Highlight: I.M. Rock: Was die Stasi mit der Musik der DDR zu tun hatte

ROLLING-STONE-Reportage

DDR-Popkultur – Revolution in Grenzen

Instrumente als Schmuggelware

Musiker in der DDR zu sein, das hieß vor allem, mit derartigen Absurditäten zu leben. Vieles davon ist heute schwer vorstellbar. Instrumente amerikanischer oder britischer Hersteller mussten beispielsweise heimlich über die Grenze gebracht werden. Die Übergabe erfolgte auf einsamen Parkplätzen und Landstraßen. Für den Kauf wurden Freunde und Familien angepumpt. Das Nachspielen von Rock- und Pop-Hits erforderte stunden- und tagelanges Radiohören verbotener Westsender. Skurril war auch ein Berufsausweis, im Volksmund „Pappe“ genannt, für den Musiker eine Prüfung ablegen mussten, wenn sie ohne Musikstudium eine Bühne betreten wollten. Man stelle sich die Ausdauer und Leidenschaft vor, die es brauchte, um sich in der DDR musikalisch zu entwickeln.

„Die Stasi hat nicht mehr so schnell draufgehauen“

Pankow haben in den Achtzigern nicht nur Ausdauer und Leidenschaft. Sie haben den Mumm, einen Rockzirkus wie „Paule Panke“ auf die Beine zu stellen. „Renft sind mit solchen Inhalten ein paar Jahre zuvor noch gegen die Mauer der Zensur gefahren“, sagt Ehle. Was hatte sich seitdem geändert? „Man hat nicht mehr so schnell draufgehauen.“ Denn in den Gremien und Ministerien sitzen inzwischen ein paar Vernunftbegabte. Das bietet neue Spielräume. Bands wie Pankow, Silly und Rockhaus vollführen den Drahtseilakt zwischen dem, was erlaubt ist, und dem, was als subversiv eingestuft wird, mit Experimentierfreude und Respektlosigkeit. 1983 tritt Herzberg beim Festival „Rock für den Frieden“ im Palast der Republik in Wehr- machtsuniform auf und zieht vor Vertretern von SED und FDJ Parallelen zwischen Nazi- Deutschland und der DDR. Bei einem anderen Gig äußert er sich sogar kritisch über die Stasi. Herzberg droht daraufhin Berufsverbot. Ehle beschwatzt die Genossen mit Engelszungen. Am Ende drücken die Beamten noch mal beide Behörden-Augen zu. Aber es dauert Jahre, bis Pankow endlich Alben nach eigenem Gusto aufnehmen können. „Keine Stars“ (1986) und „Aufruhr in den Augen“ (1988) sind cool, arrogant, rotzig. Die Band macht aus ihrer Verehrung für Ian Dury, Rio Reiser und den Rolling Stones keinen Hehl. Und wäre da nicht schon die Angst vor Gorbatschows Glasnost und Perestroika, hätte sich die SED wohl nicht so sehr gefürchtet vor einem Song, der wie zum Hohn auch noch „Langeweile“ heißt und Zeilen wie diese enthält:

Dasselbe Land zu lange gesehn,

Dieselbe Sprache zu lange gehört.

Zu lange gewartet, zu lange gehofft,

Zu lange die alten Männer verehrt.

Die alten Männer haben schon an Macht verloren und können die Verbreitung des Stücks nicht mehr aufhalten. In den Neunzigern ergeht es Pankow wie vielen Ost-Bands. Sie kämpfen um ihr künstlerisches Überleben. So wie die Treuhand die Betriebe der DDR abwickelt, wird die ostdeutsche Musikszene abgewickelt, getreu dem neoliberalen Mantra „Der Markt regelt das schon“. Der Markt regelt es so, dass kaum Konkurrenz für den Westen übrig bleibt. „Unmittelbar nach der Wende haben unsere Künstler Fenster mit Schallschutz und Versicherungen verkauft, weil der klassische Musikfan aus dem Osten alles andere kennenlernen und kaufen wollte, nur nicht die eigenen Helden“, erklärt Jörg Stempel, der 1990 zu BMG Ariola wechselt und den Vertrieb des Labels im Osten aufbaut. Seine Pläne, neue Alben mit bekannten DDR-Musikern zu produzieren, scheitern. Der Markt fragt ja nicht danach. Wie hart das Business „drüben“ ist, erfährt Jürgen Ehle: „Ich habe eine Zeit lang nebenbei in einer Westberliner Band gespielt, wo Mitmusiker als Parkplatzwächter, Barkeeper und Bratwurstverkäufer gejobbt haben, obwohl die Band bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag war.“ Die Umstellungen nach der deutschen Wiedervereinigung sind so zahlreich wie brutal. Für viele geht es erst mal darum, finanziell mit dem Arsch an die Wand zu kommen. Und dann ist da noch das dunkle Stasi-Kapitel. Schnell wird das mediale Bild einer Nation voller Kollaborateure heraufbeschworen. Heute muss man konstatieren: Wer die Musiker der DDR pauschal als Stasi-Handlanger kriminalisiert, redet am Ende genau den Funktionären das Wort, die gern jeden schöpferischen Alleingang im Keim erstickt hätten.

Silly

Brutale Nachwendezeit

Als Herzberg in seiner Stasi-Akte entdeckt, dass sein eigener Gitarrist als Inoffizieller Mitarbeiter tätig war, rennt er nicht zum „Spiegel“. Er konfrontiert Jürgen Ehle. Der gesteht sofort alles. Angeworben wurde er als junger Kerl direkt nach seinem Wehrdienst. Wie sich herausstellt, hat Ehle seine Band nicht ausspioniert, sondern mitunter vor größerem Unheil bewahrt. Einmal habe die Stasi von ihm wissen wollen, ob sich bei Pankow ein paar schwarze Schafe befänden, die mit einem Leben im Westen liebäugelten – in dem Fall könne man einer Auslandsreise nicht zustimmen. Ehle beruhigte die Genossen, die Konzerte wurden genehmigt. Ein schlechtes Gewissen hat er dennoch: „Ich mache mir insofern Vorwürfe, lange nicht darüber nachgedacht zu haben, dass das Gesagte in einem anderen Kontext möglicherweise eine andere Bedeutung und Brisanz hätte bekommen können.“ Ehle hat in seiner Band die Vertrauensfrage gestellt. Die anderen haben ihm verziehen. Versöhnung ist dort möglich, wo das Gegeifer der Scheinheiligkeit abprallt. Im November gehen Pankow wieder auf Tour, natürlich nur in Ostdeutschland. Ihr Verhältnis zur Heimat? Zwiespältig. „Erst haben die Leute ihre DDR-Platten weggeschmissen, dann wurden irgendwann wieder DDR-Fahnen geschwenkt“, sagt Herzberg. Es gibt noch viele Mauern, die es einzureißen gilt. Eine davon heißt Ostalgie.

Nicht vielen war ein Comeback wie Silly vergönnt, die mit Anna Loos zuletzt mehrfach in den Charts standen. Loos ist eine Schauspielerin, die eine Sängerin spielt. Ihre Vorgängerin hatte interessantere Rollen: die Rock-Diva, die politische Aktivistin, der Quoten-Ossi in Talkshowrunden. Die Rolle der Sängerin musste Tamara Danz nicht spielen, das war sie mit Leib und Seele. Kurz vor ihrem Tod heiratete sie Uwe Hassbecker, den Gitarristen ihrer Band. An einem Nachmittag im Mai 2019 deutet Hassbecker auf das Zimmer, in dem Danz gegen ihren Brustkrebs gekämpft hat. Es ist lichtdurchflutet. Der Sonne scheint es egal zu sein, welche Kämpfe hier ausgetragen wurden. Hassbecker lebt mit seiner Familie noch immer in der Wohnung, die Danz Ende der Achtziger mithilfe eines gewissen Günter Schabowski bekam. Das ist lange her. Damals trug die von Dom und Konzerthaus flankierte Fläche den Namen Platz der Akademie. Heute schaut Uwe Hassbecker auf den Berliner Gendarmenmarkt. Früher hatten Silly ihren Proberaum gleich gegenüber in der Französischen Straße. Heute befindet sich dort die „Bunte Schokowelt“ von „Ritter Sport“. Die Geschichte von Silly ist so verflochten und verworren, so reich an wunderbaren Songs und unglaublichen Anekdoten, so voll von Tragik und Schicksalsschlägen, dass es verdammt schwer fällt, sich nicht die Stimme von Tamara Danz vorzustellen. Was würde sie an diesem Tisch sagen, an dem Uwe Hassbecker, Keyboarder Ritchie Barton und Bassist Jäcki Reznicek bei Kaffee und Kuchen in ihren Erinnerungen kramen? An welchen Stellen würde sie ihnen über den Mund fahren, wo würde sie zustimmen?

„Wir nannten unsere Frisuren aufgeplatzte Sofakissen“

„Tamara hat den Begriff ‚integer sein‘ sehr gepflegt“, betont Barton. Danz und er lernen sich in den frühen Achtzigern kennen und beginnen eine Beziehung. 1982 wechselt Barton von City zu Silly. Er komponiert an vielen der besten Stücke mit, darunter der Titelsong des Albums „Mont Klamott“ (1983). Mit dem finden Silly erstmals zu einer eigenen musikalischen Form, befeuert von New Wave, Disco und Dance-Rock. Die westlichen Einflüsse sind nicht zu überhören. „So hoch kann keine Mauer sein, um das zu verhindern“, meint Barton. Die Lyrics stammen von dem genialen Texter Werner Karma. Aber es ist Danz, die ihnen Leben einhaucht. In ihrem Gesang verschmelzen Stärke und Verwundbarkeit. Keine Rocksängerin der DDR singt so sehnsüchtig und temperamentvoll. Etwa in „Dicke Luft“. Die Single, in der die Luftverschmutzung in Großstädten thematisiert wird, darf nicht im Radio gespielt werden. Denn Smog gibt es in der DDR nicht, der hat an der Mauer anzuhalten. „Mont Klamott“ beschert der Band einen prominenten Bewunderer in der BRD. Der Fotograf Jim Rakete, der auch als Manager von Nena und Nina Hagen arbeitet, verliebt sich in ihre Musik. Ihren Look hält er verglichen mit westlichen Pop-Maßstäben für veraltet. Im Osten stehen Haarspray und Leder noch hoch im Kurs. Silly sind ohne ihre explodierten Frisuren undenkbar. „Wir nannten es aufgeplatztes Sofakissen“, erklärt Hassbecker. Jim Rakete scheitert mit seinem Vorhaben, Silly im Westen bekannt zu machen, nicht an irgendwelchen aufgeplatzten Sofakissen. Er scheitert auch nicht an der Zensur, obwohl einer seiner Mitarbeiter an der Grenze mit einer Kopie von „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ erwischt wird. Was dazu führt, dass die Stasi die Song-Texte genauer unter die Lupe nimmt und das Album auf Eis legt.

Fortsetzung:

Friederike Göckeler


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