Bundestagswahl 2021



Nora Tschirner: „Wir sind Dinosaurier mit ner Chance“


von
Nora Tschirner
Nora Tschirner

Von der jetzigen Wahl als „historischem Moment“ zu sprechen ist, als würde man den Meteoriteneinschlag, der das Aussterben der Dinosaurier nach sich zog, in der Dinosaurier-Community als „historisch“ bezeichnen. „Joah“, würde da mit Sicherheit der eine oder andere Byronosaurus anmerken, „das greift mir jetzt linguistisch ein bissel kurz.“ (Aber gut, dieses ganze ‚Community‘-Problem haben sie ja jetzt nicht mehr, die Saurier.) Will sagen: Es handelt sich schlichtweg um einen evolutionären Knotenpunkt, an dem wir uns gerade befinden.

Wir können und müssen uns also entscheiden: Wollen wir weiterhin das Die-da-oben-die-da-drüben-die-da-hinter-den-sieben-Bergen-Spiel spielen oder in die Gänge kommen und merken, dass Verantwortung übernehmen der viel buntere, lustvollere und gewinnbringendere Zeitvertreib ist. Es ist ja so:

Die Evolution ist der Endboss. Sie hat alle Level aller jemals erdachten Games nicht nur durchgespielt, sondern programmiert. Sie ist „die da oben“. Um uns final aus dem Spiel zu nehmen, würde sie noch nicht mal Botenstoffe losschicken, die ihre Muskulatur in Gang setzen, um ein müdes Lächeln zu aktivieren. Zwei Fragen zieht diese Erkenntnis nach sich: Sollen wir uns echt mit ihr anlegen? Und falls ja: Warum zur Hölle?

Und selbst wenn es als Motivation nicht reichen sollte zu wissen, dass es ein gelinde gesagt unfeiner Move ist, einen Planeten ähnlich einem Hotelzimmer nicht nur für die nachfolgenden Gäste zu ruinieren, sondern quasi das ganze ersehnte Reiseland inklusive Flora und Fauna laut dröhnend mit dem Venga-Bus in Schutt und Asche zu legen, und wenn man vielleicht insgesamt gar nicht so mit diesem ganzen Evolutionsgedanken – Obacht! – warm wird: Was ist denn dann mit „Dem da oben“?

Geht vielleicht irgendwie mit der Beziehung zu Gott noch was? Oder ist die nicht mehr so richtig frisch? War da nicht irgendwas mit den so viel bemühten religiösen Werten hierzulande? Davon abgesehen, dass „Machet sie euch untertan“ nach zweitausend Jahren vielleicht eh mal eine kleine sprachliche Politur gebrauchen könnte – stand da ja immerhin ausdrücklich nicht: „Machet sie euch weg.“ Falls es eine Treueherzen-Aktion fürs Paradies gibt, glaubt irgendwer ernsthaft, dass Derjenige, Der den ganzen Diesseits-Turm so mühevoll in einer intensiven Sechstagewoche gebastelt hat, noch mal die extraweiche Biber-Kuschelwäsche aus dem Schrank zaubert, wenn jemand an die Jenseits-Tür klopft und laut „Jenga!!!“ ruft? Und das zieht erneut zwei Fragen nach sich: Wollen wir das mal genauer rausfinden? Und falls ja: Warum zur Hölle?

Ich selbst – als Angehörige des Teams „Evolutionstheorie“ – bin normalerweise nicht als besonders obrigkeitshörig verschrien. Aber ich muss schon sagen: Die Evolution ist irgendwie eine ziemliche Respektsperson für mich. Da kooperiere ich gern mal. Und auch ich habe dabei noch eine Menge zu lernen, das ist klar. Was ich mit meinem Diesel-SUV perspektivisch mache und wie ich überhaupt meinen typisch westlich privilegiert immensen Fußabdruck immer mehr minimiere, das weiß ich noch nicht vollumfänglich. Mir ist das oft unfassbar peinlich, und es macht mir Stress und Scham und Angst. Was da hilft, ist aber meiner Erfahrung nach, durchzuatmen, sich mit anderen zusammenzusetzen, zu reden, zuzuhören, nachzudenken, dazuzulernen, umzudenken. Lösungen zu finden.

An dem allerersten schmerzhaften Eingeständnis, dass etwas grundsätzlich schiefgeht und ich ein Teil des Problems bin, komme ich dabei allerdings nie vorbei (auch wenn es zum Glück mit der Übung jedes Mal ein bisschen leichter erträglich wird). Und das ist eigentlich das, was mich im Wahlkampf oder, ehrlicher, grundsätzlich an unserer Kultur wohl am meisten nervt – nein, noch ehrlicher, mir Angst macht: diese wahnsinnige Hürde, Fehler zuzugeben. Dieses ständige Gemauschel. Ich wette, dass sich in den meisten Parteien richtig kluge Leute bewegen. Ich kann sie aber leider kaum erkennen, weil es ständig in erster Linie darum geht, die machtpolitischen Schäfchen ins Trockene zu bringen. So viel Anstrengung zum Aufrechterhalten einer Pseudounfehlbarkeits-Fassade.

Und auf der anderen Seite wir, die Wähler: So viel Konzentration bei der Suche nach dem Haar in der Suppe, kurz so viel kollektive Kraft vergeudet an eine dysfunktionale Fehlerkultur, in der wir alle aufgewachsen sind. Wenn wir ewig nach der einen hehren Alphavariante von Mensch suchen, der Führungspersönlichkeit mit der lupenreinen Elbenseele, ist das die politische Entsprechung einer Romantic Comedy. Wir verschwenden uns und unseren Planeten an einen Mythos. Wir brauchen keine Makellosigkeit. Wir brauchen Transparenz. Leute, die anerkennen, wenn sie falsch liegen, die sich irritieren lassen und auch mal innehalten, Luft holen, zuhören, umdenken können und umlenken statt ablenken.

Dass wir das mit dem Klima so wahnsinnig verrissen haben, ist schlimm, ja. Aber nur wenn wir anfangen, die Hand zu heben und zu sagen, ich war mit dabei, ich stand auf dem Schlauch, Mist, ich will jetzt mal ’ne Runde dazulernen, gibt es ein Chance. Weil aber Leistung und Perfektion unserer Prägung nach alles sind, was zählt, verstricken wir uns gern in „Waaas? Ich?! Ich hab das doch schon immer gesagt, dass wir mit dem Klima aufpassen müssen, und außerdem, guck mal, der da drüben steht noch viel mehr, und außerdem, guck mal, der Schlauch, ist das überhaupt ein Schlauch? Es könnte ja auch eine Schlange …“

We have to own our fucking mistakes. Das gilt für so viele Themen, dass einem ganz schwummrig werden könnte. Aber die gute Nachricht ist: Wir können und werden gemeinsam lernen, denn jeder stand in seinem Leben schon mal auf irgendeinem Schlauch herum. Das Aufdemschlauchstehen ist wohl überhaupt unser aller größte Gemeinsamkeit – neben unserem Heimatplaneten. Nur eines ist sicher: Wir haben momentan schlicht und ergreifend keine Zeit, uns von Leuten führen zu lassen, die noch nicht mal anerkennen wollen, dass es Schläuche gibt. Weil sie Angst haben, eine neue Fehlerkultur zu erlernen.

Denn, ganz ehrlich, deswegen das kniffelige Ding gegen den Baum zu fahren wäre doch irgendwie zu banal. Wir sind wie Dinosaurier mit ’ner Chance. Wir wissen, dass der Meteorit kommt. Und – ta-daa! – wir sind sehr viel schlauer. Wir finden Dinosaurier ja vieles: beeindruckend, niedlich, wild, riesig, bezaubernd, merkwürdig. Für ihre Schlauheit feiern wir sie ehrlicherweise nicht so richtig, diese süßen Idioten. Nur mal kurz anders gedacht: Wer ist dümmer, jemand, der sich von einem Meteoriten auslöschen lässt, oder jemand, der den Meteoriten selbst erdacht, gebaut und hochgeworfen hat, um sich dann sehenden Auges auslöschen zu lassen?

Die Frage am 26. September 2021 wird nicht sein: Links-rechts-grün-gelb-lila-oben-unten? Die Fragen sind sehr grundsätzliche: Wollen wir mit der Natur arbeiten oder gegen sie, wollen wir anerkennen, dass wir Teil der Evolution sind? Wollen wir miteinander arbeiten oder gegeneinander? Wollen wir weiter denken als bis zu unserem eigenen Lebensende? Wollen wir weiter mit Händen vorm Gesicht Verstecken spielen und mit ausgestrecktem Finger das Blame-Game, oder wollen wir Fairness anerkennen im Umgang miteinander und Nachsicht üben und Neugier? Wollen wir im dunklen Wald pfeifen gegen die Angst, uns gegenseitig ankeifen und schubsen? Oder die Angst loslassen, unseren Augen helfen, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, uns absprechen, den Wald kennenlernen, loslaufen und gemeinsam unerwartete Wege entdecken? Wer wollen wir sein in unserem Hier und Jetzt, das sich gerade anfühlt wie ein Donnerstagabend-Sat.1-Film früher? Und wer wollen wir gewesen sein in unserem Leben? Wählen wir das Gestern? Oder das Heute und Morgen?

Bei allem Grusel, den die Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Wahl auslösen kann – was für eine verdammte Ehre, an solch einem wichtigen Punkt der Menschheitsgeschichte am Leben zu sein! Und was für eine gute Nachricht, dass wir sowohl das Wissen als auch die Möglichkeiten haben, das Ruder rumzureißen, wenn wir das wollen! „Aus großer Kraft erwächst große Verantwortung.“ Wer werden wir sein, wenn dieses Kapitel vorbei ist? Reicht es schon für Spiderman?

Und ja, es ist klar, dass es in diesem Wahlkampf nicht den oder die Heilsbringer*in gibt. Aber das gibt es in keinem Wahlkampf. Und das ist auch überhaupt nicht notwendig, denn es sind ja ab dem 27. September nicht plötzlich alle anderen politischen Kräfte und Persönlichkeiten und schlauen Köpfe im Land dematerialisiert. Es darf und soll gern lebhaft mitdiskutiert und -gestaltet werden. Darum geht es doch: eine neue Kultur des Miteinanders, des Denkens, Verhandelns, Streitens. Das ist nun alles nötig und vor allem möglich. Think-tanks, Kooperationen, alle klugen Gedanken in einen großen Topf, umrühren und dann das Beste rausholen. Könnten wir uns nur bitte als Chefkoch für die Persönlichkeit entscheiden, die am wenigsten meteoritenaffin ist? (Vielleicht gar für jemanden, der sowieso in die Küche gehört, zwinker, zwinker?)

Danke schön!