The Beatles: Alle „Revolver“-Songs im Ranking


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14. „Doctor Robert“

Dass John Lennon nicht über sich schreibt, sondern eine Figur mehr oder weniger erfindet (sonst eher Paul McCartneys Ansatz), lässt auf eine schwere Schreibkrise schließen. Vorbild war Dr. Robert Freymann, ein New Yorker Arzt, der dafür bekannt war, wohlhabenden Patienten mit Amphetaminen versetzte Vitamin-B-12-Spritzen zu verabreichen. „Doctor Robert“ ist eines von vielen Stücken auf „Revolver“, das auf die ein oder andere Art von Drogen handelt. Der eher gelassene Rhythmus, der sich vor sehr von den vorherigen Beatles-Alben unterscheidet, ist laut Paul McCartney zudem vor allem darauf zurückzuführen, dass die Beatles im Studio die ganze Zeit bekifft waren.

13. „I Want to Tell You“

Durch John Lennons Schreibkrise durfte George Harrison erstmals drei eigene Song zu einem Beatles-Album beisteuern. Das von einem LSD-Trip inspirierte „I Want To Tell You“ zeigt, dass Harrison als Songwriter selbstbewusster geworden war seit „Rubber Soul“. Auch wenn sich der Text so deuten ließ, als fühle er sich innerhalb der Band nicht (mehr?) verstanden. Der Song rutschte in letzter Minute auf die Tracklist, ursprünglich hatte Harrison einen anderen Song aufnehmen wollen: „Isn’t It A Pity“. Indeed.

12. „Yellow Submarine“

Bis heute ist diese köstliche Albernheit, die – wie wir seit der neuen „Revolver“-Box wissen – als ein von Selbstzweifeln getriebener Lennon-Song begann und von McCartney zu einem Kinderlied umgearbeitet wurde – der signature song von Ringo Starr. Ist es der beste schlechteste Song aller Zeiten? Oder eine gelungene Hommage an die anarchische „Goon Show“ mit Spike Milligan, Peter Sellers und Harry Secombe, der die Beatles in ihrer Jugend auf BBC Home Service begeistert lauschten? Oder ein großer bekiffter Spaß wie Dylans zur gleichen Zeit entstandenes „Rainy Day Women #12 & 35“? Oder einfach „the lunatics have taken over the asylum“? Produzent George Martin lag jedenfalls krank im Bett, als die Beatles Freunde wie Brian Jones und Marianne Faithfull einluden, um an einem ausgelassenen Abend im Studio dieses Stück aufzunehmen, das später als Single (Doppel-A-Seite mit „Eleanor Rigby“!) die britischen Charts anführen sollte und den Ivor Novello Award für die meistverkaufte Single des Jahres 1966 erhielt.

11. „Love You To“

Klar, man hört schon auf „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)” von „Rubber Soul“ eine Sitar, aber auf „Love You To“ (Arbeitstitel „Granny Smith“) macht George Harrison Ernst mit seiner Leidenschaft für indische Musik. So ernst, dass für die anderen Beatles auf diesem Track kaum Platz ist. Ringo Starr spielt Tamburin, Paul McCartney singt ein bisschen mit, John Lennon ist abwesend – dafür hört man den ehemaligen politischen Aktivisten Anil Bhagwat an der Tabla und einige seiner Musiker*innen des Asian Music Circle. Harrisons Unabhängigkeitserklärung.

10. „Good Day Sunshine“

Auf jedem anderen Beatles-Album wäre dieser beschwingte, von Lovin‘ Spoonfuls „Daydream“ inspirierte Song, auf dem Paul McCartney auch seine Liebe zur Prä-Rock’n’Roll-Musik seiner Kindheit und frühen Jugend ausleben kann, vermutlich weiter vorne gelandet. Aber auf dem visionären, abenteuerlichen „Revolver“ bleibt nur ein Platz im Mittelfeld.

09. „I’m Only Sleeping“   

Der Schlaf spielte in John Lennons Leben Anfang 1966 eine große Rolle. Die Beatles hatten nach jahrelangen Tourneen und Verpflichtungen mal wieder eine Pause, weil ihr dritter Kinofilm nicht zustande kam. Lennon verbrachte die Zeit in seinem Domizil Kenwood, südwestlich von London, hauptsächlich damit, zu schlafen, bekifft fernzusehen und langsam aber sicher depressiv zu werden. Als er „I’m Only Sleeping“ schrieb, schien der die Pause allerdings noch zu genießen. George Harrisons Gitarrensolo ist hier rückwärts zu hören, eine Technik, die die Beatles kurz zuvor schon auf der B-Seite zu „Paperback Writer“, dem fabelhaften „Rain“, angewendet hatte. Die Idee war ihm gekommen, nachdem er eines Abends stoned aus dem Studio nach Hause gekommen war und die Aufnahmen des Tages irgendwie falschrum in seine Bandmaschine eingelegt hatte. Klang gut.

08. „Taxman“

Ein Album mit einer Beschwerde über die Steuerpolitik einer Labour-Regierung zu beginnen, würde sich heute auch niemand mehr trauen (alle, die halbwegs bei Verstand sind, würden sich heute natürlich über eine Labour-Regierung freuen). Dass die dann auch noch ausgerechnet von George Harrison kam, dem Beatle also, der gerade auf dem Weg zur spirituellen Erleuchtung war, macht es interessant. Die wahre Erleuchtung in diesem Song bringt allerdings das indisch inspirierte Gitarrensolo von – Paul McCartney.

07. „Got to Get You into My Life“          

Paul McCartney war großer Fan der Soul-Platten, die Mitte der Sechziger auf Stax und Motown erschienen, das melodische Spiel des Motown-Bassisten James Jamerson beeinflusste ihn nachhaltig, und die Beatles überlegten Anfang 1966 sogar kurz, ihr neues Album in den Stax Studios in Memphis mit dem Produzenten Jim Stewart aufzunehmen. Am Ende hört man die Soul-Begeisterung auf „Revolver” dann aber nur in McCartneys exaltiertem Gesang und dem Bläserarrangement von „Got To Get You Into My Life“. Der Text ist eine Liebeserklärung an einen Einfluss, der auf „Revolver“ wesentlich präsenter ist als amerikanische Soulmusik: Marihuana.

06. „And Your Bird Can Sing“      

Ein Song über den Penis von Frank Sinatra. Der hatte sein bestes Stück gegenüber dem Journalisten Gay Talese nämlich ständig „bird“ genannt, und John Lennon hatte den daraus resultierenden Text im „Esquire“-Magazin gelesen. Musikalisch hätte der Song auch „And Your Byrd Can Sing“ heißen können, denn vor allem in den ersten Takes, die die Beatles aufnahmen, jingled und jangled es, dass Roger McGuinn seine Freude gehabt hätte.

05. „Here, There and Everywhere“

Eine Ballade von solcher Kunstfertigkeit und Zartheit überzeugte selbst John Lennon. Auch wenn Paul McCartney dieses Mal ausnahmsweise mal jemand anders beeindrucken wollte: Ober-Beach Boy Brian Wilson. Der Song war seine Reaktion auf „God Only Knows“ vom „Pet Sounds“-Album, den McCartney bis heute als seinen allerliebsten Pop-Song überhaupt nennt.

04. „Tomorrow Never Knows“   

Der erste Song, den die Beatles für „Revolver“ aufnahmen und der wohl auch den weiteren Verlauf der Sessions bestimmte, die – wie George Martins Sohn Giles im ROLLING STONE-Interview erklärte – unter dem Motto „Shall we try this?“ standen. Die Beatles gingen selbstbewusster mit den Möglichkeiten des Studios um als sie das zuvor getan hatten. Da war dieses frühe Erfolgserlebnis vermutlich entscheidend. John Lennon hatte den Text großenteils aus dem Buch „The Psychedelic Experience: A Manual Based on the Tibetan Book of the Dead“ von Timothy Leary, Richard Alpert und Ralph Metzner übernommen, die sich wiederum beim tibetischen Totenbuch bedient hatten. Er wolle, dass der Song klinge, wie von tausend tibetischen Mönchen gesungen, hatte er George Martin gesagt, oder wahlweise wie der Dalai Lama, der von einem Berggipfel singe.

Lennon war in solchen Sachen gern ein bisschen vage. McCartney dagegen wurde gleich konkret – musique concrète, um genau zu sein. Er schlug vor, eine Technik auszuprobieren, die der Komponist Karlheinz Stockhausen bei seinem „Gesang der Jünglinge“ angewendet hatte. Wenn man den Löschkopf eines Tonbandgeräts deaktivierte und dann während der Aufnahme eine Endlosschleife in unterschiedlichen Geschwindigkeiten durch das Gerät laufen ließ, überspielte sich das Band ständig selbst und erzeugte einen Sättigungseffekt. So kam jeder Beatle mit ein paar selbstgebauten Tape-Loops ins Studio. 30 insgesamt. 16 davon wurden verwendet. Das Ergebnis klingt nicht nach dem Dalai Lama, aber nach dem Urknall der psychedelischen Popmusik.

03. „For No One“ 

Geschrieben in einem Skiurlaub in den Schweizer Alpen nach einem Streit mit seiner damaligen Freundin Jane Asher. Muss ziemlich gescheppert haben, denn so bitter und lakonisch war McCartney nie wieder. And in her eyes, you see nothing/ No sign of love behind the tears/ Cried for no one/ A love that should have lasted years.” Nicht nur John Lennon hat das gefallen.

02. „She Said She Said“   

Der Song, auf dem Oasis eine ganze Karriere aufgebaut haben. Inspiriert von einem Satz, den Peter Fonda während eines LSD-Trips in der während einer US-Tour von Beatles-Manager Brian Epstein angemieteten Villa in Beverly Hills von sich gab: „I know what it’s like to be dead.“ Entscheidend für die psychedelische Magie dieses Songs ist vor allem George Harrisons Riff. Er hätte dafür gern einen Songcredit bekommen.

01. „Eleanor Rigby”

Ein Song, der weitaus weniger radikal wirkt als beispielsweise „Tomorrow Never Knows“, aber die Grenzen von dem, was man 1966 unter Popmusik verstand, mindestens ebenso sehr in Frage stellte. Keine Gitarre, kein Bass, nur Streicher. Und was für welche. George Martins von Hitchcock-Soundtrack-Komponist Bernard Hermann inspiriertes Arrangement ist ein ziemlich großer Sprung von seinem ersten Streicherversuch auf einem Beatles-Album bei „Yesterday“.

Und auch McCartney machte einen Sprung – als Textdichter. Während Lennon Mitte der Sechziger immer tiefer in sich hineinschaute (die Dylan-Schule), entwarf er Figuren, die (scheinbar) nichts mit ihm gemein hatten (die Charles-Dickens-Schule). Nie ist ihm das – mit ein bisschen Hilfe seiner Bandkollegen – poetischer und eindrucksvoller gelungen als in diesem Song über eine alte Jungfer und einen einsamen Pfarrer. Und die letzte Zeile ist wohl die allerdunkelste in seinem oft so hellen und optimistischen Oeuvre: „No one was saved.“