Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Aus der Designer-Boutique


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 227

Expertentum kann eine Bürde sein. Das wissen nicht nur Fußballkommentatoren, die während des alljährlichen Check-ups mit ihrem Zahnarzt die letzten Trainerwechsel diskutieren müssen.

Als vermeintlicher Italienfachmann sah ich mich zuletzt von allen denkbaren Seiten immer wieder mit einer Frage konfrontiert: was ich denn von der Band Måneskin hielte, dieser jungen Rockband aus Rom, die für Italien den Sieg beim dies-jährigen Eurovision Song Contest holen konnte.

Sanremo-Festival

Nun, ich muss ausholen. In Italien hat alles, aber wirklich alles mit dem Festival della Canzone Italiana di Sanremo (kurz Sanremo-Festival) zu tun, das seit 1951 alljährlich in der Stadt an der ligurischen Blumenriviera veranstaltet wird. An fünf Abendenden wird hier ein beispielloser Liederwettbewerb abgehalten, den das halbe Land gebannt an den Fernsehgeräten verfolgt.

Die Einschaltquoten sind beispiellos: Es geht hier schließlich um Gedeih und Verderb des alljährlichen Sommerhit-Angebots. Und wie alles vermeintlich Unwichtige sind Sommerhits in Italien eine Angelegenheit von immenser Bedeutung, der mit dem gebotenen Ernst zu begegnen ist.

Was die Musik angeht, versteht man in Italien keinen Spaß. Auch in diesem Februar klebte Ihr ergebener Chronist an allen fünf Abenden bis tief in die Nacht am Bildschirm. Es wurden Listen in Kategorien wie Darbietung, Komposition, Arrangement und – ganz wichtig! – Outfit angelegt.

Die aufgekratzte Veranstaltung (durchgeführt unter strengen Corona-Auflagen) geriet zu einem Lehrstück in „sprezzatura“, der italienischen Kunst, etwas Schwieriges ungemein leichtfüßig wirken zu lassen. Italiens Hit-Schmieden lieferten verlässlich ab: Das Duo Colapesce und Dimartino bot flirrenden Strand-Pop, der den Erwerb eines neongelben Sakkos als zwingend erscheinen ließ.

Medleys mythenumrankter Diven

Die 78-jährige Veteranin Orietta Berti schmetterte eine donnernde Bilderbuchballade. Max Gazzè trat als Leonardo da Vinci auf, die jungeRapperin Madame verband Trap mit klassischer Canzone. Dazwischen gab es Medleys mythenumrankter Diven, aufgekratzte Showeinlagen des Moderatorenduos, ein Tribute an Ennio Morricone und komödiantische Auftritte des Gaststars Zlatan Ibrahimović, der mit versteinerter Miene nahelegte, die Veranstaltung in „Festival di Zlatan“ umzubenennen.

Und dann waren da Måneskin. In meinen Notizen zu ihrem ersten Auftritt am ersten Abend steht: „… sehen aus, als hätten sich Oliver Stone und Gianni Versace eine Rockband ausgedacht. Null Punkte, wird nix.“

Wobei das Aussehen der Band nun wirklich nicht das Problem war. Die Musik schon eher, denn leider klang der Song „Zitti e buoni“ („Still und brav“) so gar nicht nach einer überstrahlten Italovariante von Rockmusik, eher wie eine Skunk-Anansie-Coverband aus dem Oldenburger Münsterland. Wenn das Rockmusik sein sollte, so schwor ich mir, würde ich künftig nur noch Hosen tragen.

Doch das italienische Televoting sah die Sache anders, und am Schluss gingen Måneskin als strahlende Sieger aus der Veranstaltung hervor, was die Band traditionsgemäß auch zum italienischen Eurovisions-Kandidaten machte. Was wirklich erstaunte, war, in welchem Ausmaß die Sanremo-Auftritte der Band zu einer „rivoluzione“ und einer „Rückkehr des Rock“ emporstilisiert wurden.

Auch Italiens Rockstar Vasco Rossi schloss sich dieser Betrachtungsweise an. Vasco war Anfang der 80er-Jahre mit zwei Sanremo-Auftritten berühmt geworden, bei denen er, die Hände in den Hosentaschen, wie ein verkaterter Hallodri agiert hatte. Mit „Vita spericolata“ („Draufgängerisches Leben“) landete er 1983 auf dem vorletzten Platz. Das Stück ist heute eine italienische Hymne.

Vielleicht ist es das, was mir so gar nicht an Måneskin gefällt: dass ihr Designer-Rock so undraufgängerisch und gleichzeitig so unitalienisch angestrengt daherkommt wie ein AC/DC-Shirt von Zara.

Vielleicht mag ich aber auch einfach keine Rockmusik. Oder, wie mein Zahnarzt sagen würde: Einmal Italopopper, immer Italopopper.