Kommentar

Ziellose Warnungen vor Comedy-Diskriminierungen bringen wenig

Der WDR stellt der Mediathek-Präsenz von Otto Waalkes eine Triggerwarnung voran. Auch alte Folgen von „Schmidteinander” erhalten einen Warnhinweis. Die Aufregung ist groß, aber erfüllen solche Hinweise eigentlich den erwünschten Zweck?

Man könnte diesen Text nun beginnen mit einigen bodenlosen und gemeinen Kalauern von Otto, wie sie der Friesenjung‘ öfter einmal ins Programm mischte. Etwa über Beamte („Warum stellen Beamte morgens immer eine Tasse Kaffee auf den Monitor? Damit sie wissen, wo sie aufhören müssen zu putzen“.) Aber Hand aufs Herz: Fällt Ihnen ohne Internetrecherche irgendein Otto-Witz ein, der auf scheußliche Weise Personen diskreditiert? Das liegt vielleicht daran, dass der Humor von Otto Waalkes, seit Jahrzehnten erfolgreich und wenn man so will an mehreren Generationen erprobt, eine mehrheitsfähige Harmlosigkeit hat.

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Natürlich gibt es da krude Zoten, natürlich wird sich da auch lustig gemacht, über gesellschaftliche Randgruppen, über unsinnige menschliche Marotten, über Körperlichkeiten. Humor ist gemein, er spiegelt menschliches Fehlverhalten und unterwirft es beim gemeinsamen Lachen einer Prüfung. Das sieht natürlich auch Otto so, der manchmal wie ein immerzu Kind gebliebener Anarchist wirken mag, aber eben auch stets wusste, was er tat. Und gewiss auch einmal daneben griff. Kein Komiker ohne missglückte Pointen oder fahle Gedanken.

Aber: Humor ist stets an seine Zeit gebunden, er wird von ihr maßgeblich bestimmt. Weswegen es ein Gemeinplatz ist, von Komik zu sprechen, die nicht mehr zeitgemäß ist. Alles andere wäre ja auch überraschend. Scherze ohne Mindesthaltbarkeitsdatum wird es einfach nie geben, auch wenn die Sehnsucht danach groß sein mag. Daran dürfte sogar eine Künstliche Intelligenz scheitern. Und selbst die, probieren Sie es aus, kennt nur ein Otto-Verdikt: „Seine Witze zielen darauf ab, zum Lachen anzuregen, ohne jemanden zu beleidigen oder diskriminieren.“

Komiker können nicht anders, als auch verletzend zu sein

Grundsätzlich ist ja die Idee solcher Triggerwarnungen, dass sie Menschen, die Diskriminierungen oder Herabsetzungen ausgesetzt sind, die Möglichkeit gibt, sich davor zumindest im medialen Raum zu schützen (auch wenn die Frage erlaubt sein muss, wann jemals ausgerechnet die Medien eine Art Safe Space darstellten). Ein weiterer Mehrwert ist, dass sie zumindest potenziell Kinder davor bewahrt, sich mit Herablassungen über für sie meist Fremdes zu konfrontieren. Kritik an solchen Warnhinweisen gibt es, weil sie bevormundend anmuten. Denn jeder sollte selbst entscheiden, was ihn kränkt oder sogar auch, was er oder sie selbst als kränkend für andere empfindet. Dabei handelt es sich schließlich auch um revidierbare gesellschaftliche Konsense, über die diskutiert werden muss.

Ebenso wird bemängelt, dass solche (moralischen?) Fingerzeige Unterhaltung den Wert zumessen, eindeutige gesellschaftliche Aussagen zu treffen. Eindeutigkeit ist allerdings der Tod jeder Kunst und unterscheidet sie von anderen Disziplinen, denen es eher darum geht Wissen und Gebote zu vermitteln. Humoristen sind scharfe oder zahme Beobachter und Kommentatoren ihrer Gegenwart. Sie neigen aber dazu, alles nicht so ernst zu nehmen. Gut so! Dafür werden sie gebraucht.

Was bringen nun diese Warnschilder für in die Jahre gekommene Kabarett- und Kabinettstücke, wenn sie nicht auch den Mut haben, deutlich zu benennen, was dort für diskriminierend empfunden werden könnte? Hier liegt das eigentliche Problem dieser rücksichtslosen Sensibilsierungsmethode. Sie urteilt ohne das Content-Angebot zu zensieren: „Das folgende Programm wird, als Bestandteil der Fernsehgeschichte, in seiner ursprünglichen Form gezeigt. Es enthält Passagen mit diskriminierender Sprache und Haltung.“ Aber es wird nicht markiert, es wird nicht deutlich gemacht, was das Problem ist. Damit winden sich die Warner auch vor den Folgen ihrer Bewertung, denn für jede Form des entlarvenden, manchmal auch gemeinen Humors gilt auch, dass er falsch verstanden werden kann oder in seiner in eine Erzählung und Anekdote eingebauten Wirkweise nicht komplett nachvollzogen wird. Komik ist komplex, deswegen taugen auch nur die wenigsten Menschen dazu, auf einer Bühne Schenkelklopfer zu erzählen.

Wer warnt, muss auch präzise erklären, wovor

Das ist womöglich auch der Grund, warum Harald Schmidt, als er zu Ohren bekam, dass auch vor alten Folgen seiner Ulksendung „Schmidteinander“ mit Herbert Feuerstein ein Warnhinweis in der Online-Mediathek platziert wird, sofort reagierte, in dem er solche Informationen selbst als guten Witz seiner alten Komiker-Schule deklarierte („Weltklasse! Ein echter ‚Schmidteinander‘-Gag. Nur schade, dass der selige Feuerstein das nicht mehr erlebt hat“). Schlussendlich bleibt der Eindruck beim verwirrten Publikum, dass etwas für schwierig befunden wird, weil es durch solche undefinierten Triggerwarnungen als potentiell belastend verstanden werden kann. Komik bekommt so einen Stempel aufgedrückt. Und was derart entstellt erscheint, wird wohl vielleicht von einer anderen Generation, die bisher noch nichts davon erfahren hat, als möglicherweise problematisch bewertet. Damit werden Zugänge erschwert. Das kann gar nicht im Sinne der Erfinder solcher Sensitivitätsrezeptionen sein.

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Wer nicht diskutieren will, was eigentlich wirklich verletzen könnte, erweist sich im Vergleich zu den Comedians, die mit ihrem Programm auch ein Risiko eingehen (selber verlacht oder ausgebuht zu werden, sich mit Autoritäten und starren gesellschaftlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen oder sogar gegen sie in die Schlacht zu ziehen), als Feigling. Nichts wog in der Schule vergangener Zeiten schwerer als Pädagogen, die ihren Zeigefinger hoben, ohne zu erklären, warum sie dies taten.

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