Lorenzo Vigas Caracas, eine Liebe



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Der 50-jährige Armando ist ein Mann, der sich von hinten an junge Männer heranschleicht, der ihnen folgt, sich im Bus neben sie setzt und ihnen irgendwann wortlos ein paar Scheine unter die Nase hält. Wie viele auf das Angebot eingehen, wird nicht gezeigt, Armandos abgeklärte Routine im Umgang mit den Jünglingen erweckt aber den Eindruck, dass es nicht wenige sind. Ausgestattet mit dem nötigen Kleingeld, hat es sich der stoische Zahntechniker als geheimnisvoller Außenseiter gemütlich gemacht. Das ändert sich, als er den explosiven Elder kennenlernt, einen gleichermaßen respekt- wie rastlosen Jugendlichen, der sich mit einer Kleingang auf den Straßen Venezuelas durchschlägt. Arnaldos raschelnde Scheine sind zu verlockend, als dass Elder nicht auf dessen Angebot eingeht. Zwischen den beiden entsteht eine verhängnisvolle Beziehung, in der Gewalt sowie finanzielle und emotionale Abhängigkeit in einer absehbaren Katastrophe kulminieren.

Der Venezuelaner Lorenzo Vigas hat mit seinem Regiedebüt einen nachdenklichen Autorenfilm gedreht, der im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Venedig überraschend mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Tatsächlich ist „Caracas, eine Liebe“ kein preisverdächtiger Film. Sehenswert ist er aufgrund seiner atmosphärischen Dichte allemal, zumal hier mit Venezuela ein weiterer weißer Fleck von der südamerikanischen Kinolandkarte getilgt werden konnte.

Vigas fängt in seinem langsamen, zuweilen bis zur Unerträglichkeit gedehnten Film die gesellschaftlichen Verhältnisse in Venezuelas Hauptstadt am Rande der dramatischen Entwicklung zwischen Armando und Elder ein. Die Spannung halten seine beiden Hauptdarsteller, die zwischen ergebener Lethargie und innerer Zerrissenheit taumeln. Die gewaltsamen Folgen des Aufeinanderprallens von Arm und Reich sowie die Perspektivlosigkeit am unteren Rand der Gesellschaft münden in ein düsteres Grundrauschen, das sich mit jeder Minute stärker über die verführerischen Bilder der Großstadt legt.

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