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Der Staat gegen Fritz Bauer Regie: Lars Kraume


Mit ihrem Bericht über den Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem sorgte Hannah Arendt 1963 für einen Schock. „Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind“, schrieb die Philosophin damals. Dass Eichmann überhaupt vor Gericht gestellt wurde, ist zu einem großen Teil dem hessi schen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken. Dieser hatte dem israelischen Geheimdienst entscheidende Hinweise zu Eichmanns Aufenthaltsort gegeben – den deutschen Behörden vertraute er nämlich nicht, da viele hochrangige Beamte selbst eine Nazivergangenheit hatten.

Mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ würdigt Regisseur Lars Kraume nun Bauers Entschlossenheit, die NS-Verbrecher in Deutschland zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei schafft er kein Jahre umspannendes Biopic, sondern konzentriert sich auf Bauers Suche nach Eichmann. Kraume hüllt dieses Kapitel dramaturgisch in ein leichtes Thriller-Gewand mit jazzigem Score, ohne sich zu sehr in Suspense zu verlieren. Denn so spannend er die Jagd nach Eichmann auch inszeniert, er konzentriert sich in erster Linie auf seinen Protagonisten und dessen Beweggründe und gibt ihm stets genügend Raum, sich zu entfalten. Und Burghart Klaußner füllt diesen Raum mit unglaublicher Spielfreude, er interpretiert den entschlossenen Humanisten Bauer als knarzigen Einzelgänger mit weichem Kern, der mit eigenwilligem Sprachduktus und schwäbischem Singsang allen Widerständen zum Trotz den Finger in die frische bundesdeutsche Wunde legt. Einzig im jungen Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) findet er dabei einen Verbündeten. Dass dieser fiktive Sidekick nur ein dramaturgischer Kniff ist, stört nicht weiter, unterstreicht diese Figur doch, wie isoliert Bauer damals agieren musste. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist spannend verdichtete Zeitgeschichte mit wunderbarer Besetzung und grandioser Ausstattung.

Während Deutschland 1965 mitten in den sogenannten Auschwitzprozessen steckte, begann in Indonesien ein politischer Massenmord: Im Zuge des Militärputsches wurden rund eine Million (vermeintliche) Kommunisten, Oppositionelle und ethnische Chinesen ermordet. Anders als in Deutschland blieben die Täter jedoch an der Macht, eine Auseinandersetzung mit dem Massaker hat im Grunde nie stattgefunden – im Gegenteil, oft wurde der Völkermord sogar noch idealisiert.

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Der US-Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Verbrechen auch als solches ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Für seinen Dokumentarfilm „The Act Of Killing“ traf er sich mit den Tätern und hat sie gefilmt, wie sie ihre Taten prahlend vor der Kamera nachstellten. Weil er wusste, dass er nach der Veröff entlichung des Films nicht mehr würde einreisen dürfen, kehrte er kurz vor der Fertigstellung nach Indonesien zurück, um dort „The Look Of Silence“ zu drehen. Sein Protagonist ist diesmal Adi, der Bruder eines während des Völkermordes getöteten jungen Mannes. Adi wurde erst nach dem Massaker geboren, er will alles über das Schicksal seines Bruders erfahren und entschließt sich daher, mit den Tätern über ihre Taten zu sprechen. Ein Tabu in Indonesien. Und ein gefährliches Unterfangen, weil die Angehörigen der Opfer noch immer mitten unter den Tätern leben.

„The Act Of Killing“ brach das Schweigen über den Massenmord in der indonesischen Gesellschaft, „The Look Of Silence“ fordert nun Gerechtigkeit und Aussöhnung, ist ruhiger als sein Vorgänger, aber nicht weniger beklemmend. Der Mut, mit dem sich Adi den Mördern und ihren Geschichten stellt, ist schwer zu ertragen. Gerade weil er nicht anklagt, sondern einfach nur ruhig und gelassen nachfragt, wie diese Taten passieren konnten. Im realen Leben ist Adi Optiker, aber auch mit seinen Fragen hilft er den Tätern und den Zuschauern dabei, sehen zu lernen und Ungerechtigkeiten zu erkennen. „The Look Of Silence“ ist ein stiller Dokumentarfilm von schonungsloser Härte, es sind intime Begegnungen eines Opfers mit dem „Bösen“, die zugleich einen Funken Hoffnung keimen lassen – das genaue Gegenteil von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ also. Doch der moralische Impetus ist derselbe: Die Täter müssen für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, damit den Opfern Gerechtigkeit widerfahren kann. So schmerzvoll dieser Prozess auch sein mag.


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