Highlight: Was macht eigentlich Buzz aus „Kevin allein zu Haus“?

Blick ins Archiv von Komödien-Genie Jacques Tati: Herrliche Zeiten

„Ich bin von den Kritikern oft zerrissen worden, aber das Publikum hat mich immer wieder zusammengeflickt“, sagte Jacques Tati einmal. Gerade einmal fünf Kinofilme entwickelte der sensible französische Schauspieler-Regisseur in mehr als vier Jahrzehnten und erfreute damit ein Millionenpublikum. Tati war mit seinen Filmen genauso erfolgreich wie Buster Keaton und Charlie Chaplin. Anders als seine übermächtigen Kollegen gelang es Tati aber auch, einen artifiziellen Alltagskosmos zu gestalten, in dem die Realität suspendiert erscheint – oder zumindest fast schmerzhaft verbogen. Und er definierte eine faszinierende Form einer gleichzeitig illusionistischen wie entlarvenden Komik, die bis heute zeitlos aktuell ist und viele Nachahmer von Wes Anderson bis David Lynch gefunden hat.

Das herrliche Treiben kam bei den Zuschauern glänzend an, die sich auf der Stelle in die verschrobenen Eigenarten von Monsieur Hulot, einer von Tati persönlich gespielten, soigniert daherkommenden Kunstfigur im Mantel und mit Pfeife, verliebten und vielleicht auch die grundsätzliche Zivilisationskritik teilten, die der Franzose seinen Filmen überdeutlich aufdrückte. Man nehme nur „Mein Onkel“ (Mon Oncle), vielleicht Tatis kunstvollster Streich: Ein Mann wehrt sich mit Händen und Füßen, immer etwas ungeschickt, aber voller Hingabe für die Dinge, die er liebt, gegen eine aseptisch-postmoderne Architektenwelt, in der alles vermeintlich einfacher geworden ist, aber jede Emotion und Unruhe verbannt erscheint. Manche Kritiker wollten über diesen Frontalangriff auf den Lauf der Dinge nicht lachen und verhöhnten Tati als Ewiggestrigen und bornierten Nostalgiker.

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Inzwischen ist es gerade umgekehrt: Die Begutachter des anspruchsvollen Geschmacks haben schon lange erkannt, wie bedeutend der Beitrag des einfallsreichen französischen Kaspers für das Weltkino ist. Dafür ist kaum eine Zuschauergeneration nachgewachsen, die mit den visuell prägnanten Zoten und unerschöpflichen filmischen Einfällen Tatis etwas anfangen könnte. Der Regisseur ist daher etwas in Vergessenheit geraten, in Listen über die bedeutendsten Komödien ist er nicht mehr auf den vordersten Plätzen vertreten.

Das Leben ist eine Bühne: Jacques Tati tanzt durchs Setdesign oder hält er es mit seinen eigenen Händen zusammen?

Feier des Klamauks? Festival der audiovisuellen Gags!

Tatis Werk erscheint aufgrund seiner sich wiederholenden Themen und Symbole hermetisch abgeriegelt. Die visionäre Ausgestaltung von Bewegungs- und Zeitbild, von offenen (Set-)Räumen als Symbolbezirken des Unbewussten und der Einsatz von cartooneskem Schauspiel als Spiegelung archetypischer menschlicher Regungen findet heute nicht mehr die selbe Wertschätzung wie in den 50ern, 60ern und 70ern, also der goldenen Phase des europäischen Autorenkinos.

Dabei gehört es zu den offensichtlichen Stärken dieser an der Oberfläche klamaukigen Possen, dass Tati die Marotten seiner Landsleute karikierte, ohne ihnen permanent auf den Schlips zu treten. Die subversive Energie entlädt sich eher beiläufig aus den dem Stummfilm abgeschauten Wimmelbildern, die vollgepackt sind mit audiovisuellen Streichen und aberwitzigen Perspektivwechseln und die fast ohne Dialog auskommen.

Jacques Tati erfand für sich die Kunstfigur Monsieur Hulot, um seinen Einspruch gegen den kopflosen gesellschaftlichen Fortschritt anzumelden
Jacques Tati erfand für sich die Kunstfigur Monsieur Hulot, um seinen Einspruch gegen den kopflosen gesellschaftlichen Fortschritt anzumelden

In kurzer Jahresfolge drehte Tati ein Meisterwerk nach dem nächsten: „Tatis Schützenfest“ (Jour de fête, 1949) erzählt von einem gemütlichen Postboten, „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (1953) persifliert in unerschöpflich witzigen Miniaturen das zwanghafte Bedürfnis der Menschen nach Erholung, „Mein Onkel“ (1958) ist eine mit dem Oscar gekrönte satirische Warnung vor der Abwesenheit von Spiel, Humor und Zufall in einer technisierten Moderne, „Tatis herrliche Zeiten“ (Playtime, 1967) steigert dieses Prinzip noch, zeigt eine Metropole der Monotonie, in der Touristen nach dem „alten Paris“ suchen, schließlich rundet „Trafic – Tati im Stoßverkehr“ (1971) den Zyklus über den Verfall der westlichen Welt mit einer galligen Abrechnung mit dem Automobil, dem Fixstern der menschlichen Sucht nach Beschleunigung.

Jacques Tati und die Sprache der Objekte

Natürlich ist es leicht, das Schaffen Jacques Tatis auf wenige Nenner zu bringen, so zum Beispiel die sprachkritische Entlarvung schiefer Kommunikation als babylonisches Sprachgewirr oder die heute etwas gewollt artifiziell anmutenden Totalen, die zeigen, wie die Menschen in den von ihnen erschaffenen Bauwerken verschluckt werden. Aber der Perfektionismus dieses Regisseurs, jedes kleinste Detail vor der Kamera zu inszenieren, sozusagen jedes Ding mit Leben zu erfüllen, ist kaum genügend zu würdigen. Eine von M/M in Paris gestaltete, fünfbändige Buch-Edition gibt nun erstmals einen tiefen Einblick in das Archiv des Künstlers, unterstützt von den Rechteinhabern an Tatis Filmen, „Les Films de Mon Oncle“. Darin finden sich Essays, Interviews, Drehbücher und zahlreiche bisher unveröffentlichte Briefen, Skizzen, Notizen, Fotos, Filmstills und Produktionsmaterialien.

Jedes Detail im Film musste sorgfältig vorgeplant werden
Jedes Detail im Film musste sorgfältig vorgeplant werden

Natürlich eine Fundgrube für Cineasten – aber eben auch ein neuer Zugang für ein zukünftiges Publikum, das sich den Zauber Tatis auf diese Weise erschließen kann. Ein Band widmet sich komplett Ausschnitten aus Szenen der Tati-Filme, die oft die Genialität des Bildwitzes rekapitulieren, aber auch die Komposition der eigenwilligen Einstellungen sichtbar werden lässt. Teilweise als Faksimiles können alle Drehbücher zu den fünf Kinofilmen, dem TV-Film „Parade“ (1974) und zu den nicht mehr von Tati verfilmten Projekten „L’Illusionniste“ (schließlich kongenial vollendet vom französischen Animationsfilmmeister Sylvain Chomet, 2010) und „Confusion“ gelesen werden.

Perfektionist am Set

Beeindruckend ist hier, wie akribisch der Regisseur die Kameraarbeit und das Set-Design vorgeschrieben hat. Während der Dreharbeiten überließ Tati, der in seinen Filmen das Chaos und Irrationale feierte, ironischerweise nichts dem Zufall. Ein Buch versammelt großzügig Materialien auch von seinen Kurzfilmen; zu bestaunen sind gewagte Filmposter, Schnappschüsse an Drehorten (zu lachen gab es immer viel!) und Skizzen für die gewagte Filmarchitektur, die bei aller Liebe für die Details der Erzählung selbst Geschichte geschrieben hat. Der bekannte US-Filmkritiker Jonathan Rosenbaum ordnet die Filme Tatis behutsam ein, erläutert die oft schwierigen Produktionsbedingungen.

Einmal vorwärts, vielmals zurück: Fortbewegung ist eines der großen Themen in den Filmen Jacques Tatis

Ein Höhepunkt dieses Kompendiums sind zwei Bände, die Themen im Werk des Regisseurs vertiefen (so etwa seine Vorliebe für Architektur und die oft geheimnisvoll anmutende „Sprache der Objekte“) und zugleich bislang kaum bekannte Interviews und Zitate versammeln. Das Gesamtpaket steht den umfangreichen Archiv-Brocken des Taschen-Verlags über Stanley Kubrick, Ingmar Bergman, Charlie Chaplin und der „Bond“- wie „Star Wars“-Reihe in nichts nach, überzeugt vor allem auch durch seine handliche (leider nichts ins Deutsche übersetzte) Präsentation. Eine ausgesprochen limitierte Variante kommt sogar mit dem Filmset aus „Mon Oncle“ zum Selberbauen daher.

Jacques Tatis Filme sind eine absurd-komische Bestandsaufnahme des Lebens als einer Abfolge von Bedürfnissen, Zwängen und (inneren) Widerständen gegen jede Form der Kollektivierung. „Ich will, dass der Film erst anfängt, wenn man das Kino verlässt“, schrieb der Autor, Schauspieler und Regisseur seinen Zuschauern ins Stammbuch. Auch deshalb tat Tati alles dafür, ein ganz konkretes Bühnen-Erlebnis für die Leinwand zu schaffen, in dem einzig und allein die Regeln des Films dominieren. Worte zählen hier nichts, Mimik, Kostüme, Requisiten, Geräusche und Musik dafür alles.

Kurz: Filme, die das Kino nötig hat.

TASCHEN
The Definitive Jacques Tati
Alison Castle
Schuber mit 5 Bänden, 1136 Seiten
185 Euro

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Was macht eigentlich Buzz aus „Kevin allein zu Haus“?

„Ist es wahr, dass französische Mädchen sich nicht die Beine rasieren?“ Der von Devin Ratray gespielte Buzz ist in „Kevin allein zu Haus“ der garstige Teenager-Bruder von Kevin (Macaulay Culkin) und macht vor allem mit dummen Sprüchen von sich reden („Der kleine Scheißer wird ein paar Tage Realität schon verkraften“). Viele fragen sich: Was wurde aus Buzz-Darsteller Ratray in den letzten Jahren? Klar, er spielte in „Kevin allein in New York“ (1992) mit. Vor den Kevin-Filmen reüssierte er eher in kleinen Produktionen wie „Hoggy, Oskar und der tote Briefkasten“, besuchte auch eine Film-Hochschule. Doch nach seinem großen Kevin-Auftritt (für sein…
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