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Zum 70. Geburtstag von Klaus Hoffmann: Es muss aus Liebe sein


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Als das Wünschen noch geholfen hat, vor einigen Jahren, scherzte Klaus Hoffmann bei Auftritten in der Bar jeder Vernunft und in der Philharmonie in Berlin: Seine Band unternehme eine Tournee per Flugzeug – von Schönefeld nach Tegel.

Das Publikum freute sich auf diese Apercus, die Salonplaudereien zwischen den Songs: ironische Selbstvergewisserung und Dialog mit der treuen Gemeinde, Erinnerungen an die Kindheit und das Berlin der 50er- und 60er-Jahre. Die Zeit, die man gemeinsam verbracht hat. Klaus Hoffmann kennt die Zuschauer in den ersten Reihen, zumal in Berlin.

Denn in Berlin-Charlottenburg wurde Klaus Hoffmann vor 70 Jahren geboren. Die anrührendsten Erzählungen in seiner Autobiografie „Als wenn es gar nichts wär“ gelten seiner Mutter Waltraud und seinem Vater Erich, der starb, als Klaus zehn Jahre alt war. Nach dem Realschulabschluss machte er eine Lehre als Großhandelskaufmann bei Eisenhandel Klöckner – und hasste es. Mit seiner Gitarre trat er er in den Berliner Cafés und Clubs auf, sang die Songs der Zeit und Jacques Brels Lieder. Bald schrieb er eigene Stücke. 1969 unternahm er mit Freunden eine abenteuerliche Afghanistan-Reise, die ihn später zu seinem ersten Roman inspirierte.

Von der Schauspielerei zur Liedkunst

Hoffmann ging an die Berliner Max-Reinhardt-Schule und war hernach an der Freien Volksbühne und am Hamburger Thalia-Theater engagiert. 1975 spielte er die Titelrolle in dem Fernsehfilm „Die neuen Leiden des jungen W.“ nach Ulrich Plenzdorfs Roman. Das Inbild des bildschönen lockigen jungen Mannes ging Hoffmann lange nach. Zwei Jahre später spielte er neben David Carradine in „Das Schlangenei“, einem misslungenen Film von Ingmar Bergman, den er im deutschen Exil drehte.

Hoffmann war ein guter Schauspieler, aber er er wurde ein noch besserer Songschreiber und Sänger. Sein Debüt „Klaus Hoffmann“ (1975) ist das Werk eines Troubadours und Erzromantikers zwischen Folklore und Chanson; drei Brel-Lieder sind darauf. Schon mit „Was bleibt?“ (1976) fand er den unvergleichlichen Hoffmann-Ton: die Dringlichkeit und Innigkeit nicht nur in Brels „Marieke“ und „Geh nicht fort von mir“, sondern auch in „Blinde Katharina“ (ein Gassenhauer damals, sogar im Radio), „Sechseinhalb Uhr morgens“ und „Ein neuer Anfang“. Von allen Live-Platten – Hoffmann nahm viele auf! – ist „Ich will Gesang, will Spiel und Tanz“ von 1977 die furioseste.

Zwei Meisterwerke beendeten die 70er-Jahre: „Was fang ich an in dieser Stadt?“ (1978) und „Westend“ (1979). Man muss nur „Kreuzberger Walzer“, „Die Mittelmäßigkeit“, „Hanna“, „Salambo“ und „Eine Insel“ hören und spürt die Beklommenheit und die Sehnsucht im Nachkriegsdeutschland: „Was fang ich an in dieser Stadt?/ Ich bin so hungrig, und ich fühle mich so satt.“ Am Ende von „Westend“ steht das glühende „Wenn ich sing‘“, eine von so vielen Selbsterkundungen Hoffmanns. Das erste Stück über Berlin: Es heißt „Berlin“. Später nimmt er „Morjen Berlin“ (1985), „Hoffmann-Berlin“ (1999) und „Berliner Sonntag“ (2012) auf, eine seiner allerschönsten Platten voll funkelnder Vignetten: „Wenn ich’s hier schaff, schaff ich’s überall“, „Ich trag dich immer mit mir rum“, „Bevor die anderen schlafen gehen“ und „Meine Zeit“ mit seinem Freund Reinhard Mey, auch er ein Berliner.

Programmatisch heißt 1982 ein Album „Veränderungen“. Klaus Hoffmann wurde richtig populär, veröffentlicht seine Alben bei Virgin, Tournee folgte Tournee. Die Arrangements waren nun robuster, aber noch immer hoffmannesk. Er machte niemals Popmusik. Mit „Sänger“ (1993) nahm er eine fantastische Platte auf, bevor er mit „Klaus Hoffman singt Brel“ (1996) und seiner Revue „Brel – Die letzte Vorstellung“ (1997) die absolute Apotheose des Chanson-Dichters ins Werk setzte.

Klaus Hoffmann bleibt unfassbar produktiv

Beinahe jedes Jahr erscheint ein Album mit feinen Liedern, eingespielt mit seiner kleinen Band um den Pianisten und Arrangeur Hawo Bleich. Er schrieb drei Romane. Vor zehn Jahren gaben ihm Romy Haag, Reinhard Mey, Hannes Wader, Robert Kreis und Herman van Veen im Friedrichstadtpalast zum 60. Geburtstag die Ehre. Und heute, da der Friedrichstadtpalast geschlossen ist, schauen wir noch einmal diesen Auftritt unseres größten Chansonniers, Charmeurs und Erinnerungskünstlers. Was bleibt!


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