Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Psychedelic only

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Psychedelic only

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Folge 143

Er habe eine riesige Sammlung rarer Psychedelic-Platten aufgekauft, raunte mir neulich mein Plattenhändler über die Ladentheke hinweg zu und wies mit einem Kopfnicken bedeutsam in Richtung mehrerer Kisten voll quietschbunten Vinyls. „Da hat wohl jemand endlich seine Drogen im Klo runtergespült“, scherzte ich grob, doch der Händler verzog keine Miene. Eine ganz tolle Sammlung sei das! Demütig vergrub ich mich sogleich in die Kisten, und tatsächlich, ich hatte noch nie vorher eine so prachtvolle Psychedelic-­only-Kollektion gesehen. Blubberige Schriftzüge, Fischaugenobjektiv-Bilder, explodierende Schädel und Paisley-­Hemden, so weit die Pupillen reichten.

Nach stundenlangem Graben wählte ich ein paar der Platten aus, zahlte ohne Widerworte eine indiskutable Summe, ging heim und lauschte. 50 Jahre nach dem Summer of Love. Nüchtern.

Die erste Platte, die ich auflegte, stammte von einer japanischen Band mit dem schönen Namen The Mops. Auf dem Cover wird langhaarig und schlapphütig vor einem ollen Tempel herumgesessen, davor sich eine nackerte Schönheit räkelt. „Iijanaika“, so der Titel der Platte, eröffnet mit polterndem John-Bonham-­Gedächtnisgetrommel, bald schon werden Fuzzgitarren zum Einsatz gebracht. „Bring you what you want/ Bring you what you see!“, röhrt der Sänger. Manchmal röhrt er auch Unverständliches. Die Platte ist ziemlich gut: Die Mops lassen zu wüstem Psychrock-Gemucke ordentlich die Freakfahne flattern und schrecken auch vor gewisperten Grusel­chören nicht zurück. Tatsächlich handelt es sich bei The Mops um eine vergleichsweise populäre Band: Ihr Signaturesong, „I’m Just A Mops“, fand auf der zweiten Ausgabe der legendären „Nuggets“-­Sampler Verwendung.

Als zweite Platte aus der Drogenrock-Kiste befasste ich mich mit einem Album der Band ­Flyte Reaction. „Strawberry Lip Salvation“ heißt das Album. Zwei Sorten Songs sind hier zu finden: Zum einen setzt es Stücke, die mit pseudoindischem Geklöppel eröffnen, auf das bald verzerrte Wah-Wah-Gitarren, Irrenhausstimmen und Weltraummessages geschichtet werden. Zum anderen beherrscht man auch Lo‑Fi-Pop, der sich manchmal anhört wie Guided By Voices minus The Who. Die Stücke tragen Namen wie „Inner Space­man“ und „Flags On The Moon“. Auch „Strawberry Lip Salvation“ ist eine ziemlich gute Platte voller Musik, die vermutlich nur von sehr schwach durchbluteten Menschen gehört wird. Bei ­Flyte Reaction handelt es sich übrigens um keine LSD-Esser der ersten Generation, sondern um einen Neo-Psych-Act aus den frühen Neunzigern. Hinter dem Projekt verbirgt sich ein gewisser Mick Mossley, der im Genre wohl eine mittelschwere Legende ist.

Die dritte Platte stellte sich als die beste heraus: „Jungle Rot“ von George Brigman aus dem Jahr 1975. Auf dem Cover: zwei unseriöse Vögel vor einem zerfallenen Gemäuer. Das Album, das ursprünglich als Privatpressung erschien, eröffnet mit irrem zwischen den Boxen hin- und herspringenden Gitarren­geriffe. Bald setzt dumpf produzierter Neandertal-Garagenrock ein. Schon jetzt muss man einfach die Höchstwertung zücken. Beim zweiten Song ist Kojotengeheul zu vernehmen; das Stück klingt wie Ariel Pink trifft Ty Segall, wenn Charles Manson und Kim Fowley sie zusammen im heimischen Folterkeller aufgenommen hätten.

Morgen gehe ich wieder in den Laden. Ich habe beschlossen, die gesamte Sammlung aufzukaufen. In ein paar Wochen werde ich dann in lauter TV-Specials zum Thema Psychedelia und der Sommer of ­Love kompetente O-Töne abgeben. Ich werde achteckige Sonnenbrillen und Kaftan tragen.

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