Unsere 20 Lieblingsalben der 80er: „The Queen is Dead“


von

Pop in den Achtzigern? Trivial, flatterhaft, vulgär, inhaltsleer. Die Dekade, die der Welt das Formatradio bescherte und die CD, lieferte dafür auch gleich die kompatible Musik. Tumbe Aufdringlichkeiten verstopften die Charts und machten immun gegen das Gute, Wahre, Schöne. Widerstand schien zwecklos, doch er regte sich, zuvorderst in Manchester. Die Ankunft der Smiths kam einer Rettung gleich, wurde akklamiert und debattiert, nicht nur im überfüllten Indie-Kabuff von Rough Trade in Notting Hill, sondern auch an der legendären Singles-Theke von HMV in der Oxford Street. The Smiths transzendierten das Merkantile, nonchalant und doch gedankenvoll, sie lieferten Antithesen zu allem, was nach industrieller Verwertung gierte. Und niemand zuvor hatte je wie die Smiths geklungen oder sich zu derart provokant moralisierenden Songs emporgeschwungen. Kurzum, hätte es diese Band nicht gegeben, wäre das Pop-Jahrzehnt noch ungleich armseliger verlaufen.

„The Queen Is Dead“ war das dritte Album von nur vieren, die das Quartett hinterließ. Aufgenommen 1985 und veröffentlicht im Juni 1986, erscheint es im Rückblick wie die repräsentative Quersumme einer Band im Zenit ihres Schaffens. Seinerzeit indes, in Unkenntnis des nahenden Endes, wurde die LP für das souveräne Erreichen eines Etappenziels gewürdigt. Dem Dandy und Schöngeist am Mikro waren wieder herrlich gemeine und kluge Texte eingefallen, der Gitarrist, seines Zeichens Stones-Fan und Byrds-Versteher, spielte autoritativer und inventiver denn je, trotz seines hartnäckigen Handicaps aus der Flasche. Die Lieder der beiden torpedierten wie gehabt britische Instanzen, versetzt mit galligem Humor, und sie begegneten den herrschenden Verhältnissen mit tief sitzendem Misstrauen und literarischer Finesse.

Die politische Lage im UK der Mittachtziger war mehr als prekär, Margaret Thatchers Regierung hatte den Bergarbeiterstreik niedergeschlagen, den widerständigen Greater London Council abgeschafft und Sozialleistungen für fast vier Millionen Arbeitslose zusammengestrichen. „Margaret On The Guillotine“ sollte die dritte Smiths-LP eigentlich heißen, doch bereiteten die per Erbrecht gesicherten Privilegien der Familie Windsor dem leidenschaftlichen Antimonarchisten Morrissey größere Pein als Maggies Untaten. Jedenfalls beginnt „The Queen Is Dead“ mit einem sarkastischen Ruf zur Heimkehr ins Mutterland des Empire, mündet in Drums-Bass-Gepolter und Johnny Marrs bis dahin rockigste Gitarre zu Morrisseys Henkerfantasie: „Her very Lowness with her head in a sling/ I’m truly sorry but it sounds like a wonderful thing.“


„Frankly, Mr. Shankly“ folgt, eine Pseudovaudevillenummer mit aufklärerischem Gestus, stupide Arbeit in sturen Abläufen beklagend, durchaus auch als Kapitalismuskritik zu verstehen. „I Know It’s Over“ hat einen leichten Big-O-Touch, obwohl Roy Orbison am Text gescheitert wäre, mit Ausnahme der Zeile „It takes strength to be gentle and kind“, entfernt verwandt wohl mit der Dylan-Sentenz „To live outside the law, you must be honest“. Melodisch wunderbar getragen ist auch die Selbstmitleids-Arie „Never Had No One Ever“, während das musikalisch von den Kinks inspirierte „Cemetry Gates“ zwar selbstironisch tönt, jedoch keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass zum Rendezvous zwischen Grabmälern geladen wird. „A dreaded sunny day/ So I meet you at the cemetry gates“, verspricht Morrissey, der solcherlei morbiden Zeitvertreib seit Jugendtagen gepflegt hatte, „Keats and Yeats are on your side/ While Wilde is on mine.“


Seite 2 beginnt fulminant, „Bigmouth Strikes Again“ stellt Marrs wild-dynamischer Gitarre Andy Rourkes sehnigen Bass zur Seite, darunter rollt die Snare von Mike Joyce, bevor Morrissey sein Entree gibt, mit untypisch hoher, im Studio hochgepitchter Stimme: „Sweetness, sweetness, I was only joking when I said I’d like to smash every tooth in your head.“ Natürlich ist der Song doppelbödig, Morrissey meint sein Spiegelbild, ebenso wie in „The Boy With The Thorn In His Side“. Hier leidet er als Scheuer und Gedemütigter mit „a murderous desire for love“. Wie so oft liegen Liebe und Hass dicht beisammen, bedingen einander. „Vicar In A Tutu“ ist ein Rockabilly-Galopp, musikalisch schlüssig auf den Spuren des King, mit assoziativer Lyrik freilich, die eine Interpretation zur Glückssache macht. Das Hohelied auf den Individualismus? Definitely maybe.

„There Is A Light That Never Goes Out“ nicht mitzusingen, wenigstens den Refrain, ist für den Smiths-Verehrer ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Liebesschwur von entwaffnender Selbstlosigkeit, der kein Auge trocken lässt. „And if a double-decker bus/ Crashes into us/ To die by your side/ Is such a heavenly way to die“, so Moz heroisch. „Well, the pleasure – the privilege is mine.“ Selbst die Streicher aus der Retorte versagen als Emotionskiller. Mehr Aufopferung geht einfach nicht, eine Steigerung ist ausgeschlossen.


Aber es kommt noch ein Track. Das leichtgewichtige „Some Girls Are Bigger Than Others“ paart Marrs hübsche Melodie nebst Folkrock-Flair und anheimelnden Arpeggios mit einem der frivolsten Nonsens-Texte aus Morrisseys Feder. Marr was not amused, Morrissey erklärte den scheinbaren Wegwerfcharakter seiner Zeilen mit geradezu phantasmagorischen Defiziten im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht. „I do not write about women. The whole idea of womanhood is something that to me is largely unexplored“, so der Sänger. „I’m realising things about women that I never realised before.“ Die Konturen des weiblichen Körpers etwa gäben ihm ständig Rätsel auf. Im Übrigen sei ihm ja auch seine eigene Körperlichkeit zuweilen noch ein Mysterium. „I always thought my genitals were the result of some crude practical joke“, so wird Morrissey, damals 26, im „NME“ zitiert. Am Ende von „Some Girls“ hört man ihn „Send me the pillow/ The one that you dream on“ seufzen, verfremdet, wie im Halbschlaf. Das Zitat entstammt einem Schmusehit von Johnny Tillotson von 1962, der Grund freilich ist so profan wie nachvollziehbar: „It’s an old favourite.“

Die komplette Liste unserer Lieblingsalben der 80er