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Blackout Tuesday
Aus dem Off (12)

Corona-Tagebuchnotizen von Arne Willander: I Contain Multitudes

Man wird sich daran gewöhnen, dass es nun öfter heißt: „Bob Dylan teilt neuen Song.“ Demnächst wird er ein Album teilen. „Murder Most Foul“ ist ein Superhit geworden, Dylans erste Nummer eins – nur eine weitere Bizarrerie in der längsten und wunderlichsten Karriere der populären Musik. Nach seiner „Hamlet“-Pastiche belehnt Dylan nun Walt Whitman und überbietet den amerikanischen Giganten mit dem unsterblichen Vers „I paint landscapes and I paint nudes/ I contain multitudes“. Der Begriff „containment“, gerade häufig verwendet, wird hier in seine vornehmste Bedeutung zurückversetzt.

Über dem gemütlich-beiläufigen Kammermusikstück in seinem bewährten Ich-spiele-nur-noch-Salonnummern-von-vor-dem-Rock’n’Roll-Stil knarzt Dylan gelassen letzte Worte. Während Whitman immerzu überschwänglich Hymnen auf die Natur, Amerika und den neuen Menschen schrieb, singt Dylan einen Hymnus auf die Vergänglichkeit mit dem müden Gestus eines Mannes, der ungefähr 1970 schon alles gesehen hatte: „The flowers are dying, like all things do.“ In Dylans entfesseltem Namedropping fällt auch der Name von William Blake, schon ein Patron von Jim und Van Morrison. Die Typografie in der Annonce für „I Contain Multitudes“ (bereits bekannt von Dylans bisher letztem Album, „Triplicate“) stammt womöglich aus Whitmans, wenn nicht Shakespeares Lebenszeit.

Noch bezwingender als das Lied ist Dylans Hashtag-Parodie bei Twitter

Wie bei den bloß altmeisterlich-anstrengungslos hingetupften Vignetten des späten Leonard Cohen, von Van Morrison, Willie Nelson und Randy Newman erkennt man die unbekümmerte Souveränität des wahren Künstlers, der sich von allen Zwängen und Krämpfen befreit hat. Die epochalen Platten liegen hinter ihnen, nun können sie Epoche machen und jene preisen, die ihnen vorangegangen sind: Sonny Boy Williamson und Frank Sinatra, Cole Porter und Richard Rodgers, Wiliam Blake und John Donne, William Shakespeare und Walt Whitman.

Noch bezwingender als das Lied ist Dylans Hashtag-Parodie bei Twitter, wo er „today and tomorrow, Anne Frank und Indiana Jones, fastcars and fastfood, bluejeans and queens, Beethoven and Chopin, life and death“ mit uns teilt. Widerspreche ich mir selbst?, fragt Walt Whitman. Nun, dann widerspreche ich mir eben! Dylan, ein Gott der Widersprüchlichkeit, sagt: Es ist alles eins. Der Held in Philip Roths Roman „The Ghost Writer“ von 1979 – in dem auch Chopin vorkommt – behauptet, ER habe das Tagebuch der Anne Frank geschrieben.



Corona-Tagebuchnotizen von Arne Willander: German Afternoons

Im Morgengrauen hörte ich die Platte „German Afternoons“ von 1986. Am Dienstag ist John Prine, schon lange schwer krank, in Nashville gestorben, nachdem er sich mit dem Coronavirus infiziert hatte und beatmet worden war. Im letzten Jahr sollte ein Konzert Prines in Berlin stattfinden. Es wurde auf dieses Frühjahr verschoben. John Prine war zu krank. „German Afternoons“ heißt so, weil Prine, der aus Illinois stammte und in den 60er-Jahren bei der amerikanischen Armee in Deutschland stationiert war. Er schrieb dann einige der grimmigsten Songs über die Heimkehrer, nachdem Kris Kristofferson ihm 1970 einen Plattenvertrag verschafft hatte. Es war aber der…
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