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Neunte Kunst - exklusiver Einblick

Comic-Biographie über Alfred Hitchcock: Regisseur mit Meistergehirn


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Jeder angehende Cienast braucht dieses Buch: „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut ist so etwas wie eine Liebeserklärung an den (zur damaligen Zeit unbestritten) größten, bekanntesten, wirkmächtigsten Regisseur in der Geschichte des Kinos.

Es wurde 1966 veröffentlicht, da hatte Hitchcock ein paar Jahre zuvor mit „Marnie“ nach einer Reihe großer Kassenschlager einen finanziell enttäuschenden Film hingelegt und darauf in jenem Jahr mit „Der zerrissene Vorhang“ reagiert. Die Kritik war unerbittlich, warf ihm historische Blauäugigkeit vor und – was noch viel schlimmer wog – eine fatale Tendenz zur altmodischen Inszenierung.

Mit dieser allerdings künstlerbiographisch interessanten Ausgangslage ließ sich Hitch, wie er im Grunde von allen genannt wurde, die ihm nahe standen, von einem der jungen Wilden des französischen Kinos interviewen, der in dem Jahr des Erscheinens des Gesprächsbandes seine Bradbury-Adaption „Fahrenheit 451“ ins Kino gebracht hatte.

Die Sache war klar: Auf der einen Seite der Meister, der nicht nur jedes Geheimnis der Filminszenierung kannte, sondern höchstselbst eine Menge Erfindungen in den Werkzeugkasten der Leinwandkunst hinterlegt hatte; auf der anderen Seite ein gelehriger, unvoreingenommen bewundernder Schüler, der vom Filmkritiker zum Regisseur reifen durfte. Die französische Nouvelle Vague, für die Truffaut stand,  war da freilich schon in ihre Endphase eingetreten.

Hitchcock kann man lieben oder hassen (ignorieren kann man ihn nicht)

„Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht“ ist gleichsam Werkstattbericht und biographischer Anriss, in der Gesprächsführung von außergewöhnlicher Dynamik – ein trotz der offensichtlichen und dennoch ironisch sanft gefilterten Hagiographisierung durch und durch journalistisches Werk. Aber natürlich ließ es Leerstellen entstehen, denn dieser britische Regisseur, der am Set ein besessener Perfektionist war und selbst die Werbefotografien für die Dreharbeiten mit Argusaugen überwachte, war sich seines eigenen öffentlichen Bildes immer sehr wohl bewusst. Und er steuerte es, so gut er konnte. Auch in diesem Interview.

Eine voluminöse neue Comic-Biographie, die in zwei Bänden erscheint (Teil 1, „Der Mann aus London“, seit Januar 2021 in deutscher Übersetzung bei Splitter, 24 Euro), geht nun einen etwas anderen Weg. Sie trennt den auf dem alten und neuen Kontinent arbeitenden Regisseur voneinander, sie erzählt ausführlich über den Ehemann und Sohn, den Jesuitenschüler, den Theater-Narren, den manischen Bühnenarbeiter, den Bewunderer kühler Blondinen, den schon in der Kindheit korpulenten Körpermenschen, der mit buchstäblich seinem Bauch entschied und wohl auch wegen seiner Statur jede Kritik abprallen ließ.

Hitchcock gab vor, immer zu wissen, was er tat

Aber natürlich präsentiert sie auch ausführlich den teuflischen, an übergenauer Psychologie interessierten Humoristen, der jedes Gespräch zur Wahrheitsfindung missbrauchte.

So heißt es etwa in einem Gespräch Hitchcocks in einem Panel in dem Buch, das er mit dem Autor Walter C. Mycroft während der Sichtung seines auch autobiographisch gefärbten Films „Endlich sind wir reich“ mit Blick auf ein gefesseltes Paar führt: „Aber warum stürzt das Pärchen in den Abgrund?“ (Mycroft) „Meinen Sie nicht, dass sich alle Pärchen in den Abgrund stürzen, gefesselt oder nicht?“ (Hitchcock) Das Buch ist reich gefüllt mit solchen Spitzfindigkeiten.


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Das von dem in Frankreich bekannten Filmhistoriker und Szenaristen Noel Simsolo und Zeichner Dominique Hé entworfene Bild Hitchcocks trägt von der ersten Seite an dick auf, es wechselt im Stakkato-Stil den Schauplatz und die Zeiten, springt von einem launischen (und entlarvenden) Small Talk des Regisseurs mit Cary Grant bei den Dreharbeiten zu „Über den Dächern von Nizza“ augenblicklich in die Schulzeit Hitchcocks, wieder zurück und zur Premiere von „Psycho“, dem größten Erfolg des Briten und ersten Verächter des Spoilers.

Vieles wird nur angeschnitten, die psychoanalytisch dezent gerahmten Details aus der Vergangenheit Hitchcocks dienen lediglich als Rahmen für eine sehr anschauliche Reproduktion der Arbeits- und Denkweise des Ausnahmeregisseurs, bei dem selbst Film-Buffs noch etwas lernen können.

Manchmal wird dieses intellektuelle Puzzle-Spiel natürlich auch übertrieben, aber Hé sorgt mit seinen fotorealistisch gezeichneten Tableaus, die filmischen Mitteln folgen und die geschickte Montage der Erzählung kongenial spiegeln, dass sich niemals Langeweile einstellt.

Vor allem ein Geschenk für Cineasten

Jede Generation von Kinozuschauern dürfte eine andere Lesart von Alfred Hitchcocks Gesamtwerk finden, was natürlich auch mit der nicht zu letzt technischen Entwicklung des Films zu tun hat. Wer sich aber intensiv mit der Magie der Kinematographie beschäftigt, der kommt – natürlich auch in Gesprächen unter Gleichgesinnten – immer wieder auf Hitch zurück. Weil der sich vielleicht auch mit narzisstischer Energie ins Zentrum dieser Arbeit am Bild, am Mythos des visuellen Erzählens stellte, und mit Blick auf das nicht mehr aufzuhaltende Ende des Kinos als Abspiel- und Sehnsuchtsort des Films als Figur (oder mit seinem britischen Humor gesprochen: als Maskottchen) wie ein Atomkern in der historischen Mitte des Kinos verbleibt.

Die mit dieser nuancenreichen graphischen Biographie hinterlegte Anerkennung von Hitchcocks Lebensleistung hat anders als bei Truffaut kaum etwas mit unvoreingenommener Liebe zu tun, sondern sehr viel mit Respekt. Das hätte Hitchcock, dessen berüchtigte Mimik sich in der natürlich nicht nur den reinen Fakten folgenden Graphic Novel in Dutzenden Variationen im Stile eines großen Komikers verbiegt, wohl selbst ein süffisantes Lächeln abgetrotzt.

ROLLING STONE präsentiert exklusiv einen Ausschnitt aus „Alfred Hitchcock 1: Der Mann aus London“

Alle Bilder: Splitter Verlag

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Simsolo, Noel
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