ROLLING-STONE-Disput: Welcher ABBA-Song ist besser – „I Still Have Faith in You“ oder „Don’t Shut Me Down“?



Sassan Niasseri: Warum „Don’t Shut Me Down“ der bessere Song ist

Die mutigeren Pop-Songs sind nicht die Balladen, sondern die „Dance Songs“. Alles, was in der Popmusik mit schnelleren Rhythmen zu tun hat, klopfen wir mehr oder weniger bewusst darauf ab, ob es jetzig klingt, altmodisch oder wegweisend. In dieser Hinsicht machen Abba mit „Don’t Shut Me Down“ nichts verkehrt. Vielleicht auch deshalb, weil die Band diesen Sound kreiert, er nicht, obwohl es möglich gewesen wäre, aus dem Computer stammt: wabernder Götterspeise-Bass und Disco-Schlagzeug. Retro-Futurismus. Dazu ein leicht schiefes „I Do I Do I Do“-Hangover-Saxofon. Das Abba-Feeling. Euphorisch sein, und dennoch leicht betrübt, weil irgendwas nicht stimmen kann, man den eigenen Gefühlen misstraut.

Gestrig waren Abba nie, obwohl sich die Popmusik in den 1970er-Jahren wandelte wie nie zuvor. Mit „Dancing Queen“ standen Abba 1976 im Zentrum des Disco, mit „Voulez-Vous“ wollten sie drei Jahre später unbedingt das letzte Wort haben – dennoch einer der gewaltigsten Beiträge des Genres.

Alle vier Abba-Musiker haben nun die 70 überschritten. „I Still Have Faith In You“ ist eine solide, vertrauenserweckende Nummer. Aber meine Abba sind die des leisen Zweifels, und sie nehmen doch im Alter nicht ab. „I Still Have Faith In You“ ist für mich eher ein Song, der im Hintergrund einer Olympiade-Berichterstattung laufen könnte. Wenn es darum geht, Gewinner auszuleuchten.

Mit „Don’t Shut Me Down“ an die Öffentlichkeit zu gehen, nach 40 Jahren Pause, ist da umso gewagter. Agnetha sitzt im Regen auf einer Bank, denkt an Kinderlachen, das sie nie mehr hören wird und überlegt, ob die Beziehung zu ihrem Liebhaber eine Zukunft hat. Ein leer geräumtes Apartment droht. Das ist der große Stoff der Abba der frühen 1980er-Jahre, „The Day Before You Came“ und „Just Like That“. Ich hätte nichts dagegen, wenn die übrigen acht, noch unbekannten „Voyage“-Songs dieser Erzählung folgen.

Birgit Fuß: Warum „I Still Have Faith In You“ der bessere Song ist

„I Still Have Faith In You“ ist genau der Song, den wir alle von ABBA hören wollten, auch wenn wir das vorher gar nicht wussten. Natürlich handelt er von den Selbstzweifeln, von Loyalität und von der Frage, was noch geht im Jahr 2021: „Do I have it in me?“ Ist die Erwartung nicht viel zu groß, die Gefahr einer Enttäuschung damit auch? Kann schon sein. Doch so was hält nur Feiglinge auf.

Der eingespielte Applaus zu Beginn erinnert an alte Zeiten. Schon mit den ersten Zeilen ist klar, dass ABBA es immer noch haben, das Magische, beinahe Unerklärliche. Natürlich sind es neben dem meisterlichen Arrangement die Stimmen der beiden Frauen. Ein bisschen tiefer klingen sie jetzt, und Frida hat einen stärkeren Akzent als früher, doch das sind Kleinigkeiten. Wie hat man dieses seltsame, lakonische Englisch vermisst: „I still have faith in you/ I see it now/ Through all these years that faith lives on/ Somehow.“

Es ist der größte, schönste Kitsch, das Pathos genau richtig, wenn nach drei Minuten wieder Applaus aufbrandet und die Frage „Do I have it in me““ sich längst beantwortet hat. „Don’t Shut Me Down“ ist auch ein unwiderstehlicher ABBA-Stampfer, aber „I Still Have Faith In You“ ist der Beweis, dass klassische Popmusik auch heute noch verzaubern kann, allen Spotify-Algorithmen und anderem modernen Quatsch zum Trotz.

ABBA sind zurück, weil sie es noch können. Weil zumindest Björn und Benny sich so freuen, dass sie endlich wieder alle gemeinsam Musik machen  – das Strahlen der beiden wiegt auf, dass Agnetha und Frida anscheinend nicht so bereit sind, den ganzen Zirkus mit Interviews und Promo-Auftritten wieder mitzumachen. Sie singen, das soll genug sein. Und wie sie singen! Am Ende geht es, so das Resümee dieses Liedes, doch nur um die Liebe. „Passion and courage/ Is everything.“