The Rolling Stones „El Mocambo 1977“ – Draußen auf Kaution


Universal (VÖ: 13.5.)


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Damals, im März 1977 in Toronto, stand die Zukunft der Band wirklich in den Sternen. Nicht weil sich Jagger und Richards vorübergehend in Eitelkeiten und Egos verloren, bevor doch wieder die Blues-Brüder- Bande obsiegte. Nein, Keith war im Harbour Castle Hotel festgesetzt, ohne Pass, nachdem die Royal Canadian Mounted Police doch arg viel Heroin bei ihm gefunden und deshalb „the purpose of trafficking“ unterstellt hatte. Nur wenige Wochen zuvor, in London, war Richards noch mal mit einer Geldstrafe für ein bisschen Kokain davongekommen. Aber nun drohte Knast für mehr als eine Nacht, diesmal schien es wirklich ernst. Blöd nur, dass er doch eigentlich nur nach Toronto gekommen war, um ein bisschen zu spielen.

Jagger singt sogar mal wieder richtig und konzentriert sich nicht auf das Verschlucken von Endsilben

Was die Stones dann zwischen Verhaftung, Kaution und Gerichtstermin auch tatsächlich noch taten: Zwei Abende im El Mocambo vor jeweils ca. 300 Glücklichen, die nach einem Radio-Contest geglaubt hatten, April Wine wären die Headliner, nicht diese als The Cockroaches annoncierte Vorband. Die Stones wollten mehr Material für ein Live-Album generieren, als Flashback zu seligen Rhythm’n’Blues-Cover-Tagen im Londoner Crawdaddy, als Credibility-Kontrast auch zu den üblichen Arena-Shows dieser Zeit. Und so ward schon 1977 die Seite 3 des Doppelalbums „Love You Live“ geboren: „Mannish Boy“, „Crackin’ Up“, „Little Red Rooster“, ein furioses „Around And Around“. Nun gibt’s den Rest dazu auch offiziell.

Der hat es durchaus in sich, als Komplettmitschnitt der zweiten Show plus drei Tracks aus der ersten. Obschon das Flashback nicht so umfangreich gerät wie vielleicht mal angedacht. Denn Richards’ Drogenmalaise hatte insofern Folgen für das Mocambo-Programm, als nicht so viel geprobt werden konnte wie erhofft. Deshalb durften es wieder viele übliche Verdächtige richten plus damals aktuelles „Black And Blue“-Repertoire: „Hand Of Fate“, „Hot Stuff“, „Fool To Cry“, das Billy-Preston-Feature „Melody“. So erweitern nur „Route 66“ und „Worried Life Blues“ die Ahnengalerie.

Niemand hätte geklagt wäre dieses Club-Set schon damals statt „Love You Live“ veröffentlicht worden

Dazu das Live-Debüt von „Crazy Mama“, bei dem Ron Wood mal ein Allman Brother sein wollte, oder ein sonst kaum gespieltes, frenetisches „Dance Little Sister“. „Some Girls“ entsendete noch keinen Vorboten. Dafür wartet die Bühnenpremiere des erst auf „Tattoo You“ verewigten „Worried About You“, in einer angenehm unfertigen Achtminutenversion, etwas unglücklich ganz am Schluss platziert.

Jagger – im Mix schön in einer oft entfesselten Band versunken, statt sie zu dominieren – singt sogar mal wieder richtig und konzentriert sich nicht auf das Verschlucken von Endsilben. Seinen Spaß hat er eh: Verteilt sarkastische Streicheleinheiten für die Journaille am Tisch ganz vorn. Kündigt den armen Charlie als Jazz-Drummer an, der es doch nur des Geldes wegen mit den Stones mache. Und: Wer später mit Perkussionist Ollie Brown aufs Zimmer wolle, müsse seine Mama mitnehmen. So hätte trotz gelegentlicher Durchhänger („Let’s Spend The Night Together“) niemand geklagt, wäre dieses sehr lebendige Club-Set schon damals statt „Love You Live“ veröffentlicht worden.

Nur zwei Fragen bleiben: Warum fehlt „Happy“, obwohl es zumindest am zweiten Abend auf der Setlist stand? Vielleicht war Keith, der hier ganz ohne
Vocal-Spot bleibt, verständlicherweise nicht danach. Vor allem aber würde man gern wissen: Was mag Margaret Trudeau, die Gattin des damals amtierenden kanadischen Premierministers, da in der ersten Reihe gedacht haben, als Mick Jagger ihr immer wieder „You’re a starfucker, that’s what you are“ entgegenschleuderte


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