DVD: Die Festival Highlights vom Rolling Stone Weekender


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01. Wenn es so etwas gibt wie eine Lieblingsband der ROLLING-STONE-Redaktion, dann sind es Wilco. Ihr gefeierter Auftritt am Weissenhäuser Strand steht deshalb am Anfang dieser DVD. „I Might“ hat darüber hinaus aber auch alle Qualitäten eines Kickstarters: Der Beat kommt hart und fordernd, die Gitarren drängen und bohren, doch keine Angst – Jeff Tweedy hat alles unter Kontrolle: „It’s alright / You won’t set the kids on fire / Oh, but I might …“   

02. Ein Auftritt, der für weit offen stehende Münder sorgte: Anna Calvi präsentiert sich 2011 als grandios singende und meisterhaft Gitarre spielende Femme fatale. Trotzdem ist „Suzanne & I“ auch das Werk eines energisch aufspielenden Trios. Die Londoner inszenieren jede Pause, jedes Zögern vor dem nächsten Akkord, als wär’s ein Königsdrama von Shakespeare. Aber im Zentrum bleibt immer La Calvi, die hier aussieht wie eine Mischung aus Flamenco-Tänzerin und Supermodel.

03. Wer hat auch nur annähernd so viel Stilbewusstsein wie die Gentlemen namens Tindersticks? Die Band aus Nottingham gibt „Bathtime“, vom 97er Album „Curtains“. „I’ve been wading through it / Don’t you know it’s up to my neck?“, klagt ein von obsessiver Leidenschaft geplagter Stuart Staples. Doch der kraftvolle Sound der Musik zieht an, wird mächtiger, intensiver. Bis der Sänger kapituliert: „And it won’t be long ’fore it’s over my head / And I can suck it into my love, breathe it in.“

04. Markus Wiebusch und seine Kollegen von Kettcar dagegen bringen die Kuh eher mit norddeutscher Gelassenheit vom Eis. „Im Taxi weinen“ handelt von den Kollateralschäden, die das Ende einer Beziehung nach sich zieht. Glück ist in solchen Momenten eben schon, wenn man nicht in einem HVV-Bus flennen muss, sondern im Taxi. Keiner kann das so knochentrocken knurren wie Wiebusch. Ja, so klingt Hamburg.

05. Um die Entspanntheit dieses Auftritts zu toppen, bräuchte es schon eine nette alte Veranda in einem lauschigen Viertel von Tucson, Arizona, und dazu ein paar eiskalte Biere in einem Blecheimer: Die großen Giant Sand spielen „Spellbound“, vom 2010 erschienenen Album „Blurry Blue Mountain“. Howe Gelb hat den Hut ins Genick geschoben und nimmt sich alle Zeit der Welt, um von einer wunderschönen Frau zu erzählen. Auch eine Lieblingsband.

06. „Romantik“ hat Sven Regener diesmal nicht gerufen. Aber Element of Crime zeigten sich 2010 trotzdem in allerbester Bühnenlaune. Die exzellent beobachteten Spielplatz-Metaphern von „Am Ende denk’ ich immer nur an dich“ sind auch eine herrliche Steilvorlage: „Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, bis er endlich einmal sagt: Ich bin dafür?“ Wir jedenfalls sind dafür, dass die Berliner möglichst bald wieder ein Wochenende an der Ostsee verbringen.

07. Konstantin Gropper geht mit dem fast schon symphonischen Sound von Get Well Soon weit über die Grenzen dessen, was man allgemein als Rockmusik bezeichnet. Doch schon der Titel „Angry Young Man“ macht klar, was die Musik seiner Band mit jedem Takt und jedem Ton einlöst. Das hier ist pure Leidenschaft, die hingebungsvolle Entäußerung von Gefühlen, oder, wie wir Musikkritiker gerne sagen: ganz großes Tennis!  

08. Die Verbindung von abstrakten elektronischen Klängen und emotionalen Pop-Momenten ist eine der Kernkompetenzen der Weilheimer Band The Notwist. Die Brüder Acher, Martin „Konsole“ Gretschmann und Andi Haberl entwerfen mit „Gravity“ eine Welt aus Klang, nur um sie, wie in einem Akt der Befreiung, anschließend wieder zu zerstören. Klang-Avantgarde, zu der man tanzen kann. 

09. Beim Auftritt der Flaming Lips hängt der Saalhimmel voller bunter Luftballons. Die Konzerte der Band aus Oklahoma sind gut gelaunte Geburtstage, die regelmäßig in psychedelische Freak-outs kippen – und oft auch wieder zurück. „Fight Test“ stammt vom Meisterwerk „Yoshimi Battles The Pink Robots“, und Oberlippe Wayne Coyne zeigt sich auch hier wieder als elegante Mischung aus Sänger und Entertainer. Nobody does it better!  

10. Aus vollem Hals, wie eine einzige Stimme, sangen alle, wirklich alle 2009 den Refrain: „I don’t want to change the world / I’m not looking for a new England / I’m just looking for another girl.“ Fast 30 Jahre hat dieser Klassiker von Billy Bragg auf dem Buckel – „A New England“ ist inzwischen ein wahres Volkslied, nicht nur im Königreich. Und es ist immer noch eine schöne Idee, darüber nachzudenken, ob es für die eigenen Wünsche wohl einen Unterschied macht, wenn sich die vermeintliche Sternschnuppe als Satellit entpuppt.