Neunte Kunst (9)

„Rein in die Fluten!“: Gut geölte Strandkörper und schwermütige Cocktail-Schwinger

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Neunte Kunst (9)

„Rein in die Fluten!“: Gut geölte Strandkörper und schwermütige Cocktail-Schwinger

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Sommerurlaub ist Krieg! Der Körper wird mindestens drei Monate vorher mit Haferflocken, Hanteln und eiserner Gymnastik in Form gebracht. Das perfekte Domizil ist schon mindestens ein Jahr im voraus ausgesucht, dafür wird auch der eine oder andere Restaurant- oder Kinobesuch eingespart. Man will will sich ja nicht lumpen lassen. Die Ausflüge sind zudem gebucht – ohne Rücksicht auf die gelangweilten Kinderlein. Und mehr als 200 Meter zum Strand dürfen es auch nicht sein, denn schließlich wird das Liegenparadies zur Rückzugsstätte für mehrere Stunden am Tag. Freigelegt unter praller Sonne, sonnencremegestärkt und mit dem beruhigenden Blick auf das sich wonnig wogende Meer.

Egal wie nun die Bekenntnisse der meisten Europäer und vor allem der Deutschen in Umfragen auch sein mögen (Abenteuerurlaub! Freizeit auf dem Bauernhof! Rückzug auf Balkonien! Fliegen zerstört die persönliche CO2-Bilanz!), die Mehrzahl greift zurück auf den Klassiker am Strand, am besten All Inclusive, damit nicht noch im Urlaub gerechnet werden muss. Doch während die Vorfreude auf die Ferienfreizeit sich vor allem auf die immer gleichen Wunschvorstellungen von Entspannung und Körperbräunung beschränken, sieht die Realität vor Ort ganz anders aus. Sie wird nur mit Sinn für Humor zum zweiwöchigen Vergnügen.

Einmal im Jahr den Kopf ausschalten

Das französische Comic-Duo David Prudhomme und Pascal Rabaté (“Die Plastikmadonna”), das hierzulande leider nicht die Aufmerksamkeit bekommt, das es verdient, hat sich mit ihrer Graphic Novel „Rein in die Fluten!“ dieses Themas mit voyeuristischer Neugier und soziologischer Präzision angenommen. Urlauber jeglicher Couleur, von der Familie über verliebte oder nicht mehr ganz so ineinander vernarrte Pärchen bis hin zu egomanischen Singles, prallen im fiktiven Polovos Plage aufeinander. Doch zunächst steht ja erst einmal die strapaziöse Reise an. Schon hier beginnt der Albtraum, den die Franzosen mit feinem Strich und dem Hang zur liebevollen und niemals blasierten Karikatur in Szene setzen. Was wurde vergessen? Wie mit dem Stau umgehen? Wie sollen die gelangweilten Kinder auf dem Rücksitz bespaßt werden? Die Mutter will ihre plärrenden Kinder beschäftigen. “Singt uns doch was Schönes, ihr Racker!” Und es folgt „Die drei Chinesen mit dem Kontrabass“ in Dauerschleife.

Ach, es könnte alles so schön sein – ist es aber nicht. Genau darum geht es Prudhomme und Rabaté. Mit zuweilen melancholischen, in ihrer Ausdifferenzierung manchmal gar cineastisch anmutenden Panels, die möglicherweise gleichsam von Jacques Tatis „Die Ferien des Monsieur Hulot“ und Ulrich Seidls beinharten Dokumentationen inspiriert wurden, wird die verbissene Vergnügungssucht der Menschen entlarvt. Und ihre Unfähigkeit, sich von den entfremdenden ökonomischen und psychischen Erwartungen zu erholen. Das geschieht aber nie aufdringlich oder gar kapitalismuskritisch. Die Autoren gönnen den Menschen ihre wohlverdiente Auszeit. Aber sie dokumentieren auch aus der Sicht eines nüchternen und doch amüsierten Beobachters, wie sinnlos dieses Bestreben ist.

Die zahlreichen Protagonisten schwitzen vor sich hin und starren auf andere mal mehr und mal weniger ansehnliche Menschen, die vor sich hin schwitzen. Narrativ funktioniert das wie in den Episodenfilmen von Robert Altman – eine Figur nimmt die andere in Augenschein und schon erfahren wir etwas über den nächsten Charakter. Manchmal grüßen die sarkastischen und vom Wohlstand übersättigten Posen von Cartoonist Manfred Deix aus den großzügigen, sehr vielgestaltigen Tableaus.

Hinschauen oder wegschauen?

Dabei entstehen zuweilen heiter-melancholische Miniaturen, die sich ganz aus dem spontanen Fluss der völlig ereignislosen Handlung ergeben. So geht ein Mann mit seinem Hund über den Strand spazieren und beobachtet die Menschen in seiner Umgebung in Aktion. Da wird lakonisch das Scheitern eines Drachenfliegers kommentiert – und der Bauch eingezogen, wenn dann doch der Blick eines anderen Männchens auf die eigene Wampe gerichtet ist. Ein gaffender Familienvater muss sich vor den zickigen Einwürfen seiner Ehefrau retten und nimmt nach einem kurzen Augenrollen doch wieder die flotte, barbusige Sitznachbarin in Augenschein.

Ihre Komik erzielt die nostalgische, wunderbar leichtfüßig daherkommende Comic-Erzählung mit durchaus alltagsphilosophischem Tiefgang vor allem durch die markante Betonung und Illustration von Körperlichkeit. Der Geist ist in dieser Form des Urlaubs für mehrere Tage suspendiert, die Leiber fordern ihr Recht. Natürlich gibt es wie im wahren Leben keine Perfektion. Sexy ist hier rein gar nichts, aber alles sehr menschlich. Prudhomme und Rabaté legen in ihrem Panoptikum der Promenadengesellschaft genüsslich und manchmal auch boshaft die Diktatur der Blicke offen, die im am Strand keine Grenzen kennt. Man ist sich einander fetischisiertes Anschauungsobjekt.

„Rein in die Fluten“ (erschienen bei Reprodukt, 24 Euro) ist ein kleines, prachtvolles Meisterwerk der anspruchsvollen Comic-Literatur, präzise gestaltet, ausgesprochen klug geschrieben. Die ideale Ferienlektüre für all jene, die im Urlaub doch nicht den Kopf ausschalten können und sich schon allein deshalb den Alltag zurückwünschen.


Der AdZ (Autor dieser Zeilen) hat es noch an keinem Strand länger als zehn Minuten ausgehalten, ohne sich zu langweilen. Viele tragikomische Momente seiner Strandurlaube in der Kindheit finden sich in „Rein in die Fluten!“ wieder – und so ist der Comic für ihn auch ein nostalgisch-melancholisches Vergnügen.


Comic-Blog „Neunte Kunst“

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