Depeche Mode in Berlin, zweiter Abend: Täglich grüßt das Murmeltier



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„Berlin, thank you so much. You’ve always been there for us“. Dave Gahan sieht gerührt aus. Man dachte eigentlich, das Saal-Licht würde gleich angehen, nun kam er am Ende doch noch einmal auf die Bühne zurück. Die Band spielte mit „Goodbye“ eine letzte Zugabe.

Huch, was ist denn da auf einmal los? Depeche Mode, über die sich Fans seit Beginn ihrer Tournee wundern, weshalb sie so wenig Variation in ihrer Setlist zeigen, spielten an diesem Abend auf einmal wieder aktuelle, jüngst geschasste Songs: das Ballermann-artige „Soothe My Soul“ und „Goodbye“. Normalerweise funktionieren Depeche Mode wie eine Maschine. Diese fünf Kraftbatzen werden seit 1993 in ein 20 bis 23-Song-starkes Set integriert und häufig in dieser Reihenfolge abgeliefert: „Walking In My Shoes“ – „I Feel You“ – Enjoy The Silence“ – „ Personal Jesus“ und „ Never Let Me Down Again“, vorab gibt es meist zwei Opener der jüngsten Album-Veröffentlichung, hier sind es „Welcome To My World“ und „Angel“, die jedoch nach der „Delta Machine“-Tour auch nie wieder gespielt werden, weil sie einfach nicht gut genug sind. Depeche-Mode-Konzerte wirken heute ein bisschen wie launisches Content Management, bei dem wichtige, vorproduzierte Inhalte nur noch minimal verschoben werden. Die zwei Konzerte (Rezension: erster Abend) in der Berliner O2 World werden für eine spätere DVD-Veröffentlichung gefilmt, die Band möchte dafür sicher genug Song- und Schnittmaterial zur Auswahl haben.

Der Autor wies schon bei der Rezension des Olympiastadion-Konzerts darauf hin, und er macht es auch gerne wieder: Die großen Momente entstehen, wenn Songschreiber Martin Gore seinen Platz hinter dem Keyboard verlässt und auf einmal in der Mitte der großen Bühne steht. Er trägt eine Art Wolfgang-Petersens-Troja-Schürze, ist untersetzt, hat toupierte blonde Locken und verlaufene Schminke um die Augen. Spielt Gitarre und singt seine eigenen Lieder; die Songs, die der Bariton Dave Gahan so raushaut, als wären es Schlachtgesänge. „But Not Tonight“, „Shake The Disease“ – Gore begleitet nur ein Klavier. Man spürt, wie Gore die Melodien allein in seinem Studio komponiert haben wird. Alleine vor dem Mikro sieht der 51-Jährige durchaus drollig aus, wenn er wie ein Gesangslehrer seine jeweilige Tonhöhe per ausgestrecktem Arm anzeigt. Ohne Gore kein Depeche Mode.

Regisseur beider Konzerte ist Anton Corbijn; er führte auch Regie beim „Heaven“-Video, das auf die Bühnenleinwände projiziert wird. Man reibt sich ein wenig die Augen, denn das hat man seit den Neunzigern nicht mehr gesehen: Diese grobkörnigen Aufnahmen in schwarzweiß, die Musiker sitzen still nebeneinander rum, posieren, wie Pantomimen in der Pause, man trägt groteske Masken, dazu dieser Symbolismus, wenn die Drei im Gleichschritt große Schilder durch verlassene Landschaften tragen und mit sich im Reinen sind. Die Weisheiten der Clowns. Corbijn sollte ein wenig aufpassen, dass er sich nicht irgendwann selbst parodiert. Andere Videos erscheinen in noch seltsameren Kontexten. „Precious“ etwa komponierte Martin Gore einst für sein Kind, das später zum Scheidungskind wurde. „ My God, what have we done to you?“, singt Gahan darin. Aber auf der Leinwand sieht man derweil traurige Hunde.

Frontmann Dave Gahan übernimmt seine eigene Regie; ein Mann großer Worte war er nie, aber mit seiner Aufforderung „Berlin!“ geizt er heute nicht. Die Fans auf der Welt sollen, wenn sie die DVD eingelegt haben, wissen, wo die Band ihr Konzert gegeben hat. Gahan hat die Posen des Stadionrocks aufgesogen, beherrscht booty shake samt Augenaufschlag („And You Look Good“  bei „A Question Of Time“) ebenso wie das Reiben am Mikrofonständer bei „Policy Of Truth“, für die Ladies. Der dritte Depeche-Mode-Mann, Andy Fletcher, macht währenddessen das, was er am besten kann: mit einer Hand, manchmal nur mit einem Finger sein Keyboard bedienen. Fletchy, dieser ausgebuffte Hund, benötigte ja kurz vor Auftrittsbeginn noch nicht mal mehr einen Soundcheck an seinem Instrument! Fast könnte man glauben, er kann Musik nur mit der Kraft seiner Gedanken erzeugen.

Nach ihrem „Goodbye“ verabschiedet sich die Band; es ist fast ein wenig schade, dass Depeche Mode es nicht bei „Never Let Me Down Again“ als finalen Song belassen hatten. Die mittlerweile weltberühmte Fan-Choreografie, das Schwenken zehntausender Arme, das ist ihr ultimatives Statement – von Gahan aus purer Laune bei einem Konzert 1988 angeleitet, von den Fans seitdem am Leben erhalten. Und so ist es auch mit  der Band. Auch Depeche Mode werden, vielleicht seit Veröffentlichung ihres Werks „Songs Of Faith And Devotion“ 1993, als die internen Spannungen immer größer wurden, davon am Leben erhalten: von den treuesten Fans der Welt.

Setlist:

01. Welcome To My World
02. Angel
03. Walking In My Shoes
04. Precious
05. Black Celebration
06. Should Be Higher
07. Policy Of Truth
08. The Child Inside (Martin)
09. But Not Tonight (Martin)
10. Heaven
11. Soothe My Soul
12. A Pain That I’m Used To
13. A Question Of Time
14. Enjoy The Silence
15. Personal Jesus

— Zugabe —

16. Shake The Disease (Martin)
17. Halo
18. Just Can’t Get Enough
19. I Feel You
20. Never Let Me Down Again

21. Goodbye


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