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Time Out Of Mind Regie: Oren Movermann


Das Erste, was wir sehen, ist New York: die Skyline, das Häusermeer. Dann zoomt die Kamera heraus und wir bemerken, dass wir durch ein Fenster auf die Stadt schauen. Unser Blick wird an einer fleckigen Wand entlanggeführt, wir sehen abgerissene Vorhänge, eine leere Garderobe. Die Wohnung scheint unbewohnt. Wir hören die Nachbarn in der Wohnung nebenan. Ein Baby schreit. Ein Räumkommando betritt die Wohnung. Ein Typ mit Schirmmütze (Steve Buscemi) durchwühlt die Schränke, öffnet die Badezimmertür und macht eine Entdeckung. „Ja, leck mich doch am Arsch!“, ruft er. Und der schlafende Mann in der Wanne (Richard Gere), vermutlich etwa Mitte 60, öffnet langsam die Augen unter seinem grauen Schopf und seiner schorfigen Stirn. „Wer zum Teufel bist du?“, fragt der Eindringling. „Was machst du hier?“ Es dauert eine Weile, bis er eine Antwort bekommt. „Was soll das heißen: ‚Wer bist du? Was machst du hier?‘ Ich schlafe hier!“, sagt der allem Anschein nach Obdachlose. Er versucht zu erklären, dass die Wohnung einer Freundin namens Sheila gehöre und sie ihm gesagt habe, er könne dort wohnen. Doch der Typ kennt „keine bescheuerte Sheila“ und wirft ihn hinaus.

Und wir folgen ihm auf seinem ziellosen Weg ohne Geld und ohne Papiere von Queens aus durch die Stadt. Die Kamera lässt ihn keinen Moment aus den Augen. Tag und Nacht folgt sie ihm. Lauert ihm an Ecken auf, hinter Ladenfenstern und Hochhaus­jalousien. Er ist da draußen – wir, die Zuschauer, sind drinnen. Er schläft in Hausfluren, auf Bänken, vor Geldautomaten und in der Notaufnahme, er bettelt, verscherbelt seinen Mantel, kauft davon Bier und holt sich bei der Heilsarmee eine Jacke. Um ihn herum tobt das Leben der Großstadt, Gesprächsfetzen und Geschichten durchkreuzen die Tonspur, Menschen hasten vorbei, bunte Lichter spiegeln sich in Fensterscheiben. Der Mann stellt einer jungen, blonden Frau (Jena Malone) nach, die auch ein Drifter zu sein scheint und in einer Bar arbeitet. Er versucht vergeblich, Kontakt aufzunehmen.

Dieser fremde Mann, der irgendwann den Anschluss an das Leben verloren hat, von einem Tag zum nächsten lebt und seine Probleme im Alkohol löst, heißt George Hammond, wie wir nach etwa 40 Minuten erfahren, als er in einem Obdach­losenheim nach seinem Namen gefragt wird. Dort findet er Zuflucht, als die Nächte zu kalt werden. Für ein Bett muss er im Gegenzug seine Identität preisgeben. Er ist geschieden, seine Frau starb nach der Scheidung an Brustkrebs. Die junge Frau, der er nachstellt, heißt Maggie und ist seine Tochter, die er sein Leben lang vernachlässigt hat.

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Im Obdachlosenheim freundet er sich mit seinem hustenden Bettnachbarn Dixon an. Einem, der noch nicht aufgegeben hat, sich weigert, vergessen zu werden, der ihn nicht beachtenden Welt seine Tiraden und Geschichten entgegenschleudert und behauptet, einst ein erfolgreicher Jazzmusiker gewesen zu sein. Er hat sich das alles sehende Auge und das Vaterunser auf den Rücken tätowieren lassen. Gemeinsam warten der stumme George und der dauerplappernde Dixon in Behördenfluren auf neue Papiere – vergeblich allerdings, da George keine Sozialversicherungsnummer hat. „Wir existieren nicht“, sagt er. „All die Anstalten, mit denen wir zu tun haben, halten dich für einen verdammten Clown. Du bist ein Clown für die. Wir sind Clowns, Cartoons!“ – „Okay, dann bin ich ein Scheiß­cartoon!“, entgegnet Dixon. „Dann bin ich wenigstens animiert.“ Vielleicht, denkt man, ist dieser Typ tatsächlich nur Georges Kopf entsprungen, ist ein schwarzes Spiegelbild seiner selbst.

Die Figur des George Hammond basiert auf einer Idee des Hauptdarstellers Richard Gere. Der Drehbuchschreiber und Regisseur Oren Moverman, mit dem er schon an Todd Haynes’ prismatischem Bob-Dylan-Porträt „I’m Not There“ arbeitete, inszenierte um sie herum einen hypnotischen Film, der in seinen wundervoll kolorierten, umrahmten, oft starren Einstellungen die Anmutung einer Graphic Novel hat, und gab ihm den Titel eines Dylan-Albums, das ebenfalls von einem Drifter handelt, der durch verlassene Straßen geht. Und so wie jene

Lieder eine untergegangene Welt auferstehen lassen, entsteht durch die Odyssee des George Hammond vor unseren Augen eine ganze Stadt.


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