Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Erinnerungen an „Vamos a la playa“

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Erinnerungen an „Vamos a la playa“

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Folge 160

Vor 35 Jahren erschien ein Album, auf dem sich zwei der durchschlagkräftigsten Sommerhits der 80er-Jahre befanden: „Righeira“, das Debütalbum des gleichnamigen italienischen Pop-Duos, das vornehmlich dazu angetan war, den Erfolg der Singles „Vamos a la playa“ und „No tengo dinero“ auszuschlachten. Das Album ist einigermaßen bescheuert, an manchen Stellen fügt es dem Begriff „Quatsch“ etliche neue Bedeutungsebenen hinzu, gelegentlich wird gar recht vehement an den Pforten des Turbo-Trash geklopft.

Righeira, 1981 gegründet, waren ein Turiner Duo, dessen Wirken – gelegentliche spanische Texte hin oder her – dem Genre Italo-Disco zuzuordnen ist. Mindestens so sehr wie die Hits wusste zu faszinieren, dass die Musiker statt in Mikrofone in ­ihre Armbanduhren sangen – eine Technik, die leider bis heute keinerlei Nachahmer gefunden hat. Das Cover des Debütalbums ist so Achtziger wie Nik Kershaws Haarspraysammlung: Righeira stehen in anbetungswürdigen Anzügen kantig in einem Museum und betrachten sonderbare Achtziger-Objekte und eine auf einem Sockel ausgestellte Frau. Italo-Disco eben.

Parodie auf faschistische Helden?

Das Album wird von „No tengo dinero“ eröffnet. Auf den Chartsklopper folgt das auf Deutsch dargebotene „Tanzen mit Ri­gheira“, dessen Text („Eh-oh-aha/ Tanzen mit Righeira/ Eh-oh-aha/ Tanzen, tanzen tanzen“) selbst im Genre Italo-Disco als unterkomplex bezeichnet werden muss. „Luciano Serra pilota“ huldigt dem italienischen Kampfflieger Luciano Serra. Das wäre freilich gar nicht nötig gewesen, tut dies doch auch schon der gleichnamige italienische Propagandafilm aus dem Jahr 1938, der auf eine Idee von Benito Mussolinis Sohn Vittorio zurückgeht. Es gibt ein recht preisgünstiges Video zu dem Lied, in dem Righeira auf einem Kampfflugzeug herumtollen und Didi-Hallervorden-­mäßig agieren. Vielleicht ist das Stück ja auch als Parodie auf faschistische Helden zu verstehen – schwer zu sagen, das Verhältnis der Stiefelbewohner zum Faschismus kann, wie man weiß, recht sorglos sein.

https://www.youtube.com/watch?v=kwxIGe1oOJQ

Auf Seite 2 des Albums darf sich der Freund sondersamer Pop-Unfälle über ein weiteres auf Deutsch dargebotenes Stück freuen. Der Text zu dem Lied „Jazz Musik“ gehört dringend ins Museum, die Frage ist bloß, in welches: „Wir fühlen heute heftig und röhren ganz geschäftig die Jazz/ Wir wollen lieber schwitzen, durch ’n Quintenzirkel flitzen mit Jazz-Musik.“ Wer danach nicht Fan von Righeira und/oder Jazz wird, der muss als sittlich zutiefst gefestigt bezeichnet werden. Aufgenommen wurde in München. Am Schlagzeug ist der Allesvolltrommler Curt Cress zu hören, der im Booklet als Kurt Crass aufgelistet wird. Den Job des Produzenten versahen die Brüder Carmelo und Michelangelo La Bionda, die gern ihre Finger im Spiel hatten, wenn es um grob gestrickte Italo-Disco-­Ware ging. (La Bionda selbst hatten schon 1978 einen veritablen Sommerhit mit „One For You, One For Me“.)

https://www.youtube.com/watch?v=QxARJqrNElc

Was an Sommerhits verstören muss

Sommerhits werden nicht selten antizyklisch produziert, das heißt produktionsvorlaufsbedingt im Winter aufgenommen. Im Sommer wiederum werden Weihnachtshits produziert. Man muss sich das Musikgeschäft als effizienzgetrieben vorstellen. So erfolgreich waren Righeira nie wieder. In einem Interview aus dem Jahr 2017 gibt Exmitglied Stefano Rota an, sich statt für Diskotheken heute mehr für Tratto­rien zu interessieren – das Restaurant als Dancefloor des Alters.

Heute hat Italien schwere Probleme, damals hatte man Righeira. Gibt es eigentlich einen Italo-Disco-Weihnachtshit?

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bizarrer Klatsch

Folge 159 Interessant, was für Dinge man sich als halbwegs musikversessener Mensch so merkt! Unlängst erzählte mir ein Freund, er habe in seiner Jugend mal ein Interview mit Michael Schenker gelesen, in dem der Gitarrist erzählte, dass er seit seinem 17. Lebensjahr ausschließlich seine eigene Musik höre. Er habe das so faszinierend gefunden, so mein Freund, dass er die Info trotz relativ geringen Interesses am Werk des Gitarrenzauberers aus dem niedersächsischen Sarstedt nie mehr habe vergessen können. Ihr ergebener Autor wiederum war trotz grundsätzlicher Sympathie für britische Stimmungsbands mit Drogenvordergrund nie ein großer Happy-Mondays-­Fan. Dennoch hat sich tief in meinem Hirn die…
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