Highlight: Song des Tages: „That’s All Right“ von Elvis Presley

Exklusiv im neuen ROLLING STONE: Elvis Presley – Vinyl-Single „Good Rockin‘ Tonight“/„Blue Moon“

Elvis Presleys erste Single hatte in Memphis eingeschlagen wie ein Blitz. Das gewaltige Donnergrollen war noch weithin zu hören, als Sun-Supremo Sam Phillips eilends eine zweite nachlegte, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Mit „That’s All Right“ war die Transformation einer rustikalen Bluesnummer von Arthur „Big Boy“ Crudup in etwas unerhört Neues gelungen, einer spontanen Eingebung folgend, völlig anstrengungs­los und doch ungeheuer mitreißend. Für das Follow-up wählte Phillips mit „Good Rockin’ Tonight“ ein Songvehikel, das ebenfalls in der Rhythm‑&-Blues-Traditionslinie lag und mit seinem libidinösen Innuendo geradezu danach verlangte, in Rockabilly verwandelt zu werden.

Roy Brown hatte „Good Rockin’ Tonight“ 1947 geschrieben und selbst als Jump-Blues aufgenommen, durchaus mit Erfolg. Wynonie Harris, der umtriebige Shouter, machte mit seiner Coverversion im folgenden Jahr dann so vehement Dampf, erzeugte so viel Vortrieb, dass mancher Musikforscher darin heute gar die Geburtsminuten des Rock’n’Roll zu erkennen glaubt.

Elvis Presley sorgte für Ohnmachtsanfälle

Produzent Phillips hatte bei der Aufnahme von „Good Rockin’ Tonight“ im September 1954 besonderen Wert darauf gelegt, dass Scotty Moore sein an Chet Atkins geschultes feingliedriges Finger­picking zugunsten von mehr Sturm und Drang aufgab, und so schlug der Gitarrist geradewegs den Beat in die Saiten, mit mehr Schärfe, als es die Bläser der Jump-Blues-Vorläufer vermocht hatten, während Bill Blacks pneumatischer Slap das Tempo hoch hielt.

Elvis, der jugendliche Eroberer, legt sich mit Aplomb in die Absichtserklärung, gibt sich siegesgewiss hinsichtlich der ersehnten Wonnen, gerade so, als hätte er den Song in diesem Moment selbst kreiert. Und ging es nach den weiblichen Fans, die sich vom brünstigen Trachten persönlich angesprochen fühlten, dann hatte er ebendas. Presleys insistent repetiertes „we’re gonna rock“ klang in ihren Ohren wie ein süßes Versprechen, das bei späteren Auftritten manchen Ohnmachtsanfall auslösen sollte.

Was Elvis bewogen hatte, ein paar Wochen zuvor ausgerechnet „Blue Moon“ aufzunehmen, ­eine bekannte Schmonzette aus der Feder von Richard Rodgers und Lorenz Hart aus dem Jahre 1934, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es sei ein Lieblingslied seiner Mutter gewesen, ­wurde gemutmaßt. Selbst Sam Phillips konnte sich später nicht mehr erinnern, welche der zahlreichen veröffentlichten Fassungen des Standards für Elvis’ Version Pate gestanden haben mochte. Immerhin hatten sich zahlreiche Sänger daran versucht, nicht zuletzt Frank Sinatra, Billy Eck­stine und Ivory Joe Hunter.

Aus Schmus wurde Schmerz

Welche Interpretation es auch war, die Elvis zu seiner überaus eigenwilligen veranlasste, er nahm sich die Freiheit einer musikalischen wie lyrischen Umdeutung. Die Ballade mutierte zum Blues, die Bridge wurde abgerissen, die letzte Strophe samt Happy End ersatzlos gestrichen, aus zagem Sehnen wurde unstillbares Verlangen, aus Schmus wurde Schmerz.

Die sparsam und stoisch hingezupften Töne mit leisem Echo, der Verzicht auf jedes schmeichelnde Beiwerk, des Sängers unvermitteltes Kippen in die Kopfstimme, die sich schließlich via Fade-out in der Ferne verliert: Alles berichtet von Verlust und Verlorenheit. Und von Verwundbarkeit. Nie mehr danach hat man Elvis so seelenschürfend erlebt, so ganz ohne Bravado, so sehr in den Grundfesten erschüttert, bloß heulendes Elend.

Josh Homme, der „Blue Moon“ bewundernd über sämtliche andere Elvis-Tracks stellt, begründet seine Faszination denn auch mit der verstörenden Wirkung, die diese aufs Songskelett reduzierte Fassung des künftigen King stets unweigerlich auf ihn habe. Und die ihn jedes Mal erneut wütend mache auf Leute, die behaupten, ausgerechnet Elvis habe mit seiner Musik die Schwarzen bestohlen. Was der 19-jährige weiße Junge aus Tupelo/Mississippi mit einer Stimme wie schwarzer Honig hier am Firmament aufhänge, sei weder weiß noch schwarz, vielmehr „such a fucking blue moon“.

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