Deep Purple im Interview – „Turning to Crime“ hier gewinnen


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„Turning to Crime“ ist das erste Cover-Album von Deep Purple. Die Aufnahmeprozesse waren – wie so vieles in der letzten Zeit – deutlich erschwert, weil sich die Band nicht im Studio zusammenfinden konnte – wenngleich Ian Paice das einzig verbliebene Gründungsmitglied ist. Der 73-Jährige gibt sich optimistisch, was das nächste Jahr bringt. Wir haben mit ihm gesprochen – und manchmal an ihm vorbei.

Haben Sie heute schon Musik gespielt?

Ian Paice: (lacht und schweigt erstmal). 

Mit „Turning To Crime“ haben Sie eine ganze Reihe an Songs aus verschiedenen Epochen gecovert. Alle Bandmitglieder sind sich einig, dass diese Auswahl eine ganz persönliche ist.

Wir haben alle ein paar Ideen in den Raum geworfen und es gab natürlich unzählige anderer Ideen, die wir hätten mit einfließen lassen können. Im demokratischen Verfahren haben wir die Auswahl dann letztendlich festgelegt. Ich meine, Ian Gillan und ich hatten beide fünf dazugesteuert und keiner wurde genommen (lacht) – mal gewinnste, mal verlierste.

Welche Songs haben Sie dazu beigesteuert?

Ich habe „Dixie Chicken“ vorgelegt, Don und ich haben uns für „Let’s the Good Times Roll“ ausgesprochen. Was haben wir noch zu verantworten? (denkt nach) Ich glaube, ich hatte „Jenny Takes a Ride“ eingeworfen, aber ich bin mir gerade nicht sicher. Es gab drei oder vier andere Stücke, die nicht genommen wurden, und ich habe komplett vergessen, welche das waren (schmunzelt).

Gute Wahl. Welche Herausforderungen haben sich bei der Konzeption der Platte gestellt? Wie war …

… der Prozess? Der Prozess, naja, irgendwann hatten wir uns entschieden, dass wir etwas tun mussten und nicht auf unseren Ärschen rumsitzen und faulenzen konnten. Das war eine lange Zeit, wir standen seit (denkt nach) Dezember 2020 nicht mehr auf der Bühne. Und es gab einfach keine Möglichkeit, zusammenzukommen und Songs zu schreiben. Wir haben nicht den einen Songwriter – bei uns ist das eine Kombination aus all unseren Ideen. Also blieb uns nichts anderes übrig, als aus der Ferne zu arbeiten – alle verteilt in ihrer eigenen kleinen Welt – und uns Songs auszusuchen, die wir schon kannten.  Es gab in jedem Fall viel Spielraum. Darum sind die Songs auch so unterschiedlich.

„Dieser Moment existiert nur kurz, dann ist er weg.

Jeder der Musiker erstellte zwei oder drei Demos und schickte sie mir zu; sehr, sehr einfache. Damit wir das Tempo bestimmen konnten – also nur ein grundlegendes Fundament. Ich musste die Drums dafür als erstes einspielen. Das hat alles geklappt, der schwierigste Teil dabei war aber, sich vorzustellen, wie die anderen Instrumente dazu klingen würden. (Wecker klingelt) Oh, das war meine Erinnerung für unser Treffen (lacht). Als ich also im Studio saß, mit Kopfhörern auf, wusste ich natürlich, dass ich erstmal ein Demo  aufnahm, aber ich musste schon überlegen: „Hier könnte das Solo sein“, und so weiter. Das war also ein bisschen schwierig. Man musste sich die Dinge vorstellen, die noch nicht da waren.

Sich die entsprechenden Sounds auszumalen waren also schwer. Gab es auch Vorteile, nicht beieinander im Studio zu sein?

Klar, es gibt da Vor- wie Nachteile. Der Nachteil ist, dass du keinen Augenkontakt mit denjenigen im Studio hast. Wenn man lange zusammen spielt, dann gibt jeder von uns nonverbale Zeichen, die ankündigen, dass jetzt etwas passieren wird. Man weiß nicht was, aber irgendwas wird passieren – vielleicht nur dieser Schnipsel, der jetzt schneller gespielt wird. Und dieser Moment existiert nur kurz, dann ist er weg. Wenn man in seinem eigenen kleinen Raum sitzt, geht das nicht. Was aber geht, ist so viel Zeit für den eigenen Part zu nehmen, wie man braucht. Wenn man was zum 15. Mal versuchen möchte, geht das [im Studio] manchmal nicht. Alle werden gelangweilt, alle wollen lieber was anderes machen, vielleicht in eine Bar gehen und sich lieber ein Bier schnappen. Und wann man alleine ist und es zum dreißigsten Mal versucht, kann man das machen, weil es keinem auf den Sack geht. Das ist der Vorteil. Wenn ich abwägen müsste, bevorzuge ich es aber, dass wir alle zusammen sind. Gerade wegen dieser kleinen Momente, in denen diese Art der Interaktion schlichtweg passiert. Außerdem: Wenn man etwas ändern will und man im gleichen Raum sitzt, dauert das vielleicht zwei Minuten. Wenn man tausende Meilen voneinander entfernt ist, muss man E-Mails hin und herschreiben und das dauert ewig.

In Zukunft sehen Sie sich also eher wieder im Studio? Zum Beispiel mit Produzent Bob Ezrin?

Auf jeden Fall. Mit Bob zusammenzuarbeiten ist super, weil er nicht einfach nur im Studio sitzt und aufnimmt, er sagt einem auch, wenn man etwas falsch macht. Das soll nicht heißen, dass er dem dann negativ gegenübersteht. Er kann dir auf musikalischer Ebene sagen, dass etwas nicht funktioniert und auch warum nicht. Also warum es rausgenommen, neu gedacht oder neu aufgenommen werden sollte. Und das ist verdammt hilfreich, weil es einem erspart, seine Zeit zu verschwenden.

Im Studio ziehen also alle an einem Strang, um das Beste rauszuholen.

Klar, man versucht immer das Bestmöglichste herauszuholen. Niemand würde sagen, „Lass uns das hier vor die Wand fahren.“ (lacht) Natürlich gibt es nur ein paar wenige Alben, bei denen jeder die Hundert Prozent geben konnte, die er oder sie wollte. Was man aber in jedem Fall braucht, um diese 100% zu erreichen, ist eine Sachlichkeit im Ton – außerhalb der Band. Die dir die Wahrheit sagen kann, ohne dass man Angst haben muss, dass jemand wütend seine Gitarre auf den Boden schlägt und dann aus dem Studio stürmt. Es kommt auf die Gemeinschaft an. Und für diese zwei, drei Wochen ist Bob das sechste Bandmitglied geworden. Und sein Input ist so viel wert, wie der von jedem anderen. Es ist ein schönes Gefühl, diese externe Kontrolle. Manchmal ist es eben schwierig, bandintern Dinge zu klären, weil der eine den anderen schwer kritisieren kann. Wenn das von außerhalb kommt, kann man es vielleicht leichter akzeptieren.

„Warum nicht alle aneinanderkleben?“

Dafür brauch es aber auch die nötige zwischenmenschliche Beziehung.

(wartet) Die wächst. Das erste Album, das wir mit Bob gemacht haben, wann war das, 2012, da haben wir uns gegenseitig erstmal kennengelernt und auch die Prozesse. Aber nach einer Woche in der Vorprodukten war dann schnell klar, das er eben weiß, wovon er spricht. Damit meine ich nicht nur den Studioklang, ich rede von Musik. Sowas wie: „Na. Der Wechsel zum C ist nicht so …“, also, er wusste auch auf musikalischer Ebene Bescheid. […] Dann hört man es sich an und denkt: „Klar, er hatte Recht.“ Er ist ein wichtiger Teil im Studio. Und falls wir – hoffentlich – jemals wieder ins Studio gehen, dann wird das mit Bob sein. Ich würde (beginnt zu schmunzeln) nicht sagen, dass er vielleicht der Einfachste in der Zusammenarbeit ist, aber er ist definitiv jemand, der das Beste aus allen Beteiligten herausholt. Und das ist recht schön.

Lassen Sie uns nochmal zurück zur Platte gehen, genauer zur Song-Auswahl des Coveralbums. Da sind Tracks dabei wie „Shapes of Things“, der vielleicht erste, populäre Psychedelic-Rock-Song. „Caught in the Act“ ist auch ein interessantes Stück, das Medley, bei dem sich Freddy Kings „Going Down“ mit Booker T & the MGs und weiteren vermischt. Der Track ist übrigens super.

Fantastisch.

Wie kam diese Form der Neuinterpretation zustande?

„Shapes of Things“ war die Idee von Steve [Morse], er liebte das Yardbirds-Ding, aber vor allem die Art, wie Jeff Beck sie kopierte – zusammen mit Rod Stewart. Also vermengten wir beide in gewisser Weise zu einem. Das hat Spaß gemacht. Und das Medley-Ding: Manchmal, wenn wir eine Show starteten, hatten wir Lust, ein wenig rumzujammen. Das sind manche der Stücke, in die wir uns dann einfach spontan stürzen. Ich meine, mittlerweile sind die auch nicht mehr spontan. Aber es gab eben bei allen ein erstes Mal: Jemand begann etwas zu spielen und die anderen machten mit. Und wir dachten, dass eine Menge Leute, die zu den Live-Shows gekommen sind, vielleicht einen dieser Tracks hören wollen würden. Und anstatt nur fünf auszuwählen, dachten wir uns: „Warum nicht alle aneinanderkleben?“

Klingt gut.

Ja, das macht Spaß.

Im nächsten Jahr spielen Sie auch einige Shows in Deutschland?

Ja, wir sollten da im Sommer starten. Erst ein paar Festivals, dann ein paar Solo-Shows in Europa. Wir hatten jetzt zwei Jahre Pause, die es wieder aufzuholen gilt.

Klar, das war eine harte Zeit für’s auf-der-Bühne-stehen. Oder eben nicht auf der Bühne stehen.

Es war eine harte Zeit, nicht auf der Bühne stehen zu können. Im Studio zu arbeiten – zumindest als Drummer – ist einfach. Man hört alles klar in den Kopfhörern. Man muss nichts transportieren, man kann ruhig für sich selbst spielen. Aber als Rock&Roll-Band projiziert man etwas von der Bühne ins große Publikum. Das bedeutet, man macht „mehr“. Andauernd. Das bedarf einer Menge physischer Kraft. Wenn man sowas länger nicht macht, verliert man diese physische Kraft. Im Studio braucht man die nicht. Man spielt angemessen leiser – wissentlich, dass man in diesem Raum ist und die Mikrofone ihre Arbeit machen. […] Sagen wir, man ist ein Athlet, und man ist seit sechs Monaten keine Hundert-Meter-Strecke mehr gelaufen. Das funktioniert nicht.

Die Routine fehlt.

Genau. Ich meine, ich habe Ende dieses Jahr ein paar Shows mit meiner Tribute-Band, und das macht Spaß, und es bringt mich zurück auf die Bühne. Und es lässt meine Arme und Beine nicht vergessen, was sie dort zu tun haben – vor einem Publikum. Diese paar Shows sind unbezahlbar. Das gibt mir die Möglichkeit, nächstes Jahr wieder vorbereitet zu sein. Das ist einfach etwas anderes als bei Proben; bei Proben spielt man auf eine ganz andere Weise. Man verhält sich anders, als vor einem Live-Publikum. Wissen Sie, spielen ist alles. Ich mache nichts anderes. Ich koche ein bisschen in der Küche, quatsche dabei. Manchmal schaue ich Sport im Fernsehen, liege manchmal in der Sonne. Aber das war’s. Das ist mein Leben: Der Rest ist Musik. Schlagzeug spielen. Und wenn ich das nicht mache, ist da ein großes Loch. 

Vielen Dank für das Gespräch. Die Zeit ist leider um, ich muss mich verabschieden.

Ach, der nächste Kerl kann warten. Stellen Sie ruhig noch eine letzte Frage.

Okay, vielleicht noch eine kurze persönliche: Was haben Sie während des Lockdowns – abseits der Musik – besonders vermisst?

Ich muss sagen, ich habe, was das angeht, sehr großes Glück gehabt. Ich habe ein großes Haus, einen großen Garten. Für mich war der Lockdown nur ein bisschen langweilig. Es war nicht hart. Ich konnte im Garten herumlaufen, ich konnte nur nicht über die Grenzen der Eingangstore hinaus. Darum bin ich nicht in der Position, mich für irgendetwas zu beschweren oder einen großen Aufstand zu machen. Aber ich fühle mit denen mit, die in Hochhäusern leben; in Großstädten. Es muss sich wie im Gefängnis angefühlt haben. (Hunde beginnen zu bellen) Was ich realisiert habe, ist, dass mein Erfolg und meine Karriere es um einiges leichter für mich machten, als es für viele andere Menschen gewesen sein muss. Und ich weiß dieses Privileg sehr zu schätzen, dass ich habe. 

Gewinnen

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