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RS Story

Joe Jackson: Das sensible Chamäleon

🔥Perfect Album Closer: 15 großartige Schluss-Songs auf Platten

ROLLING STONE 11/1994 – ein Artikel aus dem RS-Archiv

Der frühvergreiste Säugling windet sich. Er spreizt die Extremitäten wie ein Laokoon. Sein Blick irrt im Zimmer umher. Die Äuglein blicken misstrauisch und lauernd aus dem blassen Gesicht. Joe Jackson fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Er fühlt sich nicht wohl in dem herrschaftlichen Hotel. Er fühlt sich nicht wohl mit dem Fragesteller. Und manchmal fühlt er sich nicht wohl in seinem Leben.

Es war noch nie einfach mit Joe Jackson, dem Nonkonformisten, dem Chamäleon, dem Sensibilisten. Ende der siebziger Jahre, als die New Wave im Schwange war, überraschte der spillerige Absolvent der Royal Music Academy mit einem harschen Beat-Album voller Zorn und Chuzpe: „Look Sharp!“ hieß die Maxime, und messerscharf schrie Jackson seine gesammelten Bosheiten über „Happy Loving Couples“ und verlogene „Sunday Papers“ hinaus. „Tell me one more time that love was only my illusion“, giftete er trotzig gegen ein imaginäres Objekt seiner Begierde, und die Trauer und Eifersucht in „Is She Really Going Out With Him?“ summierte exemplarisch allen spätpubertären Weltschmerz.

Joe Jackson hatte es bis ins Radio gebracht

Noch im selben Jahr legte Jackson mit „I’m The Man “ ein linkisch hybrides Hassprogramm nach: „Don’t you know you can’t get near me/ You can only hope to hear me on the radio“- das war den Qualen des Schülers geschuldet, der ehrfurchtsvoll Beethoven lauschte, während die Gleichaltrigen den Schmierlappen Eric Clapton für Gott hielten. Die Attitüde war die eines Schlehmils, die Krawatten waren bunt und lustig. Joe Jackson hatte es bis ins Radio gebracht. Er hatte sich gerächt.

Dann kam die Kunst. Mit „Night And Day “ und einem spektakulären Auftritt im geriatrischen „Rockpalast“ wurde Jackson 1983 populär, der Song „Steppin‘ Out“ zum Hit. Danach: Experimente, Vermischtes, Live-Aufnahmen, Kunsthandwerk, Sophismen, Filmmusiken, die Instrumentalplatte „WillPower“, die fiktive Autobiographie „Blaze Of Glory“ und schließlich das letzte, tragisch missglückte Album „Laughter & Lust“, ein Anbiederungsversuch beim Gesamtrocktrottel, den Jackson selbst für „leichtgewichtig“ hält: „Ich habe es beinahe bereut. Einige Songs auf dem Album zählen zu meinen besten, aber insgesamt war es ein Fehler, den Massen etwas bieten zu wollen, das sie verstehen und mögen können. Dabei waren die Verkäufe, jedenfalls in den USA, nicht besonders gut“



Perfect Album Closer: 15 großartige Schluss-Songs auf Platten

The Clash – “Train in Vain (Stand by Me)” vom Album „London Calling“ (1979) https://www.youtube.com/watch?v=q3Yl4ehzX-o Das letzte Lied von „London Calling“ ist schamloser Pop. The Clash bedienen sich bei sämtlichen populären (afro)amerikanischen Genres und behalten von jedem das Beste: vom Disco den Beat, vom Funk das Lead-Gitarren-Motiv, vom Soul den bettelnden Gesang, vom Blues die Mundharmonika und das Riff, vom Gospel die repetitive Coda. Sie vermischen diese Elemente zu einem für sie so seltenen Liebeslied und daraus wird – richtig! – schamloser Pop. Elliott Smith – “Say Yes” vom Album „Either/Or" (1997) https://www.youtube.com/watch?v=NcalJSO6jDY “Say Yes” beginnt als einfache Gitarrenballade. Wenn…
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