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George Michael Older


>> Arne Willander zum Tod von George Michael

Anfang der Neunziger hörte George Michael endlich Jazz, Bossa nova, er kiffte, verschanzte sich im Studio. Sein Lebensgefährte Feleppo Anselma war verstorben, ebenso sein musikalisches Idol Antonio Carlos Jobim, doch ein Tribut-Album für beide konnte zunächst nicht verwirklich werden. George Michael befand sich in einem Gerichtsstreit mit seiner Plattenfirma, von der er sich nach Veröffentlichung seines letzten Werks, „Listen Without Prejudice Vol. I“ (1990) nicht ausreichend unterstützt gefühlt hatte. Von 1992 an ging alles nur in kleinen Schritten. Für den Aidshilfe-Sampler „Red Hot + Rio“, auch hier beanstandete der 33-Jährige schwache Kooperation, skizzierte er zumindest schon mal die Richtung, in die er einschlagen würde.

George Michael stellte Kontakte selbst her, und es gelang ihm, die zurückgezogen lebende Grande Dame des Bossa für ein Duett zu gewinnen – Astrud Gilberto. Die gemeinsame Fassung von Jobims „Desafinado“ war ein behutsames Cover, unaufgeregt und im Klang traditionell, es bezog seine Spannung aus Michaels Schüchternheit (er singt portugiesisch) und Gilbertos nicht zu erlernende, in die Wiege gelegte Unbedarftheit. Der Weg für „Older“ war damit bereitet.

Nur schmerzvoll zu ertragen

„Older“ erschien dann 1996, sechs Jahre nach „Listen Without Prejudice Vol.I“. Der Sänger legte elf Stücke vor, die lange in ihm gearbeitet hatten: eine konzentrierte, von ihm nie wieder so antizipierte Auswahl an Trauerliedern. Mit „To Be Forgiven“ gelang ihm der Tribut an Jobim und Joao Gilberto mit eigenem Material, dessen Text-Assoziationen – das Wasser, die Jahreszeiten, Tod, Geburt – auch zeigten, wie sehr er sich in Bossa Nova hinein zu fühlen versuchte:  „Suddenly My Life Feels Like A River / Taking Me To Places / I Don’t Wanna Go“. Noch eindringlicher, auch durch seine Langsamkeit nur schmerzvoll zu ertragen, ist „You Have Been Loved“. Es gibt vielleicht nichts Schlimmeres als das eigene Kind beerdigen zu müssen, George Michael hat sein wohl bewegendstes wie friedvollstes Lied dazu geschrieben. „For What’s The Use In Pressing Palms /When Children Fade In Mother’s Arms“.

Zwei „Older“-Höhepunkte sind „Jesus To A Child“ und „Spinning The Wheel“ – das Saxofon und der verschobene Rhythmus machen einen kirre, es klingt, als würde jemand torkeln – mit Recht: Es geht um das schlimme Gefühl zu Hause auf den Partner zu warten. Der sich woanders vergnügt. „Baby don’t you love that Trash?“.

In der Vorabsingle „Jesus To A Child“, erstmals 1994 bei den europäischen MTV Awards vor dem Brandenburger Tor aufgeführt und für gut befunden, kam alles zusammen, was den neuen George Michael ausmachte. Mit Nonstop-Kiffen und Latin Jazz als erneutes Mittel der Wahl gelingt das Trauerstück um den Verlust des allerliebsten Menschen – wie man das am Totenbett aushält und über den Glauben zu neuer Kraft findet: „You smiled at me like Jesus to a child /Loveless and cold / With your last breath you saved my soul“. Vielleicht die einzige Nummer-Eins-Single in Großbritannien, in der ein schwuler Mann den Aidstod seines Partners betrauert.

1996 sollte sich George Michael auch als Dancefloor-Musiker neu aufstellen. Doch während er mit „Fastlove“ – und dessen nicht kreditierten Anleihe bei Patrice Rushens „Forget Me Nots“ – noch ein zwischen Band und Drumcomputer ausgewogenes Arrangement fand, gibt es auf „Older“ erstmals jene typischen Lieder, die so klingen, als hätte er die Eurodance-Rhythmusmaschine angeworfen. „The Strangest Thing“ fällt in diese Scharte, die der Sänger mit „Outside“ zwei Jahre später auswetzen würde. „White Light“, seine 2012er-Comeback-Single als „Überlebender“ (ab 2006 häuften sich diverse Eskapaden), bestand dann fast nur noch aus Techno. Bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London, wo George Michael das Stück erstmals vorstellte, musste er damit erwartungsgemäß verlieren. Was er bot, war eben kein stolzer britischer Pop, sondern Euro.

Keine Jeans mehr, kein Amerika

Am Ende gelang George Michael mit „Older“ sein Comeback. Die Platte ging natürlich auf die Eins, und die Rekordjäger verweisen auf Wikipedia stolz auf den einmaligen Vorgang, dass der Sänger während einer Zeitspanne von zwei Jahren sechs Singles in den britischen Top 3 platzieren konnte (so viele Zahlen!). Lustig wird der genaue Blick, der zeigt, wie viel Zeit(geist) seit 1996 verstrichen ist: Drei Singles schafften es nicht auf die 1, weil Riesenhits George Michael den Weg verstellten.

„Spinning The Wheel“ wurde von den Spice Girls mit „Wannabe“ in Schach gehalten, „Star People `97“ scheiterte an dem von ihm ungeliebten („unsere einzige Gemeinsamkeit? Wir waren beide fett“) Gary Barlow mit „Love Won’t Wait“. „You Have Been Loved“ wiederum konnte gegen „Candle In The Wind ’97“ seines Freundes Elton John einfach keine Chance haben. Beides immerhin Trauerlieder, die sich ihrer Zeit perfekt ergänzten. Da „Jesus To A Child“ und „Fastlove“ eben zuvor auf die Top-Position gingen, die anderen drei Auskopplungen aber nicht, blieb George Michael so der Triumph von fünf Nummer-Eins-Hits in Folge verwehrt.

Nur die Amerikaner spielten bei der Rückkehr des Sängers nicht mit. 1987 noch hatte George Michael sie mit „Faith“, Sonnenbrille, Cowboystiefel, Jeans und Video-Clips von Tony Scott erobert. Mit dem neuerdings schwarz und in Leder gekleideten Sänger aber, dessen Bedeutung von“Jesus To A Child“ sie nicht wahrhaben wollten, bekamen sie Probleme.

Als Michael 1998 seine Coming-out-Single „Outside“ veröffentlichte, galt sein Karriere-Ende in den USA als weitestgehend besiegelt. Das Coming-out war es ihm wert, zu Recht.


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