Stanley Kubrick: Hommage auf den großen Visionär des Kinos + Top 10 seiner Filme

In der aufschlussreichen und persönlichen Dokumentation „Stanley Kubrick: A Life In Pictures“ sagt „Shining“-Star Jack Nicholson über seinen Regisseur: „Praktisch jeder wusste, dass er einfach der Beste ist – und ich finde, das ist noch eine Untertreibung.“

Stanley Kubrick hat sich mit nur 13 Spielfilmen in 46 Jahren einen unvergleichlichen Ruf erarbeitet. Kein Nekrolog nach seinem Tod am 07. März 1999 (etwa eine Woche nach der ersten Vorführung der letzten Schnittfassung von „Eyes Wide Shut“) blieb ohne Erwähnung seines Perfektionismus, der ihn manchmal dazu trieb, Szenen unzählige Male zu wiederholen und Mitarbeiter in den Wahnsinn zu treiben. Kubrick mischte sich überall ein, diktierte sogar die Bedingungen für die Übersetzung in anderen Ländern. Sein Drang, alles perfekt zu gestalten war – wie zahlreiche Interviews seiner Darsteller und Mitarbeiter bestätigen – für viele am Set auch eine große Belastung.

Stanley Kubrick verließ sich stets auf seinen Instinkt

Dennoch arbeiteten die meisten von ihnen gerne mit dem am 26. Juli 1928 in New York geborenen Kubrick zusammen; viele von ihnen, wie Filmarchitekt Ken Adam, Kostümdesignerin Milena Canonero, Musikerin Wendy Carlos oder Darsteller Peter Sellers, sogar mehrfach. Der humorbegabte und selbstbewusste Sellers war, was die Schauspielerbesetzung angeht, vielleicht auch eine der wenigen Ausnahmen. Oft suchte sich der Regisseur für jedes neue Projekt die passenden Darsteller zusammen – nach Kriterien, die nicht einmal sein Studio kannte. Manche forderte er bis zur Erschöpfung, andere, wie Jack Nicholson in „Shining“ oder R. Lee Ermey in „Full Metal Jacket“, ließ er einfach machen. Mit unvergesslichem Ergebnis.

Stanley Kubrick mit Kameramann John Alcott am Set von „Shining“
Stanley Kubrick mit Kameramann John Alcott am Set von „Shining“

Sein Instinkt verließ ihn dabei nie: Für „2001 – Odyssee im Weltraum“ verzichtete Kubrick bewusst auf ein bekanntes Gesicht, weil die Größe der Bilder und die Vision des Sci-Fi-Meisterwerks alles überstrahlten. „Barry Lyndon“ benötigte zwingend einen Weltstar (Ryan O’Neal), damit der Zuschauer in einer Geschichte, die bewusst auf Identifikationspotentiale verzichtet, jemandem zusehen konnte, dem zu vertrauen war. Also einem „Love Story“-Gesicht. „Eyes Wide Shut“ bezog seine Würze hingegen daraus, dass das Paar nun einmal auch im wahren Leben ein beliebtes Hollywood-Paar war. Nur Monate nach dem Kinostart trennten sich Tom Cruise und Nicole Kidman voneinander. Bis heute gibt es das Gerücht, dass der Dreh mit Kubrick daran nicht unschuldig war.

Malcolm McDowell, dem mit seiner Hauptrolle in „Uhrwerk Orange“ der internationale Durchbruch gelang, schwärmte von der innigen Beziehung mit Kubrick während der Dreharbeiten. Der Familienmensch Kubrick behandelte ihn wie seinen eigenen Sohn. Zugleich betrauerte er aber, dass der Regisseur nach Abschluss der Produktion den Kontakt rigoros einstellte. Jahrzehnte später gab McDowell zu Protokoll, dass dem Amerikaner seine Schauspieler im Grunde egal gewesen seien, auch wenn dessen eigene Karriere wohl anders verlaufen wäre, wenn ihm nicht ein gewisser Kirk Douglas den Dreh von „Wege zum Ruhm“ ermöglicht hätte. Aber natürlich waren McDowells Worte auch die verbitterte Abrechnung eines Enttäuschten.

Meister der Kollision von Bildern und Musik

Viel mehr zählte für Kubrick tatsächlich das audiovisuelle Erlebnis, der inszenatorische Aufwand und die Größe seiner oft beispiellos gebliebenen Bilderzählungen. Und groß, vielleicht sogar gigantisch sind fast alle seine Filme spätestens seit „Lolita“. Mit jedem weiteren Werk – Kubrick benötigte alsbald immer empfindlichere, weitere Zeitabstände, um seine Filme ins Kino zu bringen; zwischen „Full Metal Jacket“ und „Eyes Wide Shut“ vergingen sogar ganze 12 Jahre – versuchte sich der privat stets bescheiden gebliebene und zurückgezogen lebende Regisseur daran, die Maßstäbe filmischer Genres mindestens zu erweitern, wenn nicht für die Ewigkeit zu beeinflussen.

„Eyes Wide Shut“ (1999)
„Eyes Wide Shut“ (1999)

Ein Anspruch, der nicht vermessen war: Jeder Science-Fiction-Film muss sich nun zwangsläufig an „2001 – Odyssee im Weltraum“ messen lassen. Gleiches gilt für Historien- („Barry Lyndon“) Kriegs- („Wege zum Ruhm“, „Full Metal Jacket“) und Horrorfilme („Shining“). Nur mit dem Versuch, ein zeitloses Ehedrama über die von der unkontrollierbaren Begierde gefährdete Ehe zu drehen („Eyes Wide Shut“), scheiterte Kubrick. Zumindest im ehrlichen Vergleich mit der nuancierten Vorlage von Arthur Schnitzler, die in einen völlig anderen gesellschaftshistorischen Kontext eingebettet ist und daher eine ganz andere Wirkungsmacht besitzt. Ein ähnliches Schicksal erlitt der Filmemacher mit „Lolita“. Die Adaption genügte zwar den Ansprüchen des Publikums. Aber der ambitionierten Weltliteraturvorlage konnte sie nicht gerecht werden, wie Kubrick selbst zerknirscht zugab.

Kubrick durfte machen, was er wollte

Was viele für die glückliche Produktion eines Jahrhundertgenies hielten, war laut Kubrick harte Recherchearbeit: Kaum ein Projekt, das nicht von ihm und seinem Stab akribisch vorbereitet wurde. Besucher der durch die Welt tingelnden Kubrick-Ausstellung staunten nicht schlecht über den Holzkasten, in dem er Tausende vollgeschriebene Karteikarten zur Produktion des dann doch nicht umgesetzten „Napoleon“-Films sammelte. Kubrick war ein manischer Detailarbeiter.

Anders als viele Kollegen hinter der Kamera verzichtete der Regisseur ganz bewusst auf eine eigene filmische Handschrift. Aber er war auch ein Besessener des Kinos, kannte jeden Film und wusste sogar noch für Städte, in denen er gar nicht verkehrte, Bescheid, wo welche Produktion im Lichtspielhaus lief. Er wühlte sich – manchmal auch pietätlos – hinein in die Tiefen einer Person, eines Autors oder eben einer künstlerischen Gattung. Kubricks Filme sind einzigartig standfest und gleichsam brillant durchdachte Spiegelungen all der von ihm mit Argusaugen beobachteten Höchstleistungen der Künste – nicht nur des 20. Jahrhunderts.

Ab den 60er-Jahren war nur das Beste für Kubrick auch gut genug. Und sein Studio, Warner Bros., gab ihm für all seine Wünsche und Vorstellungen eine carte blanche. Kubrick durfte machen, was er wollte. Er hatte den Final Cut.

„Barry Lyndon“ (1975)
„Barry Lyndon“ (1975)

Auch deshalb gelang es dem eigensinnigen Filmemacher, der in jungen Jahren als Straßenfotograf gelernt hatte, wie man der Welt ins Gesicht blicken muss, um sie niederringen zu können, Misserfolge stets zu vermeiden. Sein Mantra: Es ist nicht wichtig, ob man Erfolg hat. Aber man muss Misserfolge vermeiden, denn sie führen dazu, dass man in Zukunft möglicherweise keine Chance mehr bekommt, etwas zu erreichen.

Geschickt verfolgte Kubrick die ausgelegten Fährten des Zeitgeistes: „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ antwortete mit sarkastischem Humor auf die drohende Vernichtung durch eine Atombombe, „2001 – Odyssee im Weltraum“ richtete sich mit seinen spektakulären Spezialeffekten auch an die mit LSD experimentierende Hippie-Generation und „Uhrwerk Orange“ kommentierte mit satirischer Schärfe den Psychologie-Boom der beginnenden 70er-Jahre. Doch allen seinen Filmen verpasste er eine atemberaubende Zeitlosigkeit. Weil Kubrick den von Woche zu Woche sich ändernden Hypes stets misstraute.

Genau beobachtet

Wenngleich der Regisseur auch am liebsten alle Kopien seines Erstlings „Fear And Desire“ (ein Titel, der all die Themen seiner späteren Filme ideal zusammenfasst) für immer auf dem Scheiterhaufen verbrannt gesehen hätte, zeigen doch vor allem die vom Film Noir geprägten ersten Filme – darunter wohl am eindrücklichsten der geschickt montierte Kriminalfilm „Die Rechnung ging nicht auf“ – wie sich Kubrick in jungen Jahren mit viel Geduld an den Bildern abarbeitete, die eh schon im Kino zu sehen gewesen waren. Er war auch ein kluger Bildplünderer, der sich nicht so leicht in die Karten schauen ließ.

Poster für „Die Rechnung ging nicht auf“ 1960, im Original: „The Killing“)
Poster für „Die Rechnung ging nicht auf“ (1960, im Original: „The Killing“)

Nach dem ersten großen Achtungserfolg mit „Wege zum Ruhm“ kam mit dem Auftragswerk „Spartacus“ im Jahr 1960 dann der erste Rückschlag, der den jungen Künstler aufrührte. Alles war bis zum letzten Kostümstück durchgeplant, Spielraum für Änderungen gab es schlicht keine. Kubrick entschied sich, in Zukunft nur noch Filme unter seinen Bedingungen zu machen.

Dafür wies er sogar ein Drehbuch in die Schranken, das er von Wladimir Nabokov höchstpersönlich für „Lolita“ erhalten hatte. Mehr als 300 Seiten. Kubricks Urteil: zu lang, zu wenig tauglich für die große Leinwand. Natürlich war Nabokov beleidigt. Doch Kubricks geschickter Schachzug, aus dem nicht nur für die beginnenden 60er-Jahre brisanten Stoff eine schwarze Komödie zu machen (mit einem atemberaubenden James Mason in der Rolle als Humbert Humbert), war goldrichtig.

Skepsis und Satire

Überhaupt ist der satirische Humor, der sich durch eigentlich alle Filme des Amerikaners wie ein roter Faden zieht, auch heute, fast 20 Jahre nach seinem Tod, noch viel zu unterschätzt. Kubrick gerierte sich mit eigentlich all seinen Werken (mit Abstrichen gilt dies auch für seine Fotografien) als Zivilisationskritiker. Der Mensch schien ihm mit seinem Hang zum Größenwahn und zur Kolportage, aber auch wegen seiner Abhängigkeit von Schmeichelei und Zuneigung, wie eine bittersüße Mischung.

Stanley Kubrick instruiert die Schauspielerin Tracey Reed am Set von „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben“
Stanley Kubrick instruiert die Schauspielerin Tracey Reed am Set von „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“

Seine Geschichten entstammten nach „Lolita“ stets einer literarischen Vorlage, die Kubrick nach seiner Façon veränderte. Stephen King konnte ein Lied davon singen. Er hasst die Filmadaption von „Shining“ aus dem Jahr 1980 bis heute, ließ sogar eine (natürlich enttäuschende) TV-Fassung aus seinem Buch machen. Aber es sind eben die satirischen Elemente, zu finden selbst noch in „2001 – Odyssee im Weltraum“, die Kubricks Filmen Gültigkeit und bei aller philosophischer Härte Luft verschaffen.

Mit jüdischem Witz nimmt er in „Eyes Wide Shut“ das von dem eigenen Zwang zur Geltung gebeutelte männliche Geschlecht auseinander. In „Full Metal Jacket“ wird der Drill eines Armeeausbilders derart überzogen, dass das Kriegsgeschehen selbst zur Witznummer verblasst. Und in „Uhrwerk Orange“ verwandelte der Regisseur den Kinosaal ironisch zum Umerziehungslager, in dem einem jungen gewalttätigen, zynischen Jüngling – konfrontiert mit Bildern aus der Hölle – jedes Gefühl ausgetrieben wird.

Macht des Zufalls

Boshafteste Note all seiner Filme: Immer wieder pflügt der Zufall alle Pläne um, seien sie aus reinem Herzen gefasst oder von Grausamkeit angetrieben. In „Die Rechnung ging nicht auf“ fegt der Hauch eines lächerlichen Windstoßes einen gewitzten Verbrecherplan hinfort. Humbert Humbert könnte endlich seine Lolita in den Armen halten, nachdem er seinen Widersacher ums Eck gebracht hat. Doch das einst begehrende und begehrte Mädchen ist zum pampigen Hausmütterchen gereift. Barry Lyndon gelingt der Weg an die gesellschaftliche Adelsspitze, doch noch bevor wir seinem tristen Fall zusehen dürfen, kommentiert der Erzähler, dass ihm das Glück, eine Errungenschaft zu halten, schlicht nicht zukomme. Dafür macht der weise Sprecher auch den wankelmütigen Charakter Barrys verantwortlich.

„Lolita“ 1962)
„Lolita“ (1962)

Man könnte diese Reihe ewig fortsetzen. Solche Pointen deuten am ehesten darauf hin, dass Kubrick mit aller Kraft versuchte, sein mitunter erschreckendes, immer aber skeptisches Weltbild auf den Zuschauer zu übertragen. Die Essayistin Susan Sontag fragte vielleicht ganz zurecht, ob dies wirklich eine anerkennenswerte Methode eines Künstlers sein kann, den Augenzeugen drastischer Kinofantasien keine Möglichkeit zu geben, sich einen eigenen Reim darauf zu machen. „2001 – Odyssee im Weltraum“ bezeichnete sie deshalb auch als einen totalitären Film.

Filme, die unmittelbar ins Unterbewusstsein eindringen

Diese Argumentation ließe sich aber natürlich auch umdrehen: Kubricks Erbe besteht darin, dass er mit seinen Werken „nonverbale Erlebnisse“ schaffen wollte, wie er über seinen wichtigsten, besten Film einmal sagte. Ein Erlebnis also, „das mit emotionalem und philosophischem Inhalt unmittelbar in das Unterbewusstsein eindringt.“ Dafür bediente sich der Regisseur mit sehr viel Eigensinnigkeit und intellektueller Inklination zur Besserwisserei schamlos bei Literatur, Fotografie, Theater, Oper, bildender Kunst und bei Erkenntnissen der Wissenschaft und Philosophie. Jeder einzelner seiner Filme geriet so zum Gefäß für die gewaltige Sogwirkung kultureller Erfahrungen. Anders ausgedrückt: Kubrick-Filme sind ein Angriff aufs Unbewusste und eine Einladung, sich mit der Welt zu beschäftigen.

Szene aus „Uhrwerk Orange“
Szene aus „Uhrwerk Orange“

Ganz gewiss lässt sich die Geschichte des Kinos in eine Zeit vor und eine nach Kubrick einteilen. Für jene nach Kubrick gilt: Es gibt Regisseure, die haben gute Ideen. Aber sie sind bisher selten auf einen Monolith gestoßen.

Stanley Kubrick: Das sind seine 10 besten Filme

10. Die Rechnung ging nicht auf (1956, im Original: The Killing)

Chronologie eines zunächst erfolgreichen und dann ziemlich missratenen Überfalls auf die Kassen einer Pferderennbahn. Prototypisches Heist-Movie mit Bezügen zur Schwarzen Serie. Die Story wird nicht-linear erzählt und aus verschiedenen Standpunkten gezeigt, was später Quentin Tarantino stark beeindruckte.

9. Lolita (1962)

„Wie konnten sie aus „Lolita“ nur einen Film machen?“ Diesen Slogan packten die Verleiher auf das Poster für die Vorstellung der mal rabenschwarzen, mal feinsinnigen Komödie, die vor allem vom faszinierenden Spiel zwischen Mason und Sellers lebt. Heute keine Frage mehr: Natürlich wirkt der Film inzwischen viel zu züchtig (Lolita-Darstellerin Sue Lyon erweckt eher den Eindruck, ein draller Teenager zu sein – was der Brisanz der Vorlage zuwiderläuft), aber er demonstriert vor allem auch, dass Kubrick schon mit 34 Jahren ein Meister des subtilen Wort- und Bildwitzes war. Die Neuverfilmung von Adrian Lyne blieb allerdings näher an der Vorlage von Nabokov.

8. Eyes Wide Shut (1999)

Als „Eyes Wide Shut“ in die Kinos kam, hatten die Kritiker einiges zu mäkeln. Sie bemängelten die zu steife Erzählhaltung, Theaterhaftigkeit, gähnend langweilige erotische Szenen und wollten gar zwischen dem Ehepaar Cruise/Kidman keinerlei Chemie ausmachen. Hauptkritikpunkt war aber, dass der Stoff vom 19. ins 20. Jahrhundert verlagert wurde und der soziohistorische Kontext einfach nicht stimmig war. Verstecktes Urteil: Kubrick sei nicht mehr up to date. Aber gerade darum geht es Kubrick in „Eyes Wide Shut“: Das ganze Drama zwischen den Geschlechtern bleibt – trotz sich vorwärts oder rückwärts entwickelnder Moralvorstellungen –  immer gleich. Und ganz freudianisch schließt der Film mit der Erkenntnis, dass es doch immer nur um das eine geht.

7. Full Metal Jacket (1987)

Ein Kriegsalbtraum in zwei Teilen: Erst wird den Rekruten die Seele aus dem Leib geschrien und geprügelt. Dann warten die Langeweile und Stumpfsinn im Krisengebiet. Natürlich ein dunkler Kontinent und ein Seelenabbild der geschundenen Protagonisten. Mit großem Aufwand holte Kubrick den Vietnamkrieg nach England (der Regisseur wollte die Insel aus Flugangst nach einem Flugzeugabsturz nicht mehr verlassen). Die ersten und die letzten 20 Minuten sind reiner Wahnwitz, der Rest ist da fast schon egal.

6. Shining (1980)

„Shining“ ist nicht nur ein Horrorfilm – es ist auch ein Film über den Horrorfilm. Eine mit allen akustischen und visuellen Mitteln des Kinos beschleunigte Symphonie des Grauens mit dermaßen plakativer Symbolik, dass allein daraus ein gewisser Schrecken entsteht. Die wunderbare Mockumentary „Room 237“  beschäftigt sich nicht nur (ironisch) mit den zahlreichen Fan-Theorien zum Film, sondern beweist auch nebenher, wieviele Zeichen und Referenzen auf den Zuschauer einschießen, ohne dass er es bemerkt oder gar bemerken kann.

Das Steadycam-Verfahren, das es ermöglichte mit der Kamera durch die Flure des Hotels zu schweben, gibt dem Film einen beunruhigenden Fluss. Stephen King fühlte sich natürlich veräppelt. Doch Kubrick war der Hintergrund der Romanfiguren egal. Er konzipierte sie als Archetypen. Und die Zuschauer sollten darüber schaudern, dass der ganze Urschleim des psychoanalytischen Vater-Mutter-Kind-Theaters nicht ausgerottet werden kann. Es läuft eine Dauerschleife.

5. Barry Lyndon (1975)

Der vermutlich schönste Film aller Zeiten, mit atemberaubendem Aufwand verfilmt. Kubrick tröstete sich damit wohl über sein gescheitertes Napoleon-Projekt hinweg. Natürlich staunen die Cineasten über die Aufnahmen mit Kerzenlicht und Szenen, die Gemälde der Malerei imitieren und wie tableaux vivants daherkommen. Andere Zuschauer, die sich zufällig in das Historiendrama verirrten (vielleicht wegen der schönen Musik von Händel, Schubert, Mozart und Bach), fühlten sich von Langeweile gequält.

Aber die Langeweile ist hier das Ereignis: „Barry Lyndon“ erzählt von einer Zeit ohne ein Gefühl von Geschwindigkeit und vor allem von Figuren, die von ihrem Schicksal partout nichts ahnen und ihm auf Gedeih und Verderb ausgesetzt sind.

4. Wege zum Ruhm (1957)

Das erste Meisterwerk von Stanley Kubrick. Ein humanistisches Drama und eine bittere Parabel auf destruktive Herrschaftsstrukturen. Ein Film, der fast ausschließlich in Schützengräben und Verhandlungszimmern stattfindet. Kirk Douglas spielt einen Colonel mit Gewissen. Zum Schluss singt ein junges deutsches Mädchen für die Soldaten und rührt sie zu Tränen. Nicht anders erging es Kubrick. Die junge Sängerin namens Christiane Harlan nahm er nach den Dreharbeiten zur Frau.

Neben zahlreichen filmischen Verfahren, die Kubrick hier zum ersten Mal zaghaft ausprobierte und in späteren Filmen wiederholte, fasziniert auch das deutliche Bekenntnis gegen die Todesstrafe. Ende der 50er-Jahre im Kino eine Seltenheit. Immer wieder wurde „Wege zum Ruhm“ als Glanzstück des Antikriegsfilms gelobt. Kubrick sah es anders: Seiner Meinung ist es nicht möglich, mit den Kinobildern gegen die Kriegsbilder anzukämpfen. Vielmehr gieren die Soldaten nach allem, was das Kino über den ewigen Kreislauf der Gewalt zu erzählen bereit ist, um es dann nachzuspielen.

3. Uhrwerk Orange (1971)

„2001 – Odyssee im Weltraum“ endet mit dem Blick des unschuldigen Sternenkindes auf die Welt. „Uhrwerk Orange“, der sinnige Nachfolger und auch ein ernstzunehmendes Spiegelbild der in dem Kinomonolithen ausgelegten Motive, beginnt mit dem Blick eines  schuldigen Gewalttäters, der aus Spaß an der Freude und zu den Klängen von Beethovens „Ode an die Freude“ vergewaltigt und mordet. Mit drastischen Bildern – aber auch begleitet von einem ungeheuer ausgeklügelten musikalischen Erzähl- und Visualisierungsrhythmus – adaptierte Kubrick den Kultroman von Anthony Burgess.

„A Clockwork Orange“ hat ein ausgefeiltes, geniales Musikkonzept, das „2001“ in nichts nachsteht
„A Clockwork Orange“ hat ein ausgefeiltes, geniales Musikkonzept, das „2001“ in nichts nachsteht

In seiner Wahlheimat wüteten nach der Premiere Rabauken durch die Stadt und verkleideten sich wie die Droogs im Film. Schweren Herzens und ohne dazu aufgefordert worden zu sein sorgte Kubrick dafür, dass der Film in England nicht mehr gezeigt werden durfte.  Kein anderer Regisseur hätte sich das erlauben können.

2. Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Wie wäre die Karriere von Stanley Kubrick wohl verlaufen, wenn er aus „Dr. Strangelove“ wie beabsichtigt einen sturen, ernsten Katastrophenfilm gemacht hätte? Die Romanvorlage „Bei Rot: Alarm! Der Roman des Drucktastenkriegs“ von Peter George hätte genau das hergegeben. Doch Kubrick entschied sich um, weil er viel lieber die Idiotie der Macht entlarven und auch, weil er unbedingt mit dem von ihm verehrten Peter Sellers noch einmal zusammenarbeiten wollte. Dem Schauspieler verpasste er gleich mehrere Rollen (neben dem Ex-Nazi „Dr. Seltsam“ auch Captain Mandrake und US-Präsident Muffley) und ließ ihn größtenteils improvisieren.

Am Set von „Dr. Strangelove“: Diese Szene wurde im Film nicht verwendet
Am Set von „Dr. Strangelove“: Diese Szene wurde im Film nicht verwendet

Die Szenen im War Room, vom großartigen späteren Bond-Film-Architekten Ken Adam gestaltet, überbieten sich an urkomischen Dialogen („Hello? Uh, hello? Hello, Dmitri? Listen, I can’t hear too well, do you suppose you could turn the music down just a little?“) und sprudelnden Pointen. Nur die bereits abgedrehte finale Essenschlacht schnitt Kubrick vorsichtshalber noch einmal heraus. Eine Satire braucht Wahn – aber auch Timing und Würde. „Dr. Seltsam oder Gebrauchsanweisung für Anfänger in der sorgenfreien Liebe zu Atomwaffen“, wie der Film in Österreich heißt, wäre Kubricks größter Wurf gewesen. Wenn der Regisseur danach nicht den Weltraum erobert hätte.

1. 2001 – Odyssee im Weltraum (1968)

Es gibt nur eine oder vielleicht zwei Handvoll Filme, die wären es wert, dass man sie in eine Kapsel verpackt und ins All schickt, um einer außerirdischen Intelligenz zu zeigen, was die Menschheit mit dem Kino hervorzubringen in der Lage ist. „Vertigo“ von Alfred Hitchcock wäre ein Kandidat. Natürlich auch „Citizen Kane“ von Orson Welles. Aber eben auch Stanley Kubricks Weltraumoper. Der Regisseur  hat sich stets darüber mokiert, dass der Experimentalfilm kaum eine Errungenschaft hervorbringen könnte für die große Leinwand. Mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ setzte er selbst den größten Experimentalfilm in die Welt.

„2001 - Odyssee im Weltraum“ ist ein Erlebnis vor allem im Kino - hier bei einer Aufführung mit begleitender Filmmusik
„2001 – Odyssee im Weltraum“ ist ein Erlebnis vor allem im Kino – hier bei einer Aufführung mit begleitender Filmmusik

Eine Reise von den Urgründen der Menschheit bis zur Dimension danach. Dialoge? Gibt es kaum. Oder sie sind belanglos. Die Story? Im Grunde ein biblischer Stoff, simpel erzählt, von atemberaubenden Bildern und Klängen in Bewegung versetzt. Natürlich ist der HAL-9000-Computer der größte und allwissendste Bösewicht, der sich denken lässt. Eine Maschine, die nur Auge ist. Bei Kubrick sind Blicke eben alles. Nach HALs melancholischem Tod beginnt die Reise in eine andere Welt, die neben dem berühmten Knochenwurf mit anschließendem Cut auf die im Walzer sich windenden Raumschiffe zu den meist zitierten Szenen in der Historie des Kinos zählen. „2001 – Odyssee im Weltraum“ muss man auf der großen Leinwand sehen. Mehrmals.

Der Autor kann sich noch gut daran erinnern, wie er das erste Mal mit staunenden Augen seinen ersten Kubrick gesehen hat („Uhrwerk Orange“). Eigentlich war er noch nicht alt genug dafür. Folgen Sie dem Verfasser dieser Zeilen, wenn Sie mögen, auf Twitter und auf seinem Blog („Melancholy Symphony“).

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