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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bleib weg vom Alltag!

Folge 180

Zu den eher unklugen Dingen, die man als Fan semilegendärer Indie-Stars tun kann, zählt, sich mit diesen Künstlern mittels sozialer Medien zu ver­netzen; „sich mit ihnen zu befreunden“, wie es heißt. Das Ergebnis solcher Befreundungen auf Facebook oder Instagram ist in der Regel, dass man fortan mitbekommt, dass sich diese Musiker gerade im Studio befinden, irgendwo auf Tournee sind oder demnächst ein neues Album ­veröffentlichen. Die letzten beiden Informationen hätte man auch so bekommen, und Fotos von Musikern in Studios erschöpfen sich entweder in Equipment-Pornografie oder sind von ähnlichem Abwechslungsreichtum wie Fotos von Versicherungsvertretern hinter ihren Schreibtischen.

Das Hauptproblem daran, den ­geschätzten Künstlern auf ­Facebook oder Instagram zu ­folgen, ist: Es macht diese Künstler klein. Es schrumpft sie auf das Maß unserer Welt und macht sie nahbar. Doch was hat man von der Nahbarkeit von Menschen, deren Handels­ware, anders als bei Geliebten, ­Familienmitgliedern oder Freunden, ja nicht Nähe ist, sondern, sagen wir, Transzendenz.

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Wenn Popmusik etwas leisten kann, das über die reine Bedudelung des Alltags oder das Herstellen eines Feelgood-Zustands ­hinausgeht, dann, dass sie uns, pathetisch ausgedrückt, von diesem Alltag zu neuen Orten trägt, uns diesen Alltag aushalten lässt oder uns für die Unerträglichkeiten dieses Alltags rüstet. Hierfür braucht die Popmusik aber Distanz. Popstars funktionieren ähnlich wie Zauberkünstler, ­denen man nicht beim Packen ihres Trickköfferchens zuschauen sollte. Sie sind wie Superhelden, und Superhelden will man nicht dabei beobachten, wie sie sich in ihre Kostüme einnähen lassen.

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Zu viel Ernüchterung

Letztlich handelt Pop von Entnüchterung, vom Beduseln und Staunenlassen. Ernüchterung im Pop bringt es dagegen weniger. Die aber setzt es reichlich auf den privaten Accounts der Indie-Recken. Was man immer schon ahnte (oder, mehr noch, befürchtete), findet hier wort- und bild­reiche Bestätigung: Die Welt, in der die meisten Helden des klassischen Indie-Rock leben, ist mit den gleichen Alltäglichkeiten gepflastert wie die eigene. Und nicht genug damit, dass es letztlich unerquicklich ist, seine Idole auf unscharfen Fotos in grell beleuchteten Aufnahmestudios oder Arm in Arm mit irgendwelchen Bekanntschaften zu sehen – viele Musiker schrecken auch nicht davor zurück, Bilder zu posten, die sie beim Verlegen von Fußböden oder beim Rasenmähen zeigen.

Es geht hier wohlgemerkt nicht um ­Newcomer, sondern um den digitalen Engtanz mit verdienten Größen. Trotzdem: Möglicherweise wird Pop als Gesamtkonstrukt letztlich an den sozialen Medien ­zugrunde gehen. Ebenso übrigens wie ­Kabarett und Comedy: Steht man morgens auf und knipst Facebook an, haben sich dort schon lauter Scherzkekse ausgebreitet und hauen zu nahezu jedem Thema flotte Oneliner raus.

Facebook is killing Kabarettism!

Während der Untergang weiter Teile des Comedy-Betriebs aber noch zu be­grüßen wäre, muss der Schaden, den die ­sozialen Medien an der Feenreichhaftigkeit des Pop anrichten, als verheerend ­bezeichnet werden: Einen neuen David Bowie oder eine neue Kate Bush könnte es vermutlich gar nicht mehr geben, weil auch sie sich durch die hohle Gasse der Social Media scheuchen lassen müssten. Da nimmt man als Künstler ein durch und durch rätselhaftes Album auf, voll ­codierter Botschaften und liebevoll ­ausgelegter Fährten – und nachmittags muss man dann posten, wie stolz man doch sei, endlich ein neues Album fertig zu haben, und wie sehr man sich freue, demnächst auf Tour zu gehen.­Verdammte Kumpelei!

Wobei, vielleicht wächst aber auch längst eine neue Musikergeneration ­heran, die Social Media gerade dafür zu nutzen weiß, sich möglichst entrückt zu ­inszenieren und somit jenseits öder „Thank you, Hamburg, what a great audience!“-Posts endlich wieder Distanz herzustellen.

Solange ich mir in der betreffenden ­Frage nicht sicher bin, entfreunde ich erst einmal all meine Helden und ­höre Mark Kozelek. Der ist nicht auf ­Facebook und macht aus seinem Alltag lieber Kunst.

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Song To Bobby

Folge 184 Im nahen Außenbereich eines Cafés sitzt eine Truppe, die zur Schrammelgitarre „Like A Rolling Stone“ intoniert; nach dem Auftritt kreuzt ein Instagram-Hippie-Paar auf, das „Oh, Sister“ in formvollendeter Zweistimmigkeit darbietet. Derlei Verhalten wäre bei Shows von, sagen wir: Paul McCartney einigermaßen sinnlos. Da Dylan aber bekanntlich die Jukebox verweigert und wenig am Konzept der Werktreue interessiert ist, haben die begleitenden Auftritte singender Fans für manch einem Zuschauer wohl eine Trost-Funktion: Wenn der Schöpfer seine Songs schon nicht mehr so spielt, wie es sich gehört, laufen immer noch genug Imitatoren herum, die sich um die Angelegenheit kümmern. Bob Dylan…
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