dort alle Erwartungen. Wenig überraschend daher, dass die Filmrechte schnell weg waren. Vincent Perez, den meisten als Schauspieler (Cyrano de Bergerac, The Crow) bekannt, hat den Film mit Emma Thompson und Brendan Gleeson als Ehepaar Quangel und Daniel Brühl als Kommissar Escherich verfilmt.

Warum diese mit zahlreichen deutschen Schauspielern umgesetzte wahre Geschichte, die in Berlin und Potsdam gedreht wurde, nicht auch in Deutsch gedreht wurde, ist wahrscheinlich das Geheimnis des Schweizer Regisseurs. Es ist schon befremdlich, wenn SS-Schergen ihre Befehle in einer anderen Sprache brüllen, absurd ist aber, dass Otto Quangel englisch spricht, während er seine Postkarten in deutscher Sprache beschreibt. So verliert diese durchaus ernste Geschichte, die Fallada auch als Hommage an den unorganisierten Widerstand von unten geschrieben hat, vollkommen ihre Tiefe.

Vor allem aber ignoriert Perez’ Adaption vollkommen den Aspekt der alltäglichen Unmenschlichkeit, den Fallada ins Zentrum seines Romans stellt. Falladas wichtigstes Anliegen aber, das Entgleiten der Menschlichkeit unter dem NS-Regime, den Zerfall der Gesellschaft in Einzelkämpfer zu beschreiben, geht in diesem Film vollkommen unter. Stattdessen werden die Quangels, die im wahren Leben Otto und Elise Hampel hießen, werden hier zu dem stilisiert, was sie nie anstrebten zu sein: zu Helden.

Ähnlich verhielt es sich schon im vergangenen Jahre mit Oliver Hirschbiegels enttäuschendem Beitrag Elser, der diesjährige Nazi-Film im Wettbewerb schafft es aber, die ohnehin schon geringen Erwartungen noch zu unterlaufen. Eine uninspiriert abfotografierte und schlechte Adaption eines wichtigen Romans, auf die man besser verzichtet.

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