Wie gut ist Peter Jacksons Beatles-Saga „Get Back“?


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Man sagt ja, dass Mythen am besten im Verborgenen blühen. Dass in unserer Gegenwart, in der alles fotografiert und gefilmt, in Echtzeit übertragen und kommentiert wird, der Zauber verloren gegangen ist, weil es keinen Platz mehr gibt für die Fantasie, die die leeren Stellen einer Geschichte ausmalen und sie so größer machen kann, als sie wirklich war. Brian Wilsons unvollendetes „Smile“-Album oder die Aufnahmen, die Bob Dylan in der Einsiedelei der Catskill Mountains mit seinen Freunden von The Band aufnahm, hatten Ende der Sechziger Legendenstatus. Weil kaum jemand sie gehört hatte oder etwas über die Hintergründe ihrer Entstehung wusste.

Ein bisschen seltsam mutet es schon an, dass die Beatles 1969 auf die Idee kamen, sie könnten ihren alten Zauber vor laufenden Kameras wieder heraufbeschwören. Es passierte dann auch das genaue Gegenteil. Im Januar 1969 probten sie für ein Fernsehspecial, das in einem großen Live-Comeback enden sollte, vor den Augen und Linsen der Filmcrew des Regisseurs Michael Lindsay-Hogg und den Mikrofonen des Toningenieurs Glyn Johns. Ende des Monats hatten sie jedoch weder ein Fernsehspecial im Kasten noch ein umjubeltes Konzert gespielt. Aber über 60 Stunden Film- und über 100 Stunden Tonmaterial, aus denen ein Jahr und viele Kompromisse später ein durchwachsenes Album und ein recht quälender Film entstanden. Die Band gab es da bereits nicht mehr. 

Der neuseeländische Peter Jackson kehrt nun zurück in das Jahr 1969, um uns diese Geschichte in einer dreiteiligen Dokumentation für Disney+ noch einmal zu erzählen. Chronologisch. Tag für Tag. 468 Minuten nimmt er sich dafür Zeit. Aber ist es wirklich interessant, den Beatles fast acht Stunden lang dabei zuzusehen, wie sie sich durch halbfertige Lieder proben, Schnittchen essen, Tee trinken, Konflikten aus dem Weg gehen, Witze reißen und sich vom Zufall oder der ersten Eingebung treiben lassen? Auf jeden Fall! Und das nicht nur (aber auch!) wegen der satten Farben, die Jackson den restaurierten Filmbildern gegeben hat. „Get Back“ ist ein extrem unterhaltsames Kammerspiel über Kunst und Kontrolle, Freundschaft und Verrat.

Die Dokumentation beginnt mit einem kurzen Überblick über die Karriere der Band, den man als Resonanzboden braucht, um den Gesprächen dieses Dreiakters folgen zu können. Denn die sind voller In-Jokes und Anspielungen auf die gemeinsame Vergangenheit. Dann sind wir an einem eisigen Wintermorgen in einer riesigen unbeheizten Halle der Twickenham Film Studios. Der Filmproduzent Dennis O’Dell hat den Komplex für die Arbeiten an Joseph McGraths „The Magic Christian“ mit Peter Sellers und Ringo Starr angemietet. Die Dreharbeiten beginnen aber erst Ende des Monats, solange können die Beatles hier proben. John Lennon hat Yoko Ono mitgebracht, George Harrison einen Krishna-Jünger – scheint so eine Art passiv-aggressiver Akt zu sein, in dem sich schon die bald aufziehenden Konflikte andeuten. Man merkt von Anfang an, dass der so genannte „stille Beatle“ keine große Lust hat auf das Projekt, Ringo Starr sieht man auch eher die relativ frühen Morgenstunden an als die Vorfreude auf eine Beatles-Session. John Lennon flackert zwischen absurdem Witz und Langeweile, er hat eigentlich nur ein neues Lied, „Don’t Let Me Down“, das er immer wieder spielen will. Paul McCartney versprüht Tatkraft und Optimismus und versucht die anderen mitzureißen, präsentiert fast jeden Tag eine neue Songidee; man kann ihm dabei zusehen und -hören, wie beim Rumdaddeln am Bass urplötzlich „Get Back“ entsteht.  

All das reicht nicht, um die anderen mitzureißen, im Gegenteil. Die Stimmung kippt langsam – Unsicherheit macht sich breit. Man sieht das an den Blicken, die die Vier austauschen, hört es in ihren Performances und Gesprächen. In dem, was zwischen den Zeilen liegt. In Ermangelung neuer Songs greift Lennon auf Lieder zurück, die er Ende der Fünfziger mit McCartney geschrieben hat. Die Bandsession wird immer mehr zum Dialog zwischen den beiden Songwritern, die versuchen, über die gemeinsame Erinnerung verlorengegangene Nähe herzustellen und vielleicht sogar den Funken ihrer kreativen Freundschaft wieder zu entfachen, Harrison und Starkey sind kaum mehr als Statisten. Bis Harrison in wenig mehr als einem Nebensatz kurz vor der Mittagspause erklärt, er verlasse nun die Band. „See you ’round the clubs.“  

Eigentlich beginnt „Get Back“ erst hier. Mit der Reaktion der Zurückgebliebenen, dem Furor, mit dem sie sich am Nachmittag in Songs wie „I’ve Got A Feeling“, „Don’t Let Me Down“ und vor allem einen Jam mit Yoko Ono stürzen, um den Schock zu verarbeiten, während George Martin und Apple-Chef Neil Aspinall Harrisons Motive und die ungesunden Dynamiken innerhalb der Band diskutieren. Bis schließlich Lindsay-Hogg, der sich gibt wie ein junger Orson Welles (gerüchteweise ist der ja sein Vater) alle zur Krisensitzung zusammenruft. Es rührt an, wenn man Lennon, McCartney und Starr ins Leere starren sieht, während Jackson im Hintergrund Harrisons „Isn’t It A Pity“ laufen lässt, wie sie zu dritt im Kreis stehen, sich berühren, als müssten sie sich stützen. Sie sind noch nicht am Ende, die Verbindung zwischen ihnen ist noch stark, sie können Harrison zurückholen. Dafür opfern sie das Live-Comeback und das Fernsehspecial, ja, ihre (beziehungsweise McCartneys) künstlerische Vision. Tatsächlich scheint „Get Back“ auch die Frage nach den Grenzen des Bandkonzepts aufzuwerfen – wie lange funktioniert so ein basisdemokratischer kreativer Zusammenschluss? Kann eine Band noch funktionieren, wenn sie durch allerlei Kompromisse und Rücksichtnahmen mehr oder weniger handlungsunfähig ist?  

Die Beatles verlassen das unwirtliche Studio in Twickenham und ziehen in das übers Wochenende eingerichtete Studio im Keller ihres Apple-Bürogebäudes an der Saville Row im schicken Londoner Stadtteil Mayfair um. Und plötzlich sind die Blicke freundlicher, die Gesten offener, die Performances besser, und auch Lennon hat endlich wieder neue Songs – „Dig A Pony“ und „I Want You (She’s So Heavy)“. Gemeinsam machen sie sich darüber lustig, was die Presse über ihre angebliche Trennung schreibt. Fäuste sollen geflogen sein. Seltsam gehemmt sprechen sie über ihre Zeit beim Maharishi in Rishikesh Anfang 1968. 

Als ihr alter Freund aus Hamburg-Tagen, Billy Preston, auf Besuch vorbeischaut, sich gleich an ein E-Piano setzt und daraufhin der Song, mit dem sie seit Beginn der Sessions ringen, „Don’t Let Me Down“, plötzlich abhebt, scheinen sie wieder eine Einheit zu sein. Mit den Erinnerungen an ihre Lehrjahre auf St. Pauli ist tatsächlich die alte Magie ist zurück. Wenn nur nicht Lindsay-Hogg und McCartney immer noch auf einen irgendwie spektakulären Abschluss der Sessions durch ein Konzert drängen würden, um den Film mit einem Happy-End abzuschließen. Erstmal ziehen dunkle Wolken auf, Lennon erzählt von seinem Treffen mit dem windigen Stones-Manager Allen Klein und versucht auch Harrison hinter McCartneys Rücken von ihm zu überzeugen. Es ist dieser Verrat, der schließlich ein Dreivierteljahr später zum Ende der Band führen sollte. Doch es bleibt hier bei Andeutungen. Harrison erzählt, dass er ein Soloalbum plant, George Martin spricht sich dafür aus, dass „The Long And Winding Road“ ein Streicherarrangement bekommt und springt damit quasi avant la lettre Phil Spector zur Seite, dessen orchestrales Arrangement des Songs McCartney später so aufbringen wird, dass auch er als letzter schließlich genug hat von den Beatles.  

Als sich zeigt, dass die Band weder in ein Flugzeug zu einem lybischen Amphitheater noch in ein Taxi zum Primrose Hill im Regent’s Park zu bewegen ist, schlagen Lindsay-Hogg und Johns vor, doch einfach den Aufzug zu nehmen und auf dem Dach des Bürogebäudes zu spielen, in dessen Keller sie sich eingenistet haben. Die Reaktionen der Beatles sind verhalten. McCartney hält sich zurück, um nicht wieder als Boss zu erscheinen. Starr zeigt sich schließlich bereit, dann auch Lennon, widerwillig schließlich sogar Harrison. Sie halten sich bis zur letzten Minute offen, ob sie wirklich erscheinen.  

Selbst als sie das Dach betreten, scheinen sie skeptisch. Doch mit dem ersten Ton von „Get Back“ sind alle Zweifel verflogen. Die vielen Proben der vergangenen Tage haben sich ausgezahlt. So druckvoll und tight haben sie vermutlich nie zuvor in der Öffentlichkeit zusammengespielt. Auf den Straßen unter ihnen hört man begeistert zu. Nur ein paar Geschäftsleute melden Ruhestörung, dabei haben die Beatles mit ihrem Gig doch extra bis zur Mittagspause gewartet. Zwei mies gelaunte Polizisten klingeln an der Savile Row Nummer 3, finden diesen Lärm „unnötig“. Schließlich werden die Ordnungshüter nach taktischer Verzögerung aufs Dach gelassen, und man sieht, wie McCartney bei ihrem Anblick die Chance auf ein spektakuläres Ende des Films wittert. „You’ve been out too long, Loretta“, singt er bei einem dritten Durchlauf von „Get Back“. „You’ve been playing on the roof again/ And that’s no good/ Your mummy doesn’t like that/ She’s got to have you arrested.” Doch die Bobbys bleiben freundlich, wissen noch nicht, dass sie durch ihren Auftritt den Mythos befeuern werden, nach dem das letzte Konzert der Beatles von der Polizei gestoppt wurde. 

Am Tag drauf gehen die Beatles noch einmal ins Studio, um die nicht schon auf dem Dach (ein-)gespielten Songs für ihr neues Album aufzunehmen. Jackson zeigt die Bilder, während schon die Credits laufen. McCartney singt „Two Of Us“, „The Long And Winding Road“ und „Let It Be“ – Lieder, die von Freundschaft und Liebe handeln, aber auch vom Loslassen. McCartney kann das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Nachdem sie das perfekte Take von „Let It Be” aufgenommen haben, will er „zur Sicherheit“ noch einen letzten Versuch. Lennon winkt ab: „We’ve got so many of this bastard.“

Cover von „The Beatles: Get Back“