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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bizarrer Klatsch

Folge 159

Interessant, was für Dinge man sich als halbwegs musikversessener Mensch so merkt! Unlängst erzählte mir ein Freund, er habe in seiner Jugend mal ein Interview mit Michael Schenker gelesen, in dem der Gitarrist erzählte, dass er seit seinem 17. Lebensjahr ausschließlich seine eigene Musik höre. Er habe das so faszinierend gefunden, so mein Freund, dass er die Info trotz relativ geringen Interesses am Werk des Gitarrenzauberers aus dem niedersächsischen Sarstedt nie mehr habe vergessen können.

Ihr ergebener Autor wiederum war trotz grundsätzlicher Sympathie für britische Stimmungsbands mit Drogenvordergrund nie ein großer Happy-Mondays-­Fan. Dennoch hat sich tief in meinem Hirn die Info eingenistet, dass sich Bez, der Tänzer und Maracas-­Spieler der Band, während der Aufnahmen zu „… Yes ­Please!“ zweimal den Arm brach, was für einen Maracas-­Spieler schon sehr ärgerlich ist.

Bez von den Happy Mondays beim Glastonbury (2000)
Bez von den Happy Mondays beim Glastonbury (2000)

Gossip im Gehirn

Derart mit Pop-Anekdoten verstopft, ist das Gehirn vieler Musikfreunde freilich oft nicht mehr in der Lage, allzu viel andere Information zu verarbeiten. Überlegen Sie mal: Wie oft sehen Sie Menschen – überwiegend Männer – mit leerem Blick in der Gegend herumsitzen, während andere Menschen auf sie einreden? Statt sich mit dem auseinanderzusetzen, was ihnen gerade erzählt wird, denken diese Männer an Michael Schenker oder Bez von den Happy Mondays. Nicht Drogensucht ist der schlimmste Kollateralschaden der Popmusik, sondern all die mit selbst für popkulturelle Kneipen-Quizabende ungeeignetem Klatsch verstopften Hirne.

Nachschlag gefällig? Nun, wann immer das Gespräch irgendwo auf die Allüren von Rockstars kommt, muss ich daran denken, dass Chris Robinson, der ehemalige Sänger der Black Crowes, mal in einem Geschäft in Denver eine Frau angespuckt haben soll, weil sie ihn nicht erkannt hatte. Sowenig beklatschenswert eine derartige Flegelei auch ist, so sehr hat die Anekdote doch das Potenzial, sich auf ewig in den Köpfen an Rock-Trivia interessierter Menschen einzunisten.

„Schluss mit dem Gossip“, lassen sich erste Stimmen wütender Leser vernehmen, „das hier ist schließlich kein Klatsch­magazin!“ Und wie recht diese Stimmen haben! Die folgende Geschichte mit Hirnverstopfungspotenzial ist daher definitiv wahr. Rick Wake­man, einst am Keyboard für die Prog-Band Yes tätig, berichtet in seiner Autobiografie davon, bei Auftritten der Band nicht immer vollends ausgelastet gewesen zu sein. Immer habe er nur sphärische Flächen spielen müssen – langweilig.

Geruchsbelästigung

Da habe er sich einmal während eines Auftritts sein Backstage-­Catering unauffällig von einem Roadie auf die Bühne tragen lassen und die Speise – ein indisches Curry – hinter seiner Keyboardburg verzehrt. Zusätzliche Tarnung bot Wake­man das ausladende Cape, das er auf der Bühne trug. Nur eines hatte Wake­man nicht bedacht: Sein Essen sendete derart starke olfaktorische Signale, dass ihn die gesamte Band empört anstarrte. Sänger Jon Anderson besaß immerhin die Sportlichkeit, bei Wake­mans Keyboardburg vorbeizuschauen und sich dort einen indischen Linsenmehlfladen abzuholen.

Bassist Nick Beggs von Kajagoogoo (1983)
Bassist Nick Beggs von Kajagoogoo (1983)

Und dann ist da noch der Exbassist von Kajagoogoo, Nick Beggs (spielt heute bei Steven Wilson), der in einem „Bravo“-­Interview sagte, er trage „aus hygienischen Gründen“ keine Unterhosen. Einmal mit zwölf Jahren gelesen, für immer im Kopf, in keinem Kontext als Info verwertbar. Von dieser Kolumne mal abgesehen. Womöglich ist die Geschichte über Michael Schenkers Vorliebe für die eigene Musik ja auch wahr. Vielleicht liest Michael Schenker den ROLLING ­STONE und kann hier weiterhelfen. Andererseits liest Michael Schenker womöglich seit seinem 17. Lebensjahr ausschließlich seine eigenen Songtexte. Was nun schon wieder ­eine faszinierende Vorstellung für sich ist.

Der Autor würde auf der Bühne gern mal einen Happen essen – er spielt aber eine Gitarre von handelsüblicher Größe und singt dazu.

Fred Duval FilmMagic
Michael Putland Getty Images

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Ein Monat sagt „Hi“

Folge 167 Unter allen Problemmonaten ist der November der problematischste. Zwischen dem Abwimmeln beharrlicher Martins­sänger, dem Verwalten langwieriger Viruserkrankungen und den zähen Verhandlungen mit mehr oder minder lieben Familienmitgliedern über die in diesem Jahr besonders komplizierte Weihnachtsplanung, kann sensiblen Zeitgenossen auch schon mal ein Gedanke kommen wie dieser: Wenn der November schon so schlimm ist, wie mag dann erst der Februar werden? Doch während der Februar immerhin baldige Besserung zu verheißen in der Lage ist, droht im November nur der Untergang. In der Popmusik wird der November als Synonym für alles Trübe und Triste ausgesprochen gern thematisiert. Vor allem von…
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