RS-Story



„Wenn die Nacht am tiefsten“: Mit Nikel Pallat auf der Ton-Steine-Scherben-Ausstellung


von

Auf dem Rondell des Bethanien, einem ehemaligen Diakonissen-Krankenhaus, befindet sich der Open-Air-Teil von „Wenn die Nacht am tiefsten“ — der Foto-Ausstellung der Browse Gallery, die ein halbes Jahrhundert Bandgeschichte um Ton Steine Scherben visualisiert.

Auf dem Platz verbinden scherbenförmig angeordnete Banner Zeitgeschichte mit Fotografien der Band. Im Hintergrund ragen die Türme des Bethaniens auf, das eng mit dem Wirken der Band verwoben ist. Schließlich dreht sich die Hausbesetzungshymne schlechthin — der „Rauch-Haus-Song“ — um einen Teil des Gebäudes. Auch Szenen zu Rio Reisers Song  „König von Deutschland“ (1986) entstanden auf dem Mariannenplatz vor dem Bethanien.

„Wenn die Nacht am tiefsten“: Bandgeschichte im Kontext ihrer Zeit

Nikel Pallat / © Rita Kohmann

Die Banner vor dem Hogwarts-esken Backsteinbau illustrieren jedoch nicht nur die Bandgeschichte der Scherben, sondern erklären politische Ereignisse, die das Wirken und die Lebensrealität der Gruppe geformt haben: Die Nachkriegszeit mit der noch immer nicht realisierten Entnazifizierung. Die neue Konsumgesellschaft, die ab den Fünfzigerjahren Eintritt in die Republik findet und vor allem materielle Werte propagiert. Der Erlass der Notstandsgesetze 1968, der Ängste vor der Wiederkehr diktatorischer Zustände weckte. Und nicht zuletzt die Gründungen studentischer Protestbewegungen, die sich nach anti-autoritären Strukturen sehnten und sich auf die Suche nach dem Gute Leben begaben — jenseits von Kriegen und im Streben nach gemeinschaftlichem, sozialem Zusammenleben. Schnell wird klar: Die Band ist nicht von den politischen Geschehnissen ihrer Zeit trennbar, sondern spiegeln sie in ihrer Musik, ihrem Theaterschaffen und ihrem sozialen Engagement wieder. Wir trafen auf der Ausstellung der Browse Gallery Nikel Pallat — den Manager von Ton Steine Scherben, der im Laufe der Bandgeschichte aber auch vor dem Mikro der Gruppe stand.

Ton Steine Scherben: Ursprung im Theater

Rio Reiser / © Rita Kohmann

Im Jahr 1970, kurz nach dem Aufkommen der 68er-Bewegung hierzulande und den Stonewall-Protesten ’69 in Übersee, gründeten sich Ton Steine Scherben. Rio Reiser, R.P.S. Lanrue, Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel arbeiteten vorher vor allem mit Theatergruppen wie dem Hofmanns Comic Theater zusammen. „Der Theater-Background spielte für uns eine große Rolle, besonders als Ideenspender und Inspirationsquelle“, erklärt Nikel Pallat. „Viele Situationen, die wir beschreiben, könnten auch kurze Theaterstücke sein. Manche Songs sind sogar ursprünglich die Musik zu einem Theaterstück gewesen. Selbst der Song ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht‘, der sehr polarisiert, wenn man das neutral ausdrückt, ist aus einem Theaterstück entstanden: Da gab es Rita und Paul. Rita war die Tochter eines Wohlhabenden und Paul war Lehrling, eben nichts Besonderes. Wie so eine Jugendliebe dann läuft: Es geht eine zeitlang ganz toll. Nur Ritas Eltern sind nicht so glücklich, dass sie sich eben gerade den auserkoren hat und sie drängen sie: ‚Such dir doch mal einen Anderen‘. Das muss sie dem Paul dann auch zu spüren geben. Der ist völlig frustriert, als er das erfährt und haut daraufhin einen Fernseher kaputt. In dem Theaterstück wird diese Szene dann zusammengefasst in dem Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht’“. So schildert Pallat den Ursprung des Kult-Songs der Scherben.

Über die Bedeutung von „Wenn die Nacht am tiefsten ist“

Der Ausstellungstitel „Wenn die Nacht am tiefsten“ ist gleichzeitig auch der Name der dritten Platte der Scherben aus dem Jahr 1975. Was Pallat persönlich mit dem Titel verbindet, sei vor allem die Aufforderung positiv zu bleiben: „Der Titel ist ja nur der Anfang der Zeile. ‚Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten‘. Diese beiden Seiten, Tiefe und Nacht, bestimmen in dem Fall den Moment, in dem du dich elend fühlst und mit ‚Tag am nächsten‘, wenn du plötzlich einen Hoffnungsschimmer auf einen Sonnenaufgang hast. Auch wenn du dich schlecht fühlst, geht es weiter. Versuch dich nicht in deine Depression oder Verstimmung zu stürzen.“

Die Scherben wären allerdings nicht die Scherben, wenn sich nicht auch ein politisches Element im Titel finden würde: „Dieser Spruch soll angeblich von Ho Chi Minh kommen. Dem Menschen, der in Vietnam den Befreiungskrieg gegen die Amerikaner führte. Er steckte viele Niederlagen ein und es war ein fürchterlicher Krieg in den Siebzigerjahren. Aber trotzdem haben sie sich immer gesagt: Wir kommen da raus. Und nach vielen Jahren Kämpfen hatten sie ihre Befreiung.“

Trotzdem betont Pallat: „Was wir in Deutschland erleben, ist natürlich eine wesentlich andere Sache. Es geht auch um Existenzielles, aber nicht von Vornherein um Leben und Tod. Insofern war der Song immer ein Mutmacher. Die Haltung, dass aus Wut auch Mut werden kann.“

Die legendäre Scherben-WG: „Wir verstanden uns nicht als Individualisten, die eine Musikgruppe machten und jeder privatisiert so vor sich hin. “

Auch den zweiten Teil der Ausstellung im Inneren der Browse Gallery hat Pallat besichtigt. In mehreren Räumen finden sich Fotografien und Installations-Objekte, die die Geschichte der Scherben verbinden. „An viele Fotos kann ich mich gar nicht erinnern“, verrät er. Wie soll man auch ahnen, dass seine WG-Fotos jemals in einer Ausstellung landen könnten? Viele Fotos illustrieren das Zusammenleben der Scherben in ihrer berüchtigten WG am Tempelhofer Ufer 32, in die sie 1971 einzogen. Ein Jahr später stand ihnen auch die Etage unter ihrer Wohnung zur Verfügung. Nikel Pallat erinnert sich: „Wir wohnten im zweiten und dritten Stock. Und wir hatten sehr viel Platz über die zwei Etagen. Es gab auch einen Hintereingang, von dem wenige wussten. Über den kamen dann auch viele Leute, die einfach mal so reinkommen wollten, ohne gesehen zu werden. Es war ein sehr offenes Haus und es gab viel Kommen und Gehen.

© Rita Kohmann

Wir verstanden uns nicht als Individualisten, die eine Musikgruppe machten und jeder privatisiert so vor sich hin. Sondern wir wollten das, wovon wir träumten und erzählten in den Liedern, ausleben. Dazu gehört eine gewisse Offenheit.“ Und dazu gehört dann auch, dass einmal eine Düsseldorfer Schulklasse vor der Scherben-WG stand und klingelte. Die Adresse hatte die Band bis dahin immer auf ihre Platten gedruckt. „Und wenn dann eben eine Schulklasse kommt und schlau meint: ‚Sollen wir uns diese andere Welt mal anschauen?‘ Dann wunderbar. Für viele muss es auch etwas schockierend gewesen sein. Man ist jung und da war es auch egal, ob eine Mülltüte zwei Stunden mehr oder weniger rumsteht. Sicher war es für Kinder, die ’normale‘ Verhältnisse gewohnt waren, etwas frappierend, aber es sollte ja auch der Kontrast sein.“ Außerdem habe die WG auch viel Platz geboten, um zusammen Musik zu machen, schlussfolgert Pallat.

Ton Steine Scherben in Kreuzberg: „Das war eben einfach unsere Ecke hier“

© Rita Kohmann

Auch die Artworks und Fotografien der Ton-Steine-Scherben-Alben hängen in der Browse Gallery an den Wänden. Auf dem Cover der titelgebenden Platte „Wenn die Nacht am tiefsten“ sieht man eine große Gruppe junger Menschen. In der Luft liegt ein sanfter Dunst, an dem sich das Licht bricht. Die Cover-Fotografie vermittelt ein Gefühl von Aufbruchsstimmung und Hoffnung. Im Hintergrund ragt der altbekannte Backsteinbau des Bethaniens auf. „Die Fotografin, Jutta Mattis hat das gemacht — wie viele andere Fotos in der Ausstellung auch“, erklärt Pallat zur Entstehungsgeschichte der Fotografie. „Vorne an der Ecke, dort wo der Mariannenplatz aufhört und rechts in die Waldemar-Straße biegt. Da hatten wir uns alle positioniert.“

Warum gerade dieser Platz? „Wir waren hier einfach mit drinnen. Wir haben bei der Rauch-Haus-Besetzung mitgewirkt, auch wenn wir da nicht eingezogen sind. Wir hatten viele Freunde und gute Bekannte da und unseren Übungsraum — das war eben einfach unsere Ecke hier.“

Das Georg-von-Rauch-Haus ist ein Teil des Bethaniens. 1972 wurde es besetzt, damals, als Kreuzberg noch eher einer Stadtwüste glich als dem Bezirk, mit dem heute die meisten ein Bild des jungen, hippen, internationalen und multikulturellen Berlin gleichsetzen würden. Ziel der Hausbesetzung war es vor allem, einen Raum zum Austausch für Kinder und Jugendliche zu schaffen, also ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, anstatt die Räumlichkeiten verfallen zu lassen. Besonders mit dem besagtem „Rauch-Haus-Song“ aus demselben Jahr avancierten Ton Steine Scherben zur Band, die den Soundtrack zur Hausbesetzungsbewegung der Siebziger- und Achtzigerjahre lieferten.

„Damals entleerte sich ja geradezu Berlin“

Nikel Pallat und Britta Neander / © Rita Kohmann

Die aktuelle Lage bezüglich sozialen Wohnraums, besonders in Berlin, sieht der ehemalige Kreuzberger sehr kritisch: „Es ist eine Katastrophe und es wird auch nicht besser werden, denn die Spekulation geht rasant weiter. Die Hauptursache ist natürlich der Wohnungsmangel, aber auch die Leute, die hierherziehen wollen. Dadurch, dass die Nachfrage größer ist als das Angebot. Das war damals überhaupt nicht der Fall nach dem Mauerfall. Da entleerte sich ja geradezu Berlin“, erinnert Pallat sich. „Damals gab es sogar Gesetze, durch die die jungen Leute aus Westdeutschland angelockt wurden. Wenn sie Kinder bekamen, erhielten sie noch Zuschüsse für jedes Kind, das in Berlin in die Welt gesetzt wurde. Das ist nun völlig anders. Und jetzt ist der Mietendeckel auch noch gescheitert — eine soziale Katastrophe.“

Einen Ansatz zur Schaffung sozialen und bezahlbaren Wohnraums sieht Pallat vor allem in der Förderung von Genossenschaften: „Es muss von Haus aus von Genossenschaften gebaut werden, die nicht vordergründig Gewinnabsichten haben, sondern im Interesse des gemeinsamen Wohnens bauen. Und diese Menschen sollten mit Krediten gefördert werden.“

Musik und Theater als Form der sozialen Arbeit und  des Aktivismus

Brühwarm Theatergruppe mit Rio Reiser / © Rüdiger Trautsch, Rio Reiser Archiv

Ton Steine Scherben hatte sich in ihrem Bandbestehen nicht nur mit Stadtteilarbeit für das Schaffen sozialer Räume in Kreuzberg eingesetzt, sondern auch Theater-Projekte mit Kindern und Jugendlichen auf die Beine gestellt. Mit dem Hoffmanns Comic Theater waren sie Anfang der Siebziger in den trostlosen Hochhaussiedlungen und den Stadtrandgebieten unterwegs. Weitläufig eher unbekannt geblieben sind ihre Zusammenarbeiten mit schwulen und Trans-Theatergruppen Ende der Siebzigerjahre. Gemeinsam mit den Gruppen Brühwarm und Transplantis produzierten Ton Steine Scherben Musik für deren Shows. „Die Ausgangssituation für Schwule war Anfang der Siebzigerjahre eine fürchterlich schlimme“, erinnert sich Pallat. „Du konntest nicht offen schwul sein und offiziell gab es zu der Zeit noch immer den Paragrafen 175, der homosexuelle Handlungen, wie es darin stand, unter Strafe stellen konnte. Und Rio war schwul. Bis ich gemerkt habe, dass er schwul war, dauerte das ungefähr ein halbes Jahr. Er war komplett schüchtern, hatte große Angst sich zu outen“, ruft sich Pallat die Lage des Scherben-Sängers ins Gedächtnis. „Es dauerte Jahre bis er einen Weg fand, das zu tun. Erst Mitte der Siebzigerjahre kam das durch. Zu dieser Zeit fing die Schwulenbewegung an, sich kulturell zu äußern.“

„Es war gar nicht klar, dass es sich um Mann und Frau handelt im Song. Es gab aber immer von vornherein eine andere Projektionssfläche“

Als einen der Hauptauslöser der deutschen Schwulenbewegung führt Pallat den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) des Regisseurs und Aktivisten Rosa von Praunheim an: „Der hat in einer exemplarischen Form Millionen Menschen in Deutschland die Augen geöffnet. Und obendrein auch noch in einer komödiantischen Form. Rosa von Praunheim kam später auf uns zu und machte das ein oder andere Projekt mit Rio wie Filmmusik. Eine andere Ebene waren Theatertruppen. Es gab schwule Theatertruppen. Das waren am Anfang Brühwarm und Corny Littmann, der sich seit langem geoutet hatte“.

Littmann sei auf die Scherben zugekommen: „Ich habe ein Stück geschrieben, wollt ihr die Musik dazu machen?“. Pallat nach habe Rio Reiser so zum ersten Mal die Chance gesehen, sich öffentlich und auf eine künstlerische Art und Weise zu outen. „Das war ein wahnwitziges Statement für ihn damals. Er war unglaublich schüchtern und erst später hat er offensiv damit Politik gemacht und Statements nach außen gegeben“, erinnert sich Pallat.

Vor allem die gesellschaftliche Heteronormativität spielte und spielt auch heute nach wie vor eine problematische Rolle: „Seinen Song ‚Komm schlaf bei mir‘ von ’72 hatte zu dem Zeitpunkt keiner begriffen — dass das ein Schwuler ist, der da singt. Obwohl auch gar nicht klar war, dass es sich um Frau und Mann handelt im Song. Es gab aber immer von vornherein eine andere Projektionssfläche“, erklärt Pallat.

Nikel Pallat, ein Beil und der Tisch — ein Stück Fernsehgeschichte

Schließlich geht Nikel Pallats noch auf seinen legendären Auftritt in der WDR-Talkshow „Ende Offen“ aus dem Jahr 1971 ein. In dieser sollte über Musik und Kommerz geredet werden. Pallat verkündete in der Runde: „Das Fernsehen macht hier so eine scheißliberale Veranstaltung, an der Unterdrückung aber ändert sich nichts“, zückt daraufhin ein Beil und schlägt den Tisch kaputt, versucht es zumindest, denn der Tisch, der steht am Ende noch.

Ob der  ein Sinnbild dafür ist, dass auch wenn manche Dinge — insbesondere Ungerechtigkeiten — sich nicht kaputt machen ließen, man es trotzdem probieren sollte? „Natürlich hätte ich gerne den Tisch kaputt gehauen, du siehst ja auch in dem Video: Ich versuche es nochmal mit ein bisschen mehr Kraft“, antwortet Pallat. „Nur der war so blöd geleimt, dass er nicht kaputt ging. Aber die Botschaft, die ich eigentlich mit diesen Beilhieben vermitteln wollte: Wir wollen hier eine klare Trennungslinie ziehen und uns nicht vereinnahmen lassen. Die kam ja trotzdem rüber. Und was hätte es gebracht, wenn er kaputt gegangen wäre? An der Aussage hätte es nichts geändert.“

Nikel Pallat

Die Foto-Ausstellung „Wenn die Nacht am tiefsten — Ton Steine Scherben und ihre Zeit“ der Browse Gallery findet im Rahmen des Festivals „50 Jahre Ton Steine Scherben — 70 Jahre Rio Reiser“ statt. Die zweiteilige Ausstellung kann noch bis zum 4. Juli in der Browse Gallery im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg besichtigt werden. Mehr Infos dazu erhalten Sie hier auf der Website der Galerie.

Rita Kohmann
Rita Kohmann
Rita Kohmann
Rita Kohmann
Rita Kohmann
Rio Reiser Archiv Rüdiger Trautsch
Nikel Pallat