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Witold Gombrowicz Kronos



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„Montag: Ich. Dienstag: Ich. Mittwoch: Ich. Donnerstag: Ich“, so beginnt das tausend Seiten zählende „Tagebuch“, das der polnische Exilliterat Witold Gombrowicz von 1953 bis zu seinem Tod 1969 führte. Es ist eines der großartigsten Dokumente des literarischen Antikonformismus, in dem das schreibende „Ich“ immer mehr in der „künstlerischen Kontemplation“ über Kunst, Philosophie und das Leben versinkt. Diese hochliterarische Antiliteratur war eine von Gombrowicz gefertigte Gebrauchsanleitung für das eigene Schreiben.

„Was ist dieses Tagebuch anderes als gerade dies: privates Schreiben zum eigenen Gebrauch?“, fragt der dort versunkene Geist – ironisch, wie man inzwischen weiß. Denn mit dem sorgsam rekonstruierten „Kronos“ liegt nun das heimlich geführte Parallel-diarium vor. Seit 1952 füllte Gombrowicz dafür auf wenigen DIN-A4-Seiten die Leerstellen zwischen den großen Linien seiner Existenz mit Leben – zwischen 1939 und 1951 in Jahreslisten, ab 1952 in essayistischer Form.

„Kronos“ ist ein rücksichtsloses Lebensprotokoll, gefüllt mit Arbeits- und Einnahmebilanzen, Krankheiten und Therapien, bedeutenden politischen Ereignissen, lapidaren Privatissima und Erlebnissen mit nahestehenden Künstlern und verhassten Redakteuren. Dazwischen Aufzählungen seiner Sexualkontakte nebst Spaßfaktor. In diesem wohlgeordneten Durcheinander sträubt sich das Journal unaufhörlich gegen die Lektüre. Sein Inhalt offenbart sich nur häppchenweise, über die schlagwortartigen Denk- und Leseanregungen, die auf das „Tagebuch“ als unabdingbare Basislektüre sowie auf die weiteren Werke des Polen verweisen. Da kann selbst die schonungslose Selbstentblößungsprosa eines Karl Ove Knausgård nicht mithalten. Um „mich selbst zu schaffen und Gombrowicz zu einer Gestalt zu machen – wie Hamlet, oder Don Quijote“, schreibt er im „Tagebuch“. Näher als mit „Kronos“ kann man dem nicht kommen.


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