Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Das Einhorn-Toupet

Folge 162

Holzinger und Wulpe, zwei Herren in ihren mittleren Vierzigern, beide mit leichter Bauchwölbung, sitzen in ihrer Stammkneipe und reden über die Wichtigkeiten des Seins. Soeben ergreift Wulpe das Wort.

„Gestern etwa habe ich „Thief“ von Michael Mann gesehn. Super Film.“
„Super, ja.“
„Mit James Caan.“
„Ja, super.“
„Und mit Willie Nelson. Der spielt da ja so was wie James Caans Opa-haften Kumpel.“
„Ja, super.“
„Ich hab mal nachgeguckt: Willie Nelson sieht in dem Film aus wie 70. Aber er war tatsächlich erst 48. Genau so alt wie wir heute.“
„Ich bin aber schon 49.“
„Ja, scheiße, oder?“
„Mir fällt grad ein: Ich hab mal gelesen, dass auf Willie Nelsons Geburtstag irgendjemand eine Rede gehalten hat, und eröffnet hat er die mit dem Satz: „Willie, you don’t look like 80, but we all remember the times, when you did.“ Ich versuche den Satz seit Jahren in einer eigenen Geburtstagsrede einzubauen, aber bisher gab’s da keine Anfragen.“
„Hm. Weißt du, was noch viel sonderbarer ist: James Caan sieht in dem Film aus wie ein
sehr gut durchtrainierter Mittfünfziger. Tatsächlich war aber erst 41, als der Film gedreht wurde. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat.“
„Die Filmmusik ist aber auch sehr gut. Tangerine Dream.“
„Ja, obwohl ich so Siebziger-Synthie-Geblubber eigentlich scheiße finde. Können wir noch zwei Bier haben?“

Musiker mit Haarausfall

Eine kurze Pause entsteht. Dann nimmt Holzinger den Gesprächsfaden wieder auf.

„Du bist mit diesem Alter-Thema aber schon etwas obsessiv, oder?“
„Wieso?“
„Gestern hast du die ganze Zeit von irgendwelchen Musikern mit Haarausfall geredet.“
„Ja, weil ich selber früh Haarausfall hatte, und Haare im Pop ja nicht ganz unwichtig sind. Mich fasziniert das, wie Popstars damit umgehen.“
„Beispiele?“
„Pffffff … weiß grad nicht … doch: Win Butler von Arcade Fire.“
„Grauenhaft. Angeber-Band.“
„Das ist doch grad egal. Win Butler jedenfalls.“
„Der hat keine Haare mehr?“
„Meinst du, der trägt seit ein paar Jahren öffentlich immer Hut, weil er Hüte so super findet?“
„Na ja …“
„Es gibt im Grunde nur drei Möglichkeiten, wenn dir im Popgeschäft die Haare ausfallen. Erstens: Plötzlich mit Glatze rumlaufen. Das ist der Michael-Stipe-Weg. Möglichkeit zwei: Kunsthaare oder Toupet. Das ist der Elton-John-Weg. Das ist aber der lächerlichste Weg. Kennst du Lucio Dalla?“
„Wen?“
„Italienischer Sänger. Der hatte seine gesamte Karriere keine Haare, und zwei Jahre vor seinem Tod lief er plötzlich mit Frisur rum.“
„Krass.“

„Und Möglichkeit drei ist die Udo-Lindenberg-Variante: Hut tragen. Und zwar so lange, bis der Hut in der Außenwahrnehmung zu einem Körperteil wird. Ich meine übrigens mal gelesen zu haben, dass Elton John Pferdehaare auf dem Kopf hat.“
„Ich sag ja: Du bist obsessiv. Wer hat eigentlich die besten Haare im Pop? Ich mein jetzt nicht die beste Frisur. Ah, ich weiß es selbst: Wayne Coyne.“
„Aber da meinst du dann schon die Frisur.“
„Ich glaub, da mein ich beides: Frisur und Haare. Also das Ausgangsmaterial. Und Wayne Coyne altert gut, find ich.“
„Find ich ja gerade nicht. Fürchterlich: dieses Schminken und Fingernägel-Lackieren im Alter. Und immer drei Einhörner zum Aufblasen dabei …“
„Ach komm, das ist Neid.“
„Neid! Quatsch, ich bin doch nicht …“
„Doch, bist du. Weil du keine Haare hast. Ich fänd’s außerdem total super, wenn wir auch ständig mit Einhörnern zum Aufblasen rumlaufen würden.“
„Kannst du ja machen. Ich nicht.“

Eine Pause entsteht. Die beiden hören eine Weile der Kneipenmusik zu. Dann ergreift Wulpe erneut das Wort.

Würdevolles Altern

„Boah, Franz Ferdinand waren schon nervig, oder?“
„Och, ich mag die. Außerdem: Wieso waren? Die gibt’s doch noch.“
„Ja, aber man kriegt sie nicht mehr so sehr mit. Früher galt das ja überall als super – auch wenn’s nur nervig war.“

Noch eine Pause. Die beiden hören der Musik zu.

„Vielleicht ist Willie Nelson doch der Einzige, der würdevoll altert. Der war mit 48 schon 80.“
„Stimmt. Entschuldigung – können wir noch zwei Bier haben?“

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Von Hambach nach Wackersdorf – deutsche Umweltschlager im Vergleich

Folge 165 Ende September fuhr ich zum Hambacher Forst, um dort an einer Demonstration gegen die Niedermachung des gleichnamigen Waldstücks teilzunehmen. So sehr ich von der Richtigkeit der Kundgebungen überzeugt bin, so sehr muss auch festgehalten sein: An der Ästhetik des friedlichen Widerstands gegen Waldabholzungen hat sich seit den späten Achtzigern nichts geändert. Auch nicht an der Musik. So wie sich Lieschen Müller den musikalischen Teil einer Pro-Hambi-Kundgebung vorstellt – genau so hörte er sich an diesem Sonntag an. Gerade intonierte der als „Gerd“ vorgestellte Haussänger der Bewegung, von tausenden sangeskräftigen Kehlen unterstützt, seinen nicht unanrührenden Ermunterungs-Song „Hambi bleibt!“, da…
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