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Interview mit „Hipgnosis“-Gründer Aubrey Powell: „’Dark Side of the Moon‘ ist gar nicht mein Lieblingscover“

Die britische Grafikagentur Hipgnosis entwarf von Ende der 60er- bis Mitte der 80er-Jahre eine große Zahl von Covern, die aus einfachen LP-Hüllen Kunstwerke machten. Der heute 72-jährige Aubrey Powell, der gemeinsam mit seinem Kollegen Storm Thorgerson die Agentur gründete, erinnert sich an einige seiner bahnbrechenden Arbeiten.

Ihr Cover des Pink-Floyd-Albums „The Dark Side Of The Moon“ ist weltberühmt. Was fasziniert die Menschen seit 46 Jahren daran?
Das Motiv repräsentierte Pink Floyd, und es repräsentierte Pink Floyd zu dieser ganz bestimmten Zeit.

Pyramide und Spektralfarben repräsentierten die Musiker?
Denken Sie an Pink Floyd vor „Dark Side“, vor 1973. Sie waren ein Enigma. Keiner wusste, wie sie aussahen. Es gab damals so gut wie keine Fotos von ihnen, kaum einer interviewte sie. Wenn Pink Floyd auftraten, achteten alle nur auf den riesigen Bildschirm auf der Bühne und den darauf laufenden Filmen. David Gilmour drehte dem Publikum seinen Rücken zu. Dazu endloser Trockeneis-Nebel und die beste Surround-Musikanlage. Nun kam ihr „Dark Side of the Moon“-Image ins Spiel: Ein Prisma, durchzogen von Licht, vor einem schwarzen Hintergrund: Dieses Motiv fasste die Eindrücke jedes Menschen zusammen, der Pink Floyd auf der Bühne gesehen hatte. Es beschreibt Wiedererkennung als emotionale Reaktion auf eine sehr simple Grafik. Das Dreieck war Pink Floyd.

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Aubrey Powell 2017

Wie arbeiteten Hipgnosis mit ihnen zusammen?
Mein Partner Storm Thorgerson (verstorben 2013) und ich waren mit der Band befreundet. Wir besuchten sie bei den Aufnahmen in den Abbey Road Studios. Deren Keyboarder Rick Wright bat uns, für das Cover etwas weniger Surrealistisches auszudenken: bitte kein zweites „Atom Heart Mother“! Dessen Motiv zeigte ja lediglich eine Kuh, es gab keinen Band- oder Plattentitel. Das Bild war ein Ausdruck lateralen Denkens, ich bezeichnete es als „Nicht-Cover“. Aber die Pyramide war auch nicht erste Wahl.

Was denn?
Rick favorisierte etwas, das an die Pralinenschachtel von „Black Magic“ erinnerte: schwarz, viereckig. Nach diesem Gespräch konnten Storm und ich gar nicht anders, als niedergeschlagen zu sein. Grafiken waren ja eigentlich nicht unser Stil. Wir betrachteten uns als Foto-Designer. Okay, eine Woche später: Ich saß auf der Couch, blätterte durch ein französisches Magazin über Physik, dann sah ich, wie Sonnenstrahlen durchs Fenster auf weißes Papier fielen und ein Prisma aus Regenbogenfarben entstand. Ich zeigte das Storm und er sagte: „Da haben wir’s!“. Ich malte es sofort mit einem Buntstift auf. Wir waren Amateure.

Als schlicht lässt sich das „Dark Side Of The Moon“-Cover aber nicht bezeichnen.
Das ist Ihre Interpretation, und sie ist bezeichnend für die Schönheit der Hipgnosis-Cover. Jede Deutung ist willkommen. Für mich bedeutete Hipgnosis immer, die Welt wie durch ein Fernrohr zu sehen: Die Landschaft liegt vor uns, und wir suchen uns ein bestimmtes Detail davon heraus, und die Vergrößerung macht es großartiger, bedeutsamer.

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Wie ging’s weiter?
Wir brachten meine kleine Zeichnung zur Band, einer nach dem anderen sagte: „Das sind wir!“ Dann ging’s nach Ägypten, um Pink Floyd für das Innenbild zu fotografieren. „The Dark Side of the Moon“ ist nicht mein Lieblingscover, aber es hat sich bis heute 65 Millionen mal verkauft. Das Motiv ist auf der ganzen Welt zu sehen. Wahrscheinlich haben es Milliarden Menschen wenigstens einmal zu Gesicht bekommen. Hätten Pink Floyd von „Dark Side“ lediglich ein paar tausend Exemplare abgesetzt, wäre der Impetus natürlich ein anderer. Eine Hand wäscht die andere!

Haben Pink Floyd sich hinter Hipgnosis-Motiven versteckt – dachten die Musiker nicht, dass es auch nachteilig ist, unerkannt zu sein?
Darüber sprach ich noch vor zwei Jahren mit Roger Waters. Die Anonymität hatten sie ja nicht forciert. Als Pink Floyd Ender 1960er-Jahre noch in kleinen Clubs spielten, war die Lichtshow schon sehr präsent, selbst billige Glühbirnen fielen stärker auf als die Musiker – weil sie die Befürchtung hatten, ihre Songs wären nicht gut! Nach dem Erfolg von „Dark Side of the Moon“ wurden sie Superstars, traten in den USA vor bis zu 90.000 Zuschauern auf.

Und verschwanden in der Ferne.
Waters realisierte, dass sie für weit weg sitzende Leute zu kleinen Punkten auf einer Bühne wurden. Darauf hatte er aber eigentlich nur gewartet – jetzt konnte er experimentieren. Aus Pink Floyd wurde das, was Rogers „Electronic Theatre“ nannte, die Show mit fliegendem Schwein. Alles sollte aufblasbar sein: die Kernfamilie, Vater, Mutter, Kinder. Dann Sofas und Autos. Schließlich das Gummi-Schaf mit Fallschirm.

Pink Floyd im Studio. Damals noch mit Syd Barrett.
Pink Floyd im Studio. Damals noch mit Syd Barrett.

Für die Scorpions schufen Hipgnosis „Lovedrive“ (1979) sowie „Animal Magnetism“ (1980). Können Sie nachvollziehen, dass Betrachter diese Fotos, in denen Frauen wie Objekte dargestellt werden, sexistisch finden?
„Lovedrive“ ist die abstrakte Darstellung von zwei Menschen auf dem Rücksitz eines Autos. Und das beste Beispiel dafür, wie Darstellungen über die Jahre verzerrt wahrgenommen werden. Uns interessierte nur eine Frage – die nach der Beziehung zweier Liebender: „What drives Love?“ Dabei geht es natürlich auch um Anspannung. Deshalb die Idee mit dem Kaugummi, das der Mann von der weiblichen Brust abziehen will – es geht um Strapazierfähigkeit des Verhältnisses.

Aber warum gerade die Brust?
Das Gesicht der Frau spricht doch Bände. Sie ist aufgebracht wegen des Verhaltens des Mannes. Es geht hier nicht um Kaugummi auf der Brust, es geht um die Anstrengungen in der Beziehung. Das Cover sollte nicht sexy sein, auch kein „Mann vs. Frau“-Statement. Wer heute sagt, das Motiv sei unangebracht, dem kann ich nur widersprechen: Es ist relevanter denn je, denn „Lovedrive“ ist wie ein Bild aus der „Metoo“-Ära. Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung. Wie können Männer und Frauen heute im selben Büro arbeiten, wie geht man gemeinsam aus?

Die Scorpions waren glücklich, aber mit welchen Künstlern gab es Probleme?
Es gibt einige Cover, die mir gar nicht gefallen. Und einige, die wir nur fürs Geld gemacht hatten.

Welche zum Beispiel?
Die von Paul McCartney. Sie basierten auf seinen Ideen, oder seinen und Lindas, jedenfalls nicht unseren. Wir fühlten uns dennoch geehrt, er war ja ein Beatle. Wir mochten ihn, freundeten uns an, und er zahlte gut. Wir mussten unsere Miete zahlen, das Studio am Laufen halten, unseren Assistenten Lohn geben. „Wings at the Speed of Sound“ von 1976 ist ein Beispiel für ein Motiv, an dem ich nicht hing.

Warum?
Ich fand es nicht aufschlussreich. Konzept wie finales Produkt. Hier fehlte ein Kontext, es war also kein Hipgnosis-Bild. Wir sehen rote Buchstaben vor einer gelben Werbefassade auf einem Theater am Londoner Leicester Square. Langweilig.

Konnten Sie kein Veto einlegen?
Mit Paul zu arbeiten war eine interessante Erfahrung. Er sagte: „Ich brauche ein Albumcover! Legt los mit euren Ideen!“ Wir brachten ihm etliche Skizzen. Seine Antwort war meist die: „Sieht alles großartig aus! Aber auch ich habe mir Gedanken gemacht.“ Wir drucksten dann rum: „Wir können auch an Deinen Skizzen arbeiten.“ Worauf Paul den Vorschlag machte: „Verstanden. Lasst uns einfach meinen und euren Entwurf ausarbeiten – und dann schauen wir, welcher am besten funktionieren würde, okay?“ Wir machten die Fotos, und am Ende stellte er stets fest: „Seht ihr? Meine Idee war besser.“ Es wurde ein Running Gag. Ich mochte es, für ihn zu arbeiten. Der Mann hat Sinn für Humor.

Welches ist Ihr Lieblings-Cover?
Eines ist sicher „Atom Heart Mother“ für Pink Floyd. Die Kuh. Das Nicht-Cover. Nichts darauf hat mit dem Inhalt zu tun, nichts mit der Band, nichts mit den Liedern, den Titeln, den Texten. Und es war alles so einfach. Wir fuhren auf eine Wiese, fotografierten das Tier, fuhren zu Pink Floyd. Wir wollten es gar zur Bedingung machen, dass Bandname und der Titel fehlen. Und sie? Liebten auch diese Idee. Die Plattenfirma hasste sie. Sie haben uns geradezu rachsüchtig gehasst. Das Label wollte uns loswerden.

Wie kann man sich das vorstellen?
Als ich mit dem Cover bei der EMI/Capitol Records reinmarschierte, vergruben die Leute dort die Köpfe in ihren Händen. Sie kamen mit unserem Querdenken nicht zurecht, hatten keinen Sinn für „thinking out of the box.“ Dabei ist es doch so: In Plattenläden gab es tausende Alben, und fast alle schmückten Bandfotos. Wir hatten die Kuh und stachen heraus – das hätte dem Label doch gefallen müssen.

Und die Kuh riskiert gar einen kecken Schulterblick – wie Leute auf dem Roten Teppich.
Sie haben seltsame Ansichten, mein Freund. Es ist eine Kuh auf dem Feld, mehr nicht. Wir wurden inspiriert von den Arbeiten Marcel Duchamps. Die Aufnahme eines alltäglichen Seheindrucks. Passt das Bild zum Plattentitel „Atom Heart Mother“, steht die Kuh für eine Mutter? Nein! Es ist eine Kuh. Wissen Sie, wie Pink Floyd auf den Titel kamen?

Nein.
Roger Waters las den „Evening News Standard“, den Artikel „Atom Heart Mother“ – über die erste Frau, der ein Herzschrittmacher implantiert wurde. Ich lief über den Sunset Strip in Los Angeles, und dort hing über einen Zeitraum von drei Wochen das riesige Werbeplakat mit dem Tier. Und die Leute in Hollywood fragten sich: „Was ist das für ein Film? Ein Horrorfilm? THE COW?“ Erst nach Wochen wurde, auf einem zweiten Plakat, der Bandname enthüllt. Und erst dieses Versteckspiel war es, das Pink Floyd zum absoluten Gesprächsthema in Amerika machte. Bis „Dark Side of the Moon“ war „Atom Heart Mother“ dort ihr größter Hit.

Welches Cover lieben Sie außerdem?
„Elegy“ von The Nice, der Band von Keith Emerson, bevor er Emerson, Lake & Palmer gründete. 30 rote Fußbälle, die eine Linie in der Sahara bilden. Es markierte 1971 eine unserer ersten Gelegenheiten ein surrealistisches Motiv zu entwerfen. Ich malte es buchstäblich auf die Serviette und stellte es dann dem Label vor. Die Leute flippten aus: „Wer soll den Quatsch denn bezahlen?“. Emerson, cool: „Ich“. Also kauften wir die Fußbälle, verpackten sie in Kartons und flogen nach Marrakesch. Dort angekommen, besorgten wir uns ein Auto und fuhren zu den Dünen nach Sangora.

Klingt jetzt schon abenteuerlich.
Allerdings: Die Bälle waren nicht aufgeblasen. Und alles, was wir hatten, war eine Fahrradluftpumpe. Ich machte mich an die Arbeit und brauchte 20 Minuten – für einen Ball. Zum Glück war eine Tankstelle in der Nähe, wir fragten dort an und bezahlten fürs Aufblasen. Um 5 Uhr morgens kamen wir zurück um die Bälle abzuholen. Alle waren fertig, rund und aufgepumpt – 60 Kinder hatten sich an die Arbeit gemacht. So entstand eines der ersten surrealistischen Plattencover. Das Bild war bahnbrechend. Wir veränderten die Welt. Und es gibt noch ein weiteres Motiv, auf das ich sehr stolz bin.

Welches?
„Look Hear?“ von 10cc, und darauf unsere Worte „Are You Normal?“ Das Bild zeigt ein Schaf auf der Couch eines Psychiaters, ich schoss es 1980 auf Hawaii. Die Menschen sind ja wie Schafe, einer folgt dem anderen, alle gehen in Therapie – weil das damals Mode war. Warum Hawaii? Traumsequenzen werden oft mit Meer und Strand in Verbindung gebracht. Storm und ich gingen selbst in Psychotherapie. Zum einen, weil wir einst LSD genommen hatten, aber auch, um uns selbst kennenzulernen. Nun, ich wollte also ans Meer. Aber das Wetter in England war schlecht. Nur: in Hawaii waren Sigmund Freud und C.G. Jung nie gewesen. Also gab es auf Hawaii auch keine Psychiater-Couches. Und Schafe eigentlich auch nicht. Bis auf eines. Das durfte ich mir leihen. Das arme Tier. Weil ich nur dieses eine hatte, musste es sämtliche Aufnahmen mitmachen. In den Wellen zum Beispiel. Man sieht es in dessen Augen: Am Ende des Tages hat es mich gehasst.

Teil 2: Hipgnosis-Bootlegs und Syd Barrett:

Jeff Spicer Getty Images
Andrew Whittuck Getty Images

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