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Phoebe Waller-Bridge über „Fleabag“: „Ich möchte die Figuren zur absoluten Verzweiflung bringen“

Fleabag, das ist eine Frau ohne Namen in ihren Dreißigern, die gut darin ist, Alkohol zu trinken, ihre Mitmenschen zu provozieren und Beziehungen zu zerstören. Diese wütende, komplizierte und liebenswerte Frauenfigur ist Titelheldin der gleichnamigen gefeierten britischen Serie „Fleabag“ (BBC, Amazon Prime), geschrieben und gespielt von Phoebe Waller-Bridge.

Während Fleabag von One-Night-Stand zu One-Night-Stand stolpert, wendet sich die Protagonistin immer wieder direkt an die Kamera und kommentiert mit Witz und Schlagfertigkeit das Geschehen um sie herum. Schließlich wird Fleabags chaotisches Leben mit ihrer neurotischen Schwester, deren schmierigem Schwager und der bitterbösen Stiefmutter niemals öde.

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Waller-Bridge ist zurzeit eine der gefragtesten Autorinnen der Filmindustrie: Neben ihrem Herzensprojekt schrieb die Britin die erfolgreiche Serie „Killing Eve“, spielte einen Droiden in „Solo: A Star Wars Story“ und wertet zurzeit das Drehbuch des neuen Bond-Films auf. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, nach nur zwei Staffeln, beendet die 33-Jährige das Projekt. Vor ihrem letzten Gastspiel in London im Spätsommer sprach Waller-Bridge exklusiv mit ROLLING STONE über „Fleabag“, Feminismus und ihre Zukunft.

Frau Waller-Bridge, wenn Sie Fleabag auf eine Party mitnehmen würden, wie würden Sie diese Frau vorstellen?
Ich denke, ich würde sagen, sie wird garantiert für eine gute Zeit sorgen – aber sie hat ordentlich Biss, also sollten alle ein bisschen aufpassen.

Und ihre absurde Familie?
Puh, ich weiß nicht. Ich kann nicht viel dazu sagen, weil ich sie alle so sehr liebe. Ich weiß, sie geben den Anschein, wahnsinnig zu sein, aber tief innen drin sind sie alle sehr liebenswert. Vielleicht würde ich einfach sagen: Passt auf! Sie sind alle sehr unterhaltsam, aber man braucht eine Weile, um sie wirklich kennen zu lernen.

Wenn ich jemandem die Show erklären würde, würde ich direkt über Fleabags Interaktion mit der Kamera sprechen. Sind die Zuschauer oder die Kamera für Sie beim Schreibprozess ein eigener Charakter?
Nein, ich habe es so noch nicht gesehen, aber da ist sehr viel Interpretationsspielraum. Als ich das Script geschrieben habe, habe ich die Kameraführung nicht an einen bestimmten Charakter gekoppelt. Ich sehe sie als Druck auf Fleabag: die Kamera ist eine Zeugin von Fleabags Leben und Geheimnissen – von der sie entweder weglaufen muss, oder die sie unterhalten möchte. Oder sie muss konstant daran arbeiten, das zu verstecken, was in ihr vorgeht.

Aufreibendes Verhältnis: Fleabag (Phoebe Waller-Bridge) und ihr Schwager Martin (Brett Gelman)

Wie verändert sich dieser Druck von der ersten Staffel zur zweiten? Das Geheimnis, das Fleabag in der ersten Staffel verzweifelt versucht zu verbergen, ist am Ende offengelegt.
In der ersten Staffel hält sie ihre komplette Fassade aufrecht, um ihr Geheimnis zu wahren. Am Anfang der zweiten Staffel weiß sie, dass wir wissen, dass sie weiß, dass wir ihr Geheimnis kennen. Die Dynamik verändert sich also. Sie ist sich nicht wirklich sicher, wieso die Kamera immer noch da ist. Es gibt immer noch Dinge, die sie lernen muss, die sie konfrontieren muss. Die Beziehung zur Kamera ist also viel verletzlicher, weil sie ausgestellter ist. Die Situation ist weniger dringlich, und gleichzeitig misstrauischer.

Eines der herausragenden Merkmale der Serie ist, dass die Charaktere alle so feinsinnig entwickelt sind. Wie ist da Ihr Ansatz bei der Entstehung solcher extremen Rollen, extremer Situationen und extremer Emotionen?
Ich nutze eine Floskel, wenn ich schreibe: go Greek or go home. Ich möchte die Figuren, ähnlich wie bei einem griechischen Drama, zur absoluten Verzweiflung bringen. Denn das ist seltsamerweise der erlösendste Moment für uns Zuschauer. Das Genre Drama setzt es voraus, dass man die Situation bis dorthin forciert, aber es ist auch wichtig, realistisch zu bleiben. Ich glaube, wir alle kommen in unseren Leben bei dieser Katharsis an, also ist es ganz schön zuzuschauen, wie jemand anderes da auch durchgeht.

Oscarpreisträgerin Olivia Coleman als bitterböse Stiefmutter

Ist diese Nachvollziehbarkeit der Schlüssel zu gutem Drama?
Ich denke es ist Empathie. Wenn man sich auf einer emotionalen Ebene mit einer Figur verbunden fühlt – nicht unbedingt mit der spezifischen Lebenssituation. Das bekommt erst Sinn, wenn man sich um eine Figur sorgt. Ich sehe das als Ziel meines Jobs, Zuschauer dazu zu bringen, für jemanden Empathie zu empfinden; auch wenn sie ursprünglich davon ausgegangen sind, sie würden es nicht tun.

Ein Aspekt der Serie, der mich persönlich sehr beeindruckt hat, ist Fleabags Kampf, eine Feministin im echten Leben zu sein. Haben Sie sich persönlich mit diesem Thema befasst, als Sie das Script geschrieben haben?
Auf jeden Fall, als ich das Theaterstück geschrieben habe. Ich hatte das Gefühl, nicht zu wissen, was die Regeln des Feminismus waren. Ich identifizierte mich schon damals – und tue es immer noch – als leidenschaftliche Feministin. Aber ich hatte diese Angst, dass es Geheimregeln gab, die man brechen konnte, ohne es zu realisieren – manche davon einfach dadurch, dass man etwas Falsches gedacht hat. Besonders in der ersten Staffel – es gibt eine Szene, wo Fleabag die Hand hebt, als sie gefragt wird, ob sie fünf Lebensjahre für den sogenannten perfekten Körper tauschen würde – untersuche ich diese Gegensätze, was es heißt, eine „gute“ Feministin zu sein und eine „schlechte“.

Fleabag besetzt eine Grauzone, indem sie ehrlich zur Kamera redet. Sie erzählt uns, was ihre Ängste sind, sprich dass sie Angst hat, eine schlechte Feministin zu sein. Gleichzeitig sollte es Hand in Hand gehen, eine Feministin und eine komplexe Frau zu sein. Wir sollten keine Angst haben, kompliziert zu sein, oder Fragen zu stellen und uns daran erinnern, was das grundlegende Ziel der Bewegung ist: Gleichberechtigung nämlich. Es geht nicht darum, wie sehr du einen perfekten Körper haben möchtest. Das ist alles miteinander verflochten, aber wir alle sollten die Freiheit haben, unsere Meinung auszudrücken.

Grundverschiedene Schwestern: Fleabag (Phoebe Waller-Bridge) und Claire(Sian Clifford)

Glauben Sie an Happy Ends?
Total. Ich glaube bloß nicht, dass das sie immer zuckersüß sein müssen. Ein Happy End ist für mich, wenn etwas sich in jemandem zum Guten verändert hat. Natürlich gibt es immer die Versuchung, einen glücklichen Schluss zu schreiben, weil wir dann alle entspannen und ins Bett gehen können. Aber ich denke, die Lebensrealität in mir drin überwiegt dann doch – es ist niemals rosarot, aber es ist immer positiv, wenn sich jemand zum besseren, tiefgründigeren Menschen entwickelt hat. Ich bin eine massive Romantikerin. Ich glaube aber, ein wahrhaftiges, realistisches Ende ist ein gutes Ende.

Gibt es Zukunftspläne für Fleabag, und was sind Ihre?
Gerade habe ich keinen Zukunftsplan für sie im Kopf. Ich wollte sie wirklich loslassen, als ich die zweite Staffel geschrieben habe. Sie hat mich aber auch losgelassen. Ich wünsche ihr einfach viel Glück, ich hoffe sie hat ein tolles Leben. Vielleicht komme ich nochmal auf sie zurück, wenn ich 50 bin, um nachzuschauen, was sie so erlebt hat. Das wird glaube ich Spaß machen.

Ich selbst schreibe gerade beim neuen Bond-Film mit. Danach werde ich ein weiteres Theaterstück fertigstellen. Danach arbeite ich an einer neuen HBO-Serie namens „Run“ mit, wo ich mitproduzieren und in drei Episoden mitspielen werde. Und danach werde ich ein Filmdrehbuch schreiben und auch Regie führen, was schon sehr lange mein Traum ist!

Ein Porträt über Phoebe Waller-Bridge lesen Sie in der Juli-Ausgabe des ROLLING STONE

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