Berlinale 2017: Eine Nation denkt Schwarz-Weiß

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Berlinale 2017: Eine Nation denkt Schwarz-Weiß

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Der Schriftsteller James Baldwin war einer der wichtigsten amerikanischen Intellektuellen seiner Zeit. Weil er zudem noch schwarz war, ist er Dauergast in Radio- und Fernsehshows gewesen, wenn es um den Rassismus in den USA ging. Als er in den siebziger Jahren gefragt wurde, wo er noch fundamentale Unterschiede im Umgang mit der weißen und der schwarzen Bevölkerung sehe, antwortete er: „Wenn Weiße im Namen der Freiheit zur Waffe greifen und sich erheben, dann jubelt die komplette westliche Welt. Wenn Schwarze das mit exakt denselben Worten und genau der gleichen Motivation tun, dann werden sie als Kriminelle und Terroristen beschimpft.“

Baldwin wurde 1924 in Harlem geboren. Sein Vater ist unbekannt, zu seinem Stiefvater hatte er ein schwieriges Verhältnis. Eine innere Heimat fand er in seiner Jugend im der Kirche, sein Erweckungserlebnis verarbeitete er in seinem autobiografischen Debütroman „Go tell it on the mountain“. Er wurde infolge zu einem der einflussreichsten Denker zu Fragen von Rassismus und Sexualität.

Baldwin lebte den Großteil seines Lebens in Frankreich. Als Autor müsse er sich seinen Manuskripten zuwenden können und habe keine Zeit, sich mit dem zu befassen, was in seinem Rücken stattfinde. Da im Rücken von schwarzen Menschen in den USA aber immer der gewaltsame Tod lauere, habe er keine andere Wahl gehabt, als die meiste Zeit im Ausland zu verbringen, erklärte er in einer TV-Debatte.

Töten im Namen des Rassismus

Obwohl er seinen Lebensmittelpunkt in Frankreich hatte, war er bestens informiert über die Vorgänge in den USA und in der black community sehr vernetzt. Zwischen 1957 und 1968 hielt er sich deshalb vorwiegend in den USA auf, engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung und zählte Ikonen wie Malcolm X, Martin Luther King jr. und Medgar Evers zu seinem Freundeskreis. Evers wurde 1963 erschossen, King 1965 und Malcolm X 1968. Seither hat das Töten im Namen des Rassismus kaum an Bedeutung verloren; die Ermordung von Rodney King 1991 oder der gewaltsame Tod von Michael Brown 2014 sind nur zwei der prominentesten Todesfälle in diesem Kontext.

Jene fünf Jahre zwischen 1963 und 1968 aber prägten Baldwin besonders. Denn die Bürgerrechtsikonen wurden vorrangig nicht erschossen, weil sie schwarz waren, sondern weil sie das dualistische System aus schwarz und weiß infrage stellten. Baldwin durchschaute das bis ins kleinste Detail. Er stellte die ethisch-moralische Frage nach der gesellschaftlichen Legitimation und den sozialen Folgen der Segregation, die in den USA behandelt wurde, als wäre es eine für sich stehende Geschichte der Schwarzen. Baldwin aber zeigte immer wieder auf, dass die Geschichte der Schwarzen in Amerika die Geschichte aller Amerikaner ist.

Raoul Peck, der auf der Berlinale auch mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ vertreten ist, erzählt diese Geschichte Peck in seinem Film, der Baldwins 30-seitiges Manuskript für ein nie vollendetes Buch mit dem Titel „Remember this House“ zugrunde liegt. In dem Skript arbeitete Baldwin die Verbindungen der mit sehr unterschiedlichen Mitteln und Argumenten agierenden Bürgerrechtler aus. Medgar Evers wählte als NACCP-Akteur den juristischen Weg, Martin Luther King jr. den der integrierenden moralischen Instanz und Malcolm X als Führungsfigur des bewaffneten Widerstands.

Peck bebildert Baldwins Blick auf die amerikanische Geschichte raffiniert und taucht dabei tief in das kulturelle Selbstverständnis des weißen Amerika ein. Er macht dabei eindrucksvoll deutlich, wie festgelegt die Rollenbilder des weißen und des schwarzen Mannes in den populären Massenmedien seit dem frühen 20. Jahrhundert waren. Während die Weißen darin als wehrhafte Helden inszeniert werden, wird den Schwarzen die Rolle des unterwürfigen Sklaven zugeteilt.

Den american dream hielt Baldwin für gescheitert, denn er habe für niemanden das Leben besser gemacht. Statt auf Freiheit und Wohlstand beruht die amerikanische Gesellschaft auf einem Gewaltsystem der Weißen, um die Schwarzen für die Bestätigung der eigenen Perspektive zu nutzen. Das zeigt sich schon in der Sprache, in der bis heute das Wort „Negro“ abwertend verwendet wird. Wo immer es ging, machte Baldwin deutlich „I’m not your Negro!“

Allein Baldwins präzise Analyse der inneren Missverständnisse der amerikanischen Nation, die nichts an Aktualität verloren hat, macht diesen Film sehenswert. Neben den zitierten Perspektiven von Evers, King jr. und Malcolm X sowie der bereichernden Reflektion durch James Baldwin erhält diese gelungene Dokumentation durch die subjektive Annäherung des haitianischen Regisseurs noch eine dritte Ebene. Auf dieser wird die notwendige Verbindung des historischen Bürgerrechtskampfes mit der Gegenwart geschaffen. Denn die allgegenwärtige Präsenz von Barack Obama als erstem schwarzen Präsident hat zwischenzeitlich den Anschein erweckt, das „Negro Problem in America“ bestünde nicht mehr. Der rasant wachsende Einfluss der neuen und alten Rechten unter Donald Trump macht diese Annahme inzwischen schon wieder obsolet, Pecks Film wird dadurch aber nur relevanter.

Amerika müsse sich fragen, was die bestehenden Verhältnisse über die USA als Nation aussagen, erklärt Baldwin bei einem seiner zahlreich zitierten Fernsehauftritte. Zwei weitere Dokumentation auf der Berlinale zeigen, dass diese Forderung bis heute nicht umgesetzt sind.

„Strong Island“

Yance Ford geht in seinem außergewöhnlichen Film „Strong Island“ dem Mord an seinem Bruder William auf den Grund. 1992 wurde William in einer Garage erschossen. Obwohl es ausreichend Indizien für die Hintergründe der Tat und den Täter gab, wurden die Ermittlungen eingestellt. Ein erschossener Schwarzer war es nicht wert, gründlich zu ermitteln. Gleich zu Beginn des Films erklärt die damals ermittelnde Beamtin der Staatsanwaltschaft, dass sie sich zu dem Non-Case nicht äußern und auch für den Film nicht zur Verfügung stehen wird. Ford bleibt daher nichts anderes übrig, als den Fall selbst noch einmal aufzurollen. Sehenswert macht den Film jedoch nicht die Darstellung der mutmaßlichen Ereignisse, sondern die Verbindung mit der innerfamiliären Traumatisierung sowie der fortgesetzten rassistischen Politik in den USA. Im Vordergrund steht dabei Fords Mutter, die ihre Söhne immer im Sinne der republikanischen Werte erzogen hat. Sie muss sich seit 25 Jahren fragen, was all ihr Brennen für die imaginierte Nation genutzt hat, wenn der schwarze Körper und Geist (!) immer noch als minderwertig angesehen wird.

„For Ahkeem“

In dem Dokumentarfilm „For Ahkeem“ erzählen Jeremy S. Levine und Landon Van Soest die Geschichte der 17-jährigen Daje. Das Mädchen wächst in einer schwarzen Nachbarschaft in der Nähe von Ferguson auf, wo Michael Brown 2014 von einem Polizisten erschossen wurde. Sie zeigen Dajes Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit angesichts der existenziellen Bedrohung, der sie auf Straße ausgesetzt ist. Die Namen auf ihrem Schulheft, hinter denen ein Kreuz oder einfach nur RIP gekritzelt ist, symbolisieren das eindrucksvoll. „For Ahkeem“ erzählt mit Hilfe dieses Einzelschicksals, was es heißt, in einem Land aufzuwachsen, in dem der schwarze Körper permanent bedroht ist. Die Auswirkungen der Ghettoisierung und fortgesetzten Segregation über Bildungs- und Sozialsysteme werden dabei eindrucksvoll vor Augen geführt. Untertitel wären für diesen akustisch herausfordernden Film jedoch hilfreich gewesen.

Man könne niemanden in Ghettos einsperren, ohne selbst ein Monster zu werden, erklärt Baldwin am Ende von „I’m not your Negro“. Amerika befinde sich in einer Sackgasse, „denn das, was wir sind hat nichts mit dem zu tun, was wir sein wollen“. Um zu verstehen, warum das so sei, müssen die Amerikaner bereit sein, ihr eigenes Verhalten kritisch zu betrachten und sich zu fragen, warum ihr Leben so leer, so hohl und so wenig einander achtend ist. Dies gilt in bedrückender Weise heute genauso wie vor vierzig Jahren.

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