Paul McCartney wird 80: Eine unendliche Geschichte


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Es ist das Bild eines unrasierten jungen Mannes, das mir als Erstes in den Sinn kommt, wenn ich an Paul McCartney denke. Er trägt eine braune Lederjacke mit Teddyfell, die halb geöffnet ist, sodass man sein weißes T‑Shirt sehen kann. Aus der Jacke schaut neugierig ein ins flauschige Innenfutter gehülltes Baby. Paul McCartney lächelt. Es ist ein müdes Lächeln, wie junge Väter es öfter zeigen. Vielleicht ist es auch ein zaghaftes oder gar unsicheres Lächeln, weil vor ihm eine ungewisse Zukunft liegt. Nicht nur wegen der jungen Familie und all der Abenteuer, die die so mit sich bringt. Sondern auch weil dieses Bild, das seine Frau Linda von ihm gemacht hat, in einer schwierigen, ja man kann wohl sagen, traumatischen Zeit entstanden ist. Er war im Begriff, mit seinen besten Freunden zu brechen, seinen Job zu verlieren, und es hielt sich das Gerücht, er sei tot. Das ist insgesamt nicht die beste Ausgangslage für eine Familiengründung.

Im Herbst 1969 war Paul McCartney aus London aufs Land geflüchtet. Er hatte nicht länger mitansehen wollen, wie alles, was ihm lieb war, den Bach runterging. John Lennon hatte intern seinen Ausstieg bei den Beatles verkündet und der von ihm gegen McCartneys Willen eingesetzte Manager Allen Klein würde sie alle übers Ohr hauen. Eine heruntergekommene schottische Farm auf der Halbinsel Kintyre, die er ein paar Jahre zuvor aus steuerlichen Gründen gekauft hatte, diente dem Beatle on the run als Zufluchtsort. An manchen Tagen war er so deprimiert, dass er das Bett nicht verließ. Er trank. Whisky. Viel zu viel. Doch irgendwann erkannte er, dass es mehr gab als das, was er verloren hatte: den Erfolg, den Ruhm, die Schwärmerei der Fans und die Anerkennung der Kritiker. Seine junge Familie nämlich, die Natur, sein Talent, die Liebe, vielleicht gar ein Leben jenseits der Eitelkeiten und des Trubels. Er war 27 Jahre alt. Zeit, erwachsen zu werden.

Das Foto mit dem Baby in der Jacke findet sich auf der Rückseite seines ersten Soloalbums, das schlicht und einfach „McCartney“ heißt. Es erschien am 17. April 1970. Von diesem Tag an – das machte er im für die Presse beiliegenden Info klar – war er ein Ex-Beatle. Über ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Paul McCartney wird am 18. Juni 80 Jahre alt. Alle Welt wird wieder über die größte und einflussreichste Band der Popgeschichte schreiben, deren Motor er mit seinen Träumen, seinen Ambitionen, seiner Arbeitsethik und seinem Talent war. Seine beeindruckendste Leistung scheint mir allerdings nicht die, ein Beatle gewesen zu sein, sondern die, ein Ex-Beatle zu sein.

Die Fortsetzung ist in der aktuellen Ausgabe des ROLLING STONE zu lesen