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“The Revenant”: Totgeglaubte leben länger

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“The Revenant”: Totgeglaubte leben länger

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Das Leben von Hugh Glass war ein Raues. Als Scout und Trapper führte der mutmaßlich in Philadelphia geborene Pionier Pelzhändler und andere Glückssucher, die nach Amerika kamen, als der Wilde Westen noch seinen Ruf verdiente, auf ihren Expeditionen. Legendär ist seine Begleitung einer Gruppe um den Mitbegründer der Rocky Mountain Fur Company Andrew Henry durch ein Indianerreservat anno 1823 geworden. Bei einem Erkundungsgang des Waldgebiets fiel ihn eine Grizzlybärin an, die er, schwer verletzt, mit einem Messer getötet haben soll. Seinen Begleiter versorgten ihn erst notdürftig, ließen ihn aber zurück in der Annahme, dass er ohnehin bald sterben würde. Aus eigener Kraft soll es der Trapper dann in das über 300 Kilometer weit entfernte Fort Kiowa zurückgeschafft haben. So besagt es die Legende, die seither von Pelzjägern, Landvermessern und Naturschriftstellern weitergetragen wurde.

Diese Geschichte hat nun das mexikanische Regiewunderkind Alejandro González Iñárritu mit Leonardo Di Caprio in der Hauptrolle des legendären Trappers verfilmt. Mit The Revenant – Der Rückkehrer wechselt er dabei nicht nur das Genre, sondern auch sämtliche Register seiner Erzählweise. Galt seine Aufmerksamkeit bislang gescheiterten Charakteren und vergessenen Antihelden, wendet er sich hier einem Pionier des amerikanischen Geistes zu, der schier Unmenschliches übersteht. An die Stelle der tiefsinnigen Philosophie tritt hier die mächtige Physiognomie, an die der bewundernswerten Gegenwartsanalyse die der zweifelhaften historischen Mythenbildung.

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Was die Handlung betrifft, bleibt der Mexikaner nahezu ohne Abweichungen bei der überlieferten Erzählung. Die Nebencharaktere überzeichnet er leicht, um der klassischen Überlebensgeschichte eine mephistophelischen Seitenschlag zu geben. Die ideal mit John Hardy besetzte Figur des rücksichtslosen Trappers John Fitzgerald wird zum bad guy, der den von der Bärin vollkommen zerfetzten Hugh Glass nicht notgedrungen seinem Schicksal überlässt, sondern skrupellos erst dessen Sohn umbringt, um dann den fiebernden Trapper ungehindert in der eiskalten Erde am Fuße der Rocky Mountains verscharren zu können. Es folgt Di Caprios Auferstehung von den Totgeglaubten und dessen unglaubliche Rückkehr in die Zivilisation, um Rache zu nehmen zu an dem Mann, der willfährig seinen Tod in Kauf nahm.

Brutale Survivor-Revenge-Story

Hat man diesen Film gesehen, muss man sich noch einmal in Erinnerung rufen, was Alejandro González Iñárritu nicht schon alles für Meisterwerke gedreht hat. Ob in seinem fulminanten Regiedebüt Amores Perros, in dem er von den lateinamerikanischen Lebensverhältnissen der Gegenwart erzählt, der rasanten US-amerikanischen Gesellschaftsstudie 21 Gramm oder dem über drei Kontinente hinweg erzählten Globalisierungsdrama Babel – stets führte er hier drei Erzählstränge spektakulär zusammen. Für diese kaleidoskopisch montierte Trilogie über Gewalt, den Tod und die Liebe konnte die Welt nie groß genug sein. Zugleich waren die Filme nicht nur erzählerische Kunstwerke im Sinne ihres Arrangements, sondern auch philosophische Ausrufezeichen in einer entmystifizierten Gegenwart. Das Schicksal als irritierendes Resultat von Zufall und Fügung stand stets im Mittelpunkt des Geschehens.

Auf die Spitze getrieben hatte er diese Neuverzauberung der Moderne in Biutiful, um sich mit Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) neu zu erfinden, ohne seine Vorliebe für das Magische vollständig aufzugeben. Neben dem mexikanischen Regiegenie erfindet sich in der mit vier Oscars ausgezeichneten Studie über die Eitelkeit des Menschen auch seine Hauptfigur neu. Der von Michael Keaton großartig gespielte Superheldendarsteller Riggan Thomson, dessen beste Jahre lange her sind, will es noch einmal wissen. Als Regisseur und Hauptdarsteller eines tiefsinnigen Theaterstücks will er sich von der Rolle des ewigen »Birdman« befreien. Wären da nicht ein eitler Geck von Ersatzschauspieler, der unruhige Geist seiner Superheldenfigur, eine selbstverliebte Kritikerin sowie die Angst, zu versagen. Nachdem er die ganze Welt brauchte, begnügte sich Iñárritu für diese irrsinnig kluge, pointenreiche und ruhelose Künstler-Komödie mit den engen Kulissen eines Broadway-Theaters.

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20th Century Fox

Nach diesem flirrenden Kammerspiel voller Tiefgang und Komik kommt er nun mit dieser brutalen Survivor-Revenge-Story aus einem tiefgefrorenen Wilden Westen in die Kinos, bei dem man sich ein ums andere Mal die Augen reibt. Will er den Zuschauern tatsächlich weismachen, dass das, was Leonardo Di Caprio in diesem Film alles durchmacht, irgendein Mensch ernsthaft überleben kann – zumal bei geschätzten minus dreißig Grad in der Sonne und immerwährend nasser Kleidung? Di Caprio spielt seine Rolle in beeindruckender Manier, steckt ein und weg wie noch nie in seiner Karriere. Von der Bärin wird er zugerichtet, wie Mel Gibsons leidender Jesus von den römischen Legionären, so dass die Notversorgung seiner Begleiter eher der Sterbehilfe gleichkommt, als einem lebensrettenden Eingriff. Im Laufe des Films wird er seine geschundenen Knochen durch die übermächtige (und in überwältigenden Panoramen eingefangene) Natur der Rocky Mountains schleppen, sich in den eisigen Yellowstone-River und im Galopp eine gigantische Klippe hinunterstürzen. Er wird sich mit Schießpulver die eitrige Wunde am Kehlkopf ausbrennen und nackt in einen Pferdeleib einschließen, um die arktische Kälte der Rockys zu überleben. Er wird gierig in rohe Bisonleber beißen und mit tropfnassen Feuersteinen durchnässtes Holz zum Brennen bringen. Immer ist die Wildnis größter Feind und Rettungsanker zugleich. Als er schließlich im Fort ankommt, sucht er – gemäß der dramatischen Linie – nicht Erholung, sondern Rache. Das einzige, was diesem Mann im gesamten Film nicht gelingen sollte, ist es, einen gezielten Schuss abzugeben. Es wird ihm am Ende fast ein zweites Mal zum Verhängnis.

Oscar für Di Caprio?

Man darf davon ausgehen, dass Di Caprio für sein Schauspiel eine weitere, fünfte Oscar-Nominierung bekommen wird, bei den Golden Globes steht er bereits unter den aussichtsreichen Kandidaten. Archaische Superheldencharaktere wie dieser will nämlich nicht nur die amerikanische Filmindustrie sehen, sondern auch Publikum und Kritiker erliegen regelmäßig solchen Glorifizierungsschinken. Iñárritu wird sich nicht allzu viel Oscar-Hoffnungen machen, wenngleich auch er bei den Golden Globes bereits als Bester Regisseur im Finaltopf ist. Mit Birdman hatte er aber erst im letzten Jahr abgeräumt, da ist es fast ausgeschlossen, dass er in diesem Jahr berücksichtigt wird. Insgesamt viermal wurde sein neuer Film bei den Golden Globes 2016 nominiert, die als Fingerzeig für die Vergabe der Oscars im Februar gelten.

All das Nominierungstheater macht aber auch deutlich, dass es keineswegs immer die besten Filme sind, die ausgezeichnet werden. The Revenant ist vielmehr Iñárritus schlechtester, weil er die Legende auf Kosten der Glaubwürdigkeit über das Publikum stellt.

Alejandro González Iñárritu: The Revenant – Der Rückkehrer

Mit Leonardo Di Caprio, Tom Hardy, Will Poulter

156 Minuten. FSK: 16 Jahre

Die Rezension ist dem Blog Intellectures entnommen, mit freundlicher Genehmigung

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