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Kommentar

Disney verdrängt seine eigene Vergangenheit


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Disney ist schon länger der größte Medienkonzern der Welt. Das Unternehmen ist nicht mehr mit der visionären, aber schon damals keinesfalls zimperlich auftretenden Kreativschmiede zu vergleichen, die einst Walt Disney gründete und bis zu seinem Tod 1966 anführte. Das Unternehmen unter Führung von Bob Iger hat sich einige der größten Marken der Kino- und Fernsehwelt einverleibt (von Marvel und Pixar über „Star Wars“ bis hin zu den „Simpsons“) und wird nun mit seinem neuen Streaming-Dienst Disney+ die Karten auf dem Markt neu mischen – ohne Zweifel zu seinen Gunsten!

Die Corona-Pandemie hat hier nur eine längst angelegte Entwicklung beschleunigt: Disney zeigte mangels Möglichkeit zur Kinoauswertung seine potentiellen Blockbuster „Mulan“ und „Soul“ direkt seinem Heimpublikum und will davon auch in Zukunft nicht mehr lassen (Nachahmer stehen schon bereit). Das Kino – es ist nur noch eine Alternative von vielen für Disney. Dabei hat es doch über Jahrzehnte Millionen von Kindern erst dazu gebracht, zum ersten Mal die Magie einer großen Leinwand und überhaupt die Freude eines Kinobesuchs mit der Familie zu erleben. Popcorn, Lachen im Chor und intensive anschließende Diskussionen über das Erlebte inklusive.

Mit Disney+ begann eine neue Zeitrechnung

Doch das ist Disney nicht mehr das Wichtigste. Die Vordenker der gar nicht mehr winzigen Traumfabrik in der Traumfabrik wollen ihre Marken stärken, die aufwändig produzierten Kinofilme sind nur eines von vielen Produkten im heiß brodelnden Content-Kessell. Seit Jahren werden Serien, Kurzfilme und Dokumentationen vorproduziert, um Disney+ in kürzester Zeit zum Marktführer zu machen und die Platzhirsche Netflix und Amazon zu verdrängen. Das könnte gelingen. Die Nutzerzahlen sind bereits über den Erwartungen.

Dabei setzt der Micky-Maus-Konzern, der von seinen einstigen Glücksbringern schon lange nichts mehr wissen will (und stattdessen auch auf „erwachsenere“ Ware vertraut), natürlich auch auf die ruhmreiche Vergangenheit. Sämtliche Zeichentrickfilme und Spielfilmproduktionen sind im Archiv bei Disney+ abrufbar. Oder doch nicht?

Wie schon im Oktober 2020 bekannt gegeben wurde, sorgt sich Disney angeblich um seine unschuldigen Zuschauer und möchte sie nicht mit unzeitgemäßen oder klischeehaften Darstellungen bedrängen. Deshalb gibt es zu einigen Filmen, darunter „Peter Pan“ und „Dumbo“, Hinweistafeln, die historische Kontexte klären sollen oder verschämt auf die eigene Fehlleistung hinweisen, etwa rassistische Darstellungen von amerikanischen Ureinwohnern oder beschönigende Inszenierungen von Sklavenarbeit zu zeigen.

Disney-Klassiker „Dumbo“ aus dem Jahr 1941.

Kontroversen sollen vermieden werden

Zunächst hatte der Konzern nach dem Start von Disney+ in seiner Mediathek sogar Szenen herausgeschnitten, dies aber nach empörten Reaktionen wieder eingestellt. Eine Erfahrung, die ja auch schon Steven Spielberg mit seiner Neufassung von „E.T.“ machen musste, als er digital die scharfen Waffen von Polizisten mit Wasserpistolen ersetzte.

Ein zumindest in technischer Hinsicht beeindruckender Film aus dem Jahr 1946 bleibt für immer im Giftschrank: „Onkel Remus Wunderland“. Die Mischung aus Spiel- und Animationsfilm, Blaupause für spätere Großwerke wie „Marry Poppins“, verharmlost für jeden ersichtlich das Zusammenleben afrikanischer Südstaatensklaven in den USA. Disney ist das heute peinlich.

Seit jeher beruht das Erfolgskonzept der Walt Disney Company auf dem ehrgeizigen Bestreben, ambivalente künstlerische Tendenzen großer literarischer oder künstlerischer Vorlagen zu beschneiden und sie mit sorgfältig zurecht gerührten Ingredienzien einer zeitgemäßen gesellschaftlichen Konformität umzudeuten. Da gibt es zumindest theoretisch keinen Unterschied zwischen „Pinocchio“ und der „Eiskönigin“, wobei das intellektuelle Erbe europäischer Erzählungen inzwischen noch rustikaler und künstlerisch eher selbstreferentiell, also auf die eigene Werkgeschichte bezogen, angefasst wird.

Doch was heißt es nun, wenn sogar Kindern, die doch die Kernzielgruppe von Disney sein müssten, denen seit dem ersten Meilenstein „Steamboat Willy“ im Jahr 1928 ein einzigartiges Identifikations- und Initiationsangebot gemacht wird, verwehrt wird, bestimmte Disney-Filme zu sehen, nur weil sie möglicherweise einen falschen Eindruck vermitteln könnten?

Disney verbietet Kindern, eigenständig nach „schwierigen“ Disney-Klassikern zu suchen

Wie jeder Nutzer ausprobieren kann, können manche Filme nicht mehr gefunden werden, wenn man sie über zuvor gestaltete Kinderprofile zu suchen gedenkt, wie der „Spiegel“ berichtet. „Dieser Titel kann leider nicht aufgerufen werden, da er gegen deine Profileinstellungen für die Kindersicherung verstößt“, heißt es dann.

„Aristocats“ und „Susi und Strolch“ – nichts für die Kleinen, weil hier Katzen als herablassende, rassistische Karikaturen zu verstehen sind? Arbeiten Cartoons und Zeichentrickfilme nicht seit Anbeginn mit solchen Klischees, weil (visueller) Humor nun einmal oft darauf abzielt, Fremdes zu verspotten oder zu verunglimpfen, auch weil man es als gefährlich betrachtet? Ist Disney nicht seit jeher dafür kritisiert worden, Kulturimperialismus par exellence zu betreiben?

Wo einst die Botschaft klar war, dass wir alle eins sein können trotz all unserer Unterschiede (nämlich im Kinosaal, dem einzigen Ort, wo es keinen Unterschied macht, welche Hautfarbe und welches Geschlecht die Zuschauer haben, weil nur die Leinwand leuchtet und ansonsten alles verdunkelt ist), muss jetzt die Losung her, dass wir viele(s) sind und sein dürfen – und Disney alle zu seinem eigenen Vorteil in den Arm nimmt.

Natürlich sollte nichts dagegen sprechen, Eltern zu sensibilisieren für Inhalte, die Kinder nicht so leicht ergreifen und verstehen können. Auch wenn es sich um die Goldstücke des eigenen Archivs handelt. Doch dahinter versteckt sich auch das geradezu panische Bestreben, mit den Ungereimtheiten der Vorzeit nichts mehr zu tun haben zu wollen. Disney verdrängt seine eigene Vergangenheit, in dem es ausgerechnet jenen den Zugang versperrt, für die diese Filme immer gedacht waren.

Szene aus „Aladdin“
Szene aus „Aladdin“

Ersetzen, was ersetzt werden kann

Noch vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass Disney-Filme mit Anleitung gesehen werden wollen. Zur Zeit bezieht sich die Aufmerksamkeit vor allem auf rassistische Stereotype und den Mangel an sexueller Diversität. Der Konzern versucht dem mit Neuproduktionen, die sich von solchen Klischees weit entfernen, zu begegnen.

Aber das Füllhorn an auch im Zeichentrickfilm kontroversen Darstellungen und impliziten Querverweisen ist reich gefüllt. Die Pädophilie-Diskussion um die Autoren von „Peter Pan“ und „Alice im Wunderland“ wurden schon zu ganz anderen Zeiten geführt; nur weil die Inszenierung sich von der Vorlage entfernt, heißt es nicht, dass die Diskussion sich nicht auch hier in eine andere Richtung bewegen kann. Werk und Autor zu trennen kommt in Zeiten moralistischer Kontextbetrachtung aus der Mode, wie zuletzt auch die Erben von Roald Dahl erfahren mussten. Die misogyne Imagination von hexenähnlichen Frauen als Gegenspielerinnen (Cruella DeVil!) wird wohl auch nur so lange nicht bemüht, wie der merkwürdig gegenläufige Trend zur verbindlichen Differenzierung der Geschlechter vor allem in ganz jungen Jahren anhält. Die oft holzschnittartigen „Prinzessinnen“-Filme von Disney sind im Katalog die erfolgreichsten.

Betrachtet man nun aber das Unsichtbarmachen einiger erklärbedürftiger Filme im Streaming-Bereich im Zusammenhang mit den zahlreichen Live-Action-Filme, die Disney in den letzten Jahren inflationär in Auftrag gegeben hat, dann wird die Strategie deutlicher: Hier soll überschrieben werden, was nicht mehr zum Zeitgeist passt. Disney will anscheinend seine eigene Vergangenheit verdrängen, um in den nächsten Jahren erfolgreich zu bleiben.

Disney
Photo Credit: Daniel Smith Walt Disney Company

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