Die besten deutschen Songs aller Zeiten: Nina Hagen – „TV-Glotzer“


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Die Verpuppung der Nina Hagen erfolgte 1976 in West-Berlin, nachdem kurz zuvor ihr Stiefvater Wolf Biermann in die Bundesrepublik ausgebürgert worden war. Nach kurzem Abenteuer in Großbritannien gründete Hagen, die schon in der DDR gesungen hatte, die Nina Hagen Band, zu der auch die Mitglieder der später gegründeten Band Spliff gehörten.

Insbesondere das erste Werk, „Nina Hagen Band“ von 1978, war eine Sensation: Hagens exzentrischer Gesang samt Bürgerschreck-Habitus waren deutscher Punk, den ihre allerdings kein bisschen punkigen Mitmusiker in einen kompetenten Mix aus Rock’n’Roll, Dub und Reggae kleideten – all das war unerhört.

Ein Punk-Ersatz für „Brigitte“-Leserin­nen muss nicht schlecht sein. Die kleine Nina von drüben, 23 und bemalt wie ein toter Zirkusclown, singt bis zum viergestrichenen Opern-C über Durcheinander-Sex, Lesben-Dates, Abtreibung und Frauenaufstand. Ihr Slapstick-Humor macht den Unterschied.

Wildromantisch und nonkonform

Nicht zuletzt war Hagen eine famose Sängerin, die in ein und demselben Lied klassische Register ziehen, das deutsche Kunstlied imitieren und ungehemmt brüllen konnte. Wie wildromantisch, befreiend nonkonform und musikalisch begeisternd das war, kann man heute nur noch ahnen, weil wir die Hagen zu oft in Talk-Shows über Ufos, Esoterik usw. haben reden hören. Damals aber war sie die Godmother of German Punk.

Das beste Lied des Debüts ist „TV-Glotzer“, eine deutsche Version des Tubes-Klassikers „White Punks On Dope“. Hagen singt über den Konsum-Menschen, erinnert sich ans Westfernsehen-Gucken in der DDR, dazu spielen Mitteregger & Co. die angloamerikanischen Licks mit fast amüsierter Mühelosigkeit.

Schon ein Album später lagen sich Band und Künstlerin in den Haaren – das trotzdem gute Album „Unbehagen“ (1979) entstand zunächst ohne die Sängerin, die stattdessen anschließend über die fertigen Playbacks sang.


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Hagen ging nach New York, ließ sich von Starproduzenten und -designern zur Punk-Diva stilisieren und begann eine musikalisch leider wenig beglückende Reise, auf der sie ihr Gesangstalent nur noch selten unter Beweis stellen konnte.