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Kommentar

Das Pflege-Special ist der größte Coup von Joko & Klaas


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Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sind Clowns. Da sollte man sich nichts vormachen. Sie sind Unterhaltungskünstler mit einem vielleicht einzigartigen Draht zu einer jungen und jüngeren Generation. Seit einiger Zeit zeigen sie sich aber auch von ihrer anderen Seite, oder präsentieren das vielleicht gar politische Anliegen ihres Haussenders ProSieben unter ihrem Namen.

Mit „Joko & Klaas gegen ProSieben“ setzt das Komiker-Duo einen neuen Impuls. Gelingt es den beiden, die Show, bestehend aus oft albernen Spielen und Wissenstest, zu gewinnen, erhalten sie 15 Minuten Sendezeit zur Primetime zur eigenen Verfügung. Was nun der Privatsender am Mittwoch (31. März) unter dem Motto #NichtSelbstverständlich zeigte, ging weit über diese Tagesschau-Länge hinaus.

In sieben Stunden bis weit in den Morgen hinein zeigten Joko und Klaas den quasi in Echtzeit dargestellten Berufsalltag von Meike Ista, Fachgesundheits- und Kinderkrankenpflegerin für Intensiv- und Anästhesiepflege im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster.

Keine Reportage, keine Doku – stattdessen Einblick in das Brennpunktgebiet Pflege. Ummantelt wurde das Geschehen, das mit einer an der Protagonistin befestigten Kamera detailgetreu ihre Perspektive auf Krankheit und Gesundung ihrer Patienten, aber auch den Wust an Bürokratie einnahm, von Interviews mit weiteren Pflegern, die auf den skandalösen Pflegenotstand in diesem Land aufmerksam machten.

Joko & Klaas zeigen den Pflegealltag ungefiltert

Der gesellschaftspolitische Sprengstoff hinter dem Thema ist bekannt, für die moralische Message (Pfleger reißen sich für uns täglich den Arsch auf, sie sollten dafür auch entsprechend bezahlt werden) hätten wohl auch 15 Minuten ausgereicht. Tenor: Klatschen in der Pandemie ist gut und schön, aber letztlich keine Hilfe. 24 Tage am Stück zur Arbeit zu gehen, wie von einem Pfleger im Zusammenhang mit der zweiten Corona-Welle im Herbst zu hören ist, würde wohl den meisten Menschen Angst bereiten oder die Zornesfalten ins Gesicht treiben. Dann lieber 24 Tage am Stück Urlaub. So etwas kennen Pfleger nicht.

Aber der Appell, der das Fernsehstück natürlich begleitet (und im Grunde politischer Mainstream ist, wie zahlreiche anerkennende Tweets von ranghohen Politikern zeigten; freilich ohne dass Entscheidendes beschlossen würde, um die Krise, die ja nicht nur eine der Bezahlung ist, zu bessern) ist nicht der Grund, warum dieses TV-Special, aufgenommen am 18. März, zu Recht zu einem Höhepunkt des an Höhepunkten wahrlich armen Privatfernsehens geworden ist.

Ohne Filter wird hier gezeigt, wie Menschen arbeiten, wie sie kommunizieren, wie sie versuchen, die Schwierigkeiten des menschlichen Miteinanders zu bewältigen, die im Angesicht einer Naturkatastrophe, die alle gleichermaßen treffen kann, nicht einfacher geworden sind. Von den natürlich auch mit Betroffenheit spielenden Beiträgen etwa zur Flüchtlingssituation vor den Toren Europas unterscheidet sich dieses Szenario dadurch, dass hier nicht nur zu Mitgefühl aufgerufen wird, sondern Einsicht geschenkt wird. Der Zuschauer erlebt etwas, das er ansonsten nur erfahren würde, wenn er selbst in die Situation geraten ist.

Arbeit spielt im TV kaum mehr eine Rolle

Genau das ist engagiertes Fernsehen: Menschen vor der Mattscheibe zu berühren, sie über etwas nachdenken zu lassen, über das viele eine Meinung haben, aber selten genügend Erfahrung, um es auch erfassen, geschweige denn bewerten zu können. Mit den Augen von Meike Ista lässt sich erkennen, warum es nicht um ein paar Euro mehr auf der Gehaltsabrechnung geht. In der Behandlung von Schwachen zeigt sich die Größe und vor allem die Würde einer Gesellschaft. Diese Würde wird nicht im Bundestag verteidigt. Sie wird von Menschen in ihren sozialen Berufen jeden Tag mit Leidenschaft und Resilienz gegenüber den täglichen Dramen erkämpft. Dafür benötigt es genügend Arbeitskräfte und die richtigen Arbeitsbedingungen.

Dazu kommt, dass die Vorstellung von Arbeit in Filmen und Serien, leider aber auch in zahlreichen Dokumentationsformaten im TV, oftmals im Klischee erstarrt oder nur als Randerscheinung auftritt, um über vermeintlich größere Themen des Lebens zu sprechen. Das ist ein Fehler, weil gerade am Arbeitsplatz sich viele gesellschaftliche Prozesse entladen – solche, die für Emanzipation sorgen, aber auch jene, die Menschen an angeblich alternativlose Zustände ketten.

Joko & Klaas haben ihre Komfortzone verlassen und für einen Paradigmenwechsel gesorgt, in dem sie nicht nur Zeugen und Aktivisten sprechen lassen haben. Sie haben den Finger in die Wunde gelegt. Sie haben gezeigt, was ist. Sieben Stunden lang. Ohne Werbeunterbrechung. Ohne eindeutige Botschaft. Mehr kann Fernsehen nicht erreichen.

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