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Wilco Ode To Joy


dBpm/Warner

Hat Jeff Tweedy zu viel Beethoven gehört? Oder Friedrich Schiller gelesen? Seine „Ode an die Freude“ klingt jedoch wenig erbaulich. Vielmehr schwebt über diesem elften Wilco-­Album eine Art feierliches Unheil. Tweedys Welt hat in den vergangenen Jahren einige Erschütterungen erlebt. Seine Frau erkrankte an Krebs. 2017 starb sein Vater. Die Auswirkungen waren schon auf dem Solo­album „Warm“ spürbar. Doch erst jetzt hat er eine musikalische Sprache gefunden, in der sich Fragen nach dem Sinn von Leben und Sterben ohne existenzialistisches Geschwurbel stellen lassen. Der Nebel der Trauer lichtet sich und weicht ­einer sinistren Nachdenklichkeit.

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„Bright Leaves“ tapert mit stoischer Ruhe, unter der Oberfläche ein Geäder aus Piano, Orgel, Akustikgitarre. Nels Cline streut Geigerzähler-­Sounds ein. Und Tweedy singt wie sediert: „We’re bright leaves/ You and I/ Beneath the old snow/ Being set free by the winter rain/ And I know it will never change.“ Zerschossener, hymnischer auch gerät „Before Us“: „Remember wars would end/ Now when some­thing’s dead/ We try to kill it again.“

Nach dem Geistermarsch „Quiet Amplifier“ zieht „Everyone ­Hides“ das Tempo an. Die beste Band der Welt hat vielleicht noch nie so songdienlich gespielt. Tweedy rüttelt an der Maske, die wir für unsere Identität halten: „You’re selling yourself on a vision/ A dream of who you are/ An idea of how you would be/ A wish upon a star.“ Verstecken wir uns vor dem Unausweichlichen? „Is it stranger to live?/ Is it stranger to die?“, heißt im flehentlichen „White Wooden Cross“.

„Hold Me Anyway“ führt uns aus der Höhle des Unterbewusstseins. Pop scheint möglich. „Are we all in love just because?/ No I think it’s poetry and magic/ Something too big to have a name/ And when you get it right it’s still tragic/ And when you die who’s to blame?/ Did you think everything would be okay?“ Nichts ist okay. Das Sterben hat noch immer keinen Sinn. Aber Jeff-Tweedy-Songs sind ein Grund zur Freude.


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