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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Die Achtziger begreifen


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 226

In der letzten Ausgabe wurde im Rahmen eines 80er-Jahre-Specials etlichen Platten gehuldigt, die für das schultergepolsterte Jahrzehnt von Bedeutung waren: Kate Bush, Orange Juice, ABC, The Smiths, Talking Heads usw. Im Deutschland der 80er-Jahre aber waren andere, weniger kanonisierte Alben deutlich erfolgreicher. Als ich dreizehn, vierzehn Jahre alt war (vor meiner musikalischen Trittfestwerdung), schien jeder meiner Mitschüler diese Alben zu besitzen. Sie erhielten Vielfachplatin und ihre Singleauskopplungen waren omnipräsent. Ich hasste diese Platten jahrelang.

Mehr noch als Tschernobyl und Nato-Doppelbeschluss zusammen ließen sie mir die 80er-Jahre lange als musikalisches Jammertal erscheinen. Ich habe mir drei dieser damals allgegenwärtigen Platten nun noch einmal gründlich angehört und muss mein Urteil revidieren: Erst diese Platten komplettieren das Bild der Achtziger zu einem sinnvollen Ganzen. Man braucht jede von ihnen mehrfach!

Album Nummer eins heißt „In Transit“ und stammt von der Band Saga. Die Platte klingt, als hätten die Mitarbeiter eines großen Musikinstrumente-Stores eine Band gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, alle Gitarreneffekte und Synthesizer-Burgen zu benutzen, die im letzten Quartal nicht abverkauft werden konnten. Geboten wird jener markige Mucker-Pop-Rock, der auch gern in apokalyptisch gefärbten Actionfilmen verwendet wurde, in denen Menschen in flatternden Ledermänteln durch postatomare Landschaften oder neonfahle Straßenschluchten latschten. Man lausche nur dem großen Hit „Wind Him Up“, da bekommen Saga wirklich alles unter! Sänger Michael Sadler, ein stimmgewaltiger Frontmann mit Hang zur geballten Faust, trug einen dystopischen Schnauzbart und fingerlose schwarze Lederhandschuhe, wirkte aber trotzdem straight. Mit Schlagzeuger Steve Negus führte die Besetzung jener Phase zudem einen Apologeten des elektrischen Schlagzeugs in ihren Reihen. Tolle Platte, ich vergebe acht apokalyptische Ledermäntel.

Als zweites Album ist Chris de Burghs „The Getaway“ zu nennen. Ich war lange der Überzeugung, dass Chris de Burgh vom Interessenverband der deutschen TV-Set-Designer erfunden wurde, um diesem Berufsstand die Möglichkeit zu geben, im Rahmen von Sendungen wie „Wetten, dass ..?“ bühnengestalterisch so richtig in die Vollen zu gehen: neonbeleuchtete Telefonzellen, trockeneisnebelumwaberte Autowracks, melancholische Schaufensterpuppen und dergleichen. Bemerkenswerterweise wurde die Platte von Rupert Hine produziert, der auch einige Saga-Platten zu verantworten hat. Und dreimal dürfen Sie raten, wer am Schlagzeug sitzt. Richtig: Steve Negus, die menschgewordene Elektrotrommel. In Deutschland kletterte das Album bis auf Platz 1 der Charts: Die Motivpullovermusik de Burghs entsprach offenbar ganz der hiesigen Vorstellung von Pop. Das Video zum Hit „Don’t Pay The Ferryman“ gehört ins Museum; fragt sich nur, was das für ein Museum sein sollte. Der Barde gibt hier einen Gruselfürsten mit Vampirumhang. Vieles auf dem Album gemahnt an christliche Rockmusik, was auch daran liegt, dass de Burgh ein bisschen wirkt wie der singende Gemeindereferent, dem die Mutter noch immer die Haare schneidet. Nur Hits – ich vergebe sieben Motivpullover.

Zuletzt ist Chris Reas „Wired To The Moon“ zu nennen. War bei de Burgh eine fast schon rührende Biederkeit am Werk, so dominiert hier der diskrete Charme des Selbstgenügsamen. Früher sind mir bei Chris Rea immer die Ohren eingeschlafen, heute hat die fortgeschrittene Reizarmut seiner plänkelnden Musik fast schon etwas Cooles. „Wired To The Moon“ hört sich oft an, als würde da ein Tech-Millionär zur Selbstunterhaltung im Heimstudio vor sich hin dudeln. Hier wird jede Erwartung in konsequenter Wohlgepflegtheit unterspielt – auch eine Leistung!

Ich werde bis auf Weiteres nur noch diese drei Alben hören. Vielleicht mal etwas von Simply Red oder Mike Oldfield zwischendurch. Es ist entscheidend, den Erfolg dieser 80er-Jahre-Platten in Deutschland zu begreifen, wenn wir die Zukunft gestalten wollen.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Elegant durch den Tag

Folge 225 Schon der große Philosoph Rudi Schuricke wusste: „Mit Musik geht alles besser.“ Ganz in diesem Sinne wollte ich mich unlängst gleich zu Beginn des Tages mithilfe eines sorgsam ausgewählten Albums in einen erhabeneren Zustand versetzen, um so meinem gesamten Treiben und Wirken an diesem Tag Eleganz und Anmut zu verleihen. Meine Wahl fiel auf Bryan Ferrys „Boys And Girls“, ohnehin eine Lieblingsplatte. Hätte ich erst diesem Smoking von einem Album gelauscht, so dachte ich, hätte alles, was ich an diesem Tag anfassen oder tun würde, diese ganz selbstverständliche Ferry’sche Noblesse. Ich hörte also, ließ die Musik ganz von…
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